Georges Schwickerath am Fenster seines Büros gegenüber dem Bieler Bahnhof. Foto: Christiane Elmer

"Die Kirche muss aus der Sakristei hinausgehen"

Begegnung mit Georges Schwickerath, seit sechs Monaten Nachfolger von Arno Stadelmann als Bischofsvikar der Bistumsregion St. Verena.

Herr Schwickerath, was macht ein Bischofsvikar?

Georges Schwickerath: Das ist eine Teamleistung. Innerhalb des Bischofsvikariats sind Edith Rey und Jean Jacques Theurillat, Bischofsvikar für den pastoralen Jura, verantwortlich. Wir drei vertreten den Bischof von Basel, Felix Gmür, in den Kantonen Bern, Jura und Solothurn. Dies gegenüber der Landeskirche, den Kirchgemeinden und Mitarbeitern in den Kirchgemeinden. Die Bischofsvikare haben das Recht, den jungen Menschen die Firmung zu spenden, was mir grosse Freude macht. Und wir sind auch Mitglieder des Bischofsrates, daher Mitarbeiter, die dem Bischof nahe stehen. Gemeinsam diskutieren wir wichtige pastorale Themen und Projekte und übernehmen auch Verantwortung innerhalb der Personalabteilung. Und dann versuchen wir, mit der Basis in Kontakt zu bleiben.

Vermissen Sie nicht die Seelsorge?

Ja. Glücklicherweise gibt es Konfirmationen, Liturgien, die geleitet werden müssen, Weihen von Priestern oder Seelsorger, sowie andere Aufgaben, die der Bischof uns anvertraut. Aber es ist wahr, dass ich den täglichen pastoralen Dienst vermisse: Wir haben keine Taufen oder Beerdigungen mehr und wir haben nicht mehr den gleichen Kontakt zu den Gemeindemitgliedern. Wenn ich Priester bin, ist die Gemeinde ein bisschen wie meine Familie. Jetzt, in meiner neuen Rolle, komme ich von draussen, komme irgendwohin und dann gehe ich ...

Und wie leben Sie in dieser neuen Rolle?

Es ist wirklich eine grosse Veränderung. eine ganz andere Perspektive. Unsere pastorale Arbeit besteht darin, Seelsorgern und Seelsorgerinnen dabei zu helfen, ihre Arbeit gut zu machen; im Gegensatz zu letzteren, welche die Gemeindemitglieder als Gesprächspartner haben. Aber wir bleiben in Beziehungen und wir bleiben Kaplane.

Was sind Ihre Eindrücke nach sechs Monaten?

Ich bin sehr zufrieden mit der Offenheit der Menschen. Sie haben mich überall willkommen geheissen. Ich entdecke die Komplexität unserer Diözese. Wir arbeiten in drei Kantonen und haben drei verschiedene Systeme aus Sicht der Landeskirche, der Synode und der Kirchgemeinden. Ausserdem beschäftigen wir uns im Bischofsrat mit dem ganzen Bistum; das bedeutet zehn Kantone und die damit verbundene Komplexität. Und wir haben zwei Amtssprachen: Deutsch und Französisch. Obwohl der französischsprachige Teil eine Minderheit ist, hat er seine wichtige Bedeutung. Er bereichert unser Bistum wirklich. Da ich eine Schwäche für die französische Sprache habe, freut mich das natürlich. Ohne dabei die Anwesenheit noch anderer Sprachgemeinschaften wie der Missionen zu vergessen.

Sie kommen aus Luxemburg. Die Mehrsprachigkeit kennen Sie . . .

. . .Ja! Da spricht man hauptsächlich Luxemburgisch und Französisch, aber auch Deutsch. Es ist dort üblich, einen Satz in einer Sprache zu beginnen und dann spontan in einer anderen fortzufahren. Das ist aufregend. In einer multikulturellen Stadt wie Biel fühle ich mich nicht fehl am Platz. Darüber hinaus befindet sich das Büro des Bischofsvikariats gegenüber dem Bahnhof; ein lebhafter und zentraler Ort. Ja, das Multikulturelle begeistert mich total!

Wir leben im Jahr 2020. Was sind die Herausforderungen für unsere Bistumsregion?

Der Mangel an Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen bleibt unser Hauptproblem. Wir haben nicht genug Priester, Theologen oder Katechetinnen. Das ist ein grosses Problem. Und die Kirche muss sich den grossen Fragen unserer Zeit stellen. Das Christentum ist heute nicht mehr eine Selbstverständlichkeit; es gibt große Veränderungen, mit denen die Kirche leben und in denen sie nach Lösungen suchen muss. Wir müssen Synergien schaffen, sicherstellen, dass die Bedürfnisse der Menschen erfüllt werden. Ich bin überzeugt, dass Menschen nach Sinn und Sicherheit suchen. Und wer kann besser als die Kirche oder der Glaube einen solchen Durst stillen?

Wie können wir sie ermutigen, den Sinn im Glauben zu finden?

Jesus antwortete Petrus: "Komm und sieh!" Sie können die Kirche nicht erklären. Du musst kommen und sehen. Den Geist fühlen. Aber im Gegenzug muss die Kirche aus der Sakristei herauskommen, um die Menschen dort zu treffen, wo sie sind. Das Profil eines Bischofsvikariats unterscheidet sich heute stark von jenem in der Vergangenheit. Wir sind im gesellschaftlichen Leben, im täglichen Kontakt mit den verschiedensten Menschen; es hat sich ein Geist des Zuhörens und der Zusammenarbeit entwickelt. Das ist bereichernd. Unsere Hauptaufgabe ist es, Menschen wirklich zu treffen, ihnen zuzuhören und mit ihnen nach Antworten zu suchen.

Was sind die wesentlichen Unterschiede zwischen der Kirche von Luxemburg und unserer?

Dort kennen wir das System der Landeskirche nicht. Es gibt auch eine grosse Trennung zwischen Kirche und Staat. Und die Lebensweise der Kirche ist ganz anders als in der Schweiz. Hier ist die Kirche lebendiger. Wenn ich in Luxemburg eine Eucharistie feiere, nehme ich diese Dynamik nicht wahr. Dort ist die Kirche ärmer und es ist eine große Herausforderung für sie, ihre Seelsorger zu bezahlen. Die wirtschaftliche Dimension sollte nicht übersehen werden ...

Was wünschen Sie unserer Kirche und unserem Bistums?

Die Stärke und Dynamik von Pfingsten. Es zu wagen, hinauszugehen und das Evangelium zu verkünden, denn wir haben eine gute Nachricht zu mitzuteien. Ich bin wirklich überzeugt, dass unsere Zeit gute Nachrichten benötigt, unter all den schlechten, die uns verschlingen und erschrecken. Der Glaube ist eine Kraft, die in jedem von uns ist. Es liegt an uns, sie zu entdecken.

Interview : Christiane Elmer/Übersetzung: nb

26. Februar 2020
erstellt von angelus
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