Dieses, auf das Jahr 1420 datierte; Marienbild soll aus der ehemaligen Prämonstratenserabtei Gottstatt in Orpund stammen. Foto: zVg

Die Madonna in den Erdbeeren

Die Madonna in den Erdbeeren Im Kunstmuseum der Stadt Solothurn ist ein vielbeachtetes Marienbild ausgestellt. Es wird auf das Jahr 1420 datiert und ist somit eines der ältesten Bilder der Sammlung. Er soll aus der ehemaligen Prämonstratenserabtei Gottstatt in Orpund stammen.

Der Künstler wird als der „Meister des Paradiesgärtchens“ bezeichnet, der im Gebiet des Oberrheins gewirkt hatte. Beim Betrachten des Gemäldes fallen einige Details auf: Maria sitzt in einem Paradiesgarten. Im Heiligenschein trägt sie eine mit Edelsteinen besetzte Krone. Sie hält ein rot eingefasstes Buch in den Händen und überreicht einem Kind eine weisse Rose. Im Gegensatz zu Marienbildern der damaligen Zeit trägt sie das Kind nicht auf dem Schoss, sondern wendet sich dem Kind zu. Der Hintergrund ist als goldener Himmel gestaltet. Der Garten ist belebt durch weisse und rote Rosen, Vögel, der Grund mit Erdbeeren, Maiglöckchen und Märzenblumen. Das Kind trägt drei aufgesetzte goldene Strahlen über seinem Kopf, schaut zur Mutter auf und trägt einen Krug in der Hand. Am rechten unten Bildrand sehen wir eine kleine Stifterfigur: ein frommer Mann kniend, mit gefalteten Händen.

Ein Marienbild voller Symbolik

Maria wird als Lehrende dargestellt, doch das Kind auf dem Bild scheint nicht das Jesuskind zu sein. Will Maria wohl ein Kind und seinen Vater, den Stifter des Gemäldes unterweisen? Es gibt einige Hinweise auf den Tod eines Kindes. Maria schenkt eine weiss Rose, Symbol für den Tod. Das sogenannte Tränenkrüglein ist ein Hinweis auf eine Trauersituation. Erdbeeren dienen nach der Volkssage den Seelen verstorbener Kinder als Nahrung. Umgekehrt fallen auch Auferstehungssymbole auf: Der Hintergrund, der auf das Paradies hinweist; rote Rosen als Zeichen der Liebe, die Vögel, die durch ihr Zwitschern die Osterfreude verkünden; die Frühlingsblumen als Andeutung von Ostern. Wollen Eltern ihr früh verstorbenes Kind Maria anvertrauen, damit es den Weg ins Paradies findet?

Die Mütter und ihre verstorbenen Kinder

Bei Büren an der Aare im Seeland gab es im Mittelalter die Wallfahrtskirche von Oberbüren, wohin zu Hunderten Totgeborene gebracht wurden, um hier für kurze Zeit zum Leben erweckt, getauft und kirchlich bestattet zu werden. Nach mittelalterlicher Vorstellung blieb nur den Getauften die ewige Verdammnis erspart. In einem Nebenraum der Kirche sollen die toten Körper von Kleinkindern über glühenden Kohlen erwärmt worden sein. Dabei sei ihnen hernach ein Federchen über die Lippen gelegt worden, das sich mit der warmen Luft nach oben bewegte, was man als sichtbares Lebenszeichen deutete. Bei Ausgrabungen fanden sich Skelettreste von 250 Kleinkindern. Die Funde zeugen von der Sorge der Eltern um das Schicksal ihrer ungetauften, aber auch später verstorbenen Kinder.

Das Tränenkrüglein

Im deutschen Raum, wie auch im Elsass kursiert die Sage vom Tränenkrüglein. Am 6. Januar ziehen nicht nur als Caspar, Melchior und Balthasar verkleidete Kinder von Haus zu Haus, sondern auch Frau Holle. Nach altem Glauben zieht sie an diesem Tag mit den Seelen verstorbener Kinder über das Feld. Einer Frau war ihr einziges Kind gestorben, und drüber war sie so traurig, dass sie Tag und Nacht weinte. An jenem Abend sah sie auf dem Feld eine große Frauengestalt mit vielen Kindern zum Wald ziehen – es war Frau Holle mit ihren Kindern. Die lieblich singende Geisterschar war schon fast im Wald verschwunden, als die arme Frau ein Kind sah, das barfuß im Schnee einen Krug mit sich schleppte, der so schwer war, dass es den anderen nicht hinterherkam. Da erkannte die Frau, dass es ihr eigenes Kind war. Herzzerreissend drückte sie ihr Kind fest an sich. Die Mutter fragte traurig, ob das Kind nicht mit ihr nach Hause kommen will. Da antwortete es: „Lieb Mutter mein, leg ab die Trauer und lass das Weinen. Denn alle Tränen, die du vergießt, die fließen über mein Grab in diesen Krug. Den muss ich nun nachschleppen, und er wird immer voller. Sieh nur, mein Hemdchen ist schon ganz nass, und die Kinder laufen mir alle davon. So gib mich doch endlich hin und lass mich los.“ Als die Mutter das hörte, weinte sich noch einmal richtig aus, küsste den kleinen Mund und sah ihm so lange nach, bis es die anderen erreicht hatte und mit ihnen verschwand. Von da an war es so, dass sich die Frau, wenn die Trauer um ihr Kind über sie kam und sie anfangen wollte zu weinen, an den schweren Krug erinnerte und die Tränen bei sich behielt.

Die Madonna als Mutter der verstorbenen Kinder

Fromme Menschen sehen in Frau Holle die Gestalt der Mutter Gottes. Sie als die Rangerste der nach Christus Auferstandenen weist uns den Weg zum Himmel. So wird die Sage zur Marienlegende. Dieses Marienbild will also den Eltern verstorbener Kinder Trost spenden. Sie dürfen trauern und weinen, doch das ist nicht das Letzte. Durch die Auferstehung Christi hoffen wir alle auf ein ewiges Leben bei Gott; auf das Paradies, das sich durch keine Goldfarben beschreiben lässt; auf eine ewige Liebe und eine Freude, die unermesslich ist; auf ein neues Ostern.

Die Geschichte des Gemäldes

Als Stifter könnte Graf Konrad von Neuenburg in Frage kommen, der tatsächlich ein frommer Mann war und dem ein Kleinkind verstorben war. Er stand sicher in Beziehung mit dem Kloster Gottstatt, das als Marienwallfahrtsort bekannt war. Eine Legende vom Bildersturm der Reformation erzählt, dass die Bilderstürmer die Tafel in die Zihl geworfen hätten und die frommen Solothurner es aus der Aare gezogen hätten. Wahrscheinlicher ist, dass das Bild durch die Beziehungen des damaligen Gottstatter Abtes, der aus Solothurn stammte, gerettet worden ist. Es kam vermutlich schon 1654 ins neueingeweihte alte St. Josefskloster an der Baselstrasse Solothurn, von wo es 1865 vom Kunstverein Solothurn erworben wurde.

Paul Bühler, Diakon, Theologe, Biberist

4. Mai 2017
erstellt von angelus
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