ÖRK-Generalsekretär, der norwegische lutherische Pfarrer Olav Fykse Tveit (l.), wird von SEK-Ratspräsident Gottfried Locher (r.) verabschiedet. Foto: Nadja Rauscher, SEK

«Die Ökumene ist wichtiger denn je»

Die Delegierten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) haben sich anlässlich ihrer Herbst-Versammlung in Bern von Pfarrer Olav Fykse Tveit, Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), verabschiedet, welcher Ende März 2020 von seinem Amt zurücktritt.

Beim traditionellen Gottesdienst an der SEK-Abgeordnetenversammlung hielt der weltweit gefragte Ökumeniker die Predigt, in der darauffolgenden Versammlung eine Abschieds- und Bilanzrede. Darin referierte er die aktuelle Situation der ökumenischen Bewegung und ihre Zukunftsaussichten.

Mit ihrem Beitrag zu Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden hat die Ökumene in der heutigen Zeit viel zu bieten. So machte Tveit klar, dass die Ökumene kein Relikt aus dem 20. Jahrhundert sei, das in der aktuellen globalisierten und digitalisierten Welt keine Bedeutung mehr hat. Der scheidende ÖRK-Generalsekretär sieht die ökumenische Bewegung siebzig Jahre nach Gründung des ÖRK 1948 vielmehr auf einem Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens.

Im Laufe der letzten Jahre haben sich die Beziehungen zwischen dem ÖRK und der Römisch-Katholischen Kirche, sowie den freikirchlichen und pfingstlichen kirchliche Verbänden und Bewegungen verbessert. Der ÖRK hat viele Kontakte zur themenorientierten Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen für Entwicklung, Katastrophenhilfe und Gesundheit geknüpft. Dadurch können sich die Kirchen direkt für bedürftige Menschen einsetzen.

Laut der deutschen «Katholischen Nachrichtenagentur» KNA hat der Ökumenische Rat der Kirchen zwei Nachfolgekandidaten für Olav Fykse Tveit benannt. Die beiden Kandidaten sind die derzeit an der Spitze von «Churches Together in England» stehende und der syro-malankarischen Kirche angehörige Elizabeth Joy sowie Pfarrer Jerry Pillay, Kirchenhistoriker an der Universität von Pretoria und Mitglied der presbyterianischen Kirche in Südafrika. Die Personalentscheidung wird vom 18. bis 24. März 2020 im ÖRK-Zentralausschuss in Genf getroffen. Die Stelle des Generalsekretärs ist ab dem 1. April 2020 vakant.


Der ÖRK betrachtet sein institutionelles Leben und seine Arbeit als eine Glaubensreise zum Reich Gottes, Reich der Gerechtigkeit und des Friedens. Die Ökumene ist eine Erneuerungsbewegung der Kirchen, die Einheit durch gemeinsames Zeugnis und Dienst finden will. Diese dynamische Vision einer Reise gibt der ökumenischen Bewegung Richtung und belebt sie. Kinderrechte, Gesundheit und Heilung, Gendergerechtigkeit, Migration, Kampf gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit: Hier wollen sich ÖRK, Global Christian Forum und Römisch-Katholische Kirche zusammen noch intensiver und konkreter engagieren.

«Der ÖRK ist ein Akteur einer polyzentrischen ökumenischen Bewegung, eines Netzwerks aus Kirchen, ökumenischen Organisationen und Gruppierungen», so Olav Fykse Tveit weiter. Er betont «die grosse Bedeutung der Ökumene und den wichtigen Beitrag, den der Ökumenische Rat der Kirchen dazu leistet» und weist darauf hin, dass Ökumene wichtiger denn je ist. Ebenso wichtig: Die Fähigkeit zur Selbstkritik und die Bereitschaft von den Menschen zu lernen, besonders von denen am Rande der Gesellschaft. «Ökumene ist der Geist Gottes, der in uns, Individuen und Glaubensgemeinschaften, wirkt und uns regelmässig zu neuer Offenheit und Authentizität bekehrt», fasste Tveit abschliessend das grosse Anliegen zusammen.

In einem Abschiedsinterview für den ÖRK sagte Olav Fykse Tveit auf die Frage, was er den Schweizer Kirchen für ihre künftige Arbeit mit auf den Weg geben möchte: «Seid weiterhin das Licht und das Salz in dieser Gesellschaft. Dazu braucht es ein Verständnis des Evangeliums als Bestätigung der Liebe Christi für alle Menschen, unabhängig von deren Stellung, Status, Vermögen oder Lebensumstände, und es bedeutet auch die Gegenwart und den Beitrag von Menschen aus allen Teilen der Welt in diesem Land anzuerkennen. Die Schweizer Kirchen könnten ihre Beziehungen zu allen Kirchen, die in diesem Land präsent und etabliert sind, zum Wohle aller stärken. Die Schweizer Kirchen haben die Arbeit des ÖRK und die internationale ökumenische Arbeit stets unterstützt und ihr Gastfreundschaft erwiesen. Dies ist auch in Zukunft dringend erforderlich.»

Anne Durrer (SEK)/kr

 


Der Ökumenische Rat der Kirchen hat seinen Sitz in Genf. Er wurde am 23. August 1948 in Amsterdam gegründet. Mitglieder im ÖRK sind hunderte Kirchen, Konventionen und Vereinigungen von Kirchen. Es sind dies die meisten Kirchen der evangelischen, protestantischen, anglikanischen und christkatholischen Traditionen. Ebenfalls Mitglieder sind die orthodoxen und altorientalischen Kirchen. Die römisch-katholische Kirche gehört dem ÖRK nicht an. Es gibt aber in verschiedenen Bereichen eine Zusammenarbeit. Für den gemeinsamen Dialog gibt es die sogenannte «Gemeinsame Arbeitsgruppe (Joint Working Group)», ausserdem ist die röm.-kath. Kirche Vollmitglied in den ÖRK-Kommissionen «Glauben und Kirchenverfassung» sowie «Weltmission und Evangelisation».

 

 

 

 

5. November 2019
  • Pfarrblatt / Angelus