Shoplifter. Isländischer Pavillon, gestaltet von der Künstlerin Hrafnhildur Arnardóttir. Kunstbiennale Venedig 2019.

Höhlengleich hat die Künstlerin vier Räume mit Kunsthaar ausgekleidet. Farbig...

Düster, schwarz,...

Zum Schluss endet die Tour in einem weissen Traum...

Der irisch-amerikanische Künstler Sean Scully nutzt die Kirche und die Räume der Benediktiner-Abtei San Giorgio Maggiore.

Human nennt er seine Ausstellung. Blickfang ist eine Installation in der Kirche, die sogenannte Jakobsleiter.

Weich und farbig stellt Scully die Verbindung zwischen Himmel und Erde, zwischen Erde und Himmel her.

Sean Scully hat weitere Räume der Abtei gestaltet. Sakristei, Altarraum, Innenhof...

Sean Scully, Human. Kirche San Giorgio Maggiore.

Pavillon der Stadt Venedig. Werk des brasilianischen Franziskanermönchs Sidival Fila. In unserer heutigen Existenz ist die Fähigkeit zu sehen die Fähigkeit zu wissen.

Künstlermönch Sidival Fila lebt im Kloster der Franziskaner von San San Bonaventura in Palatino.

Über das Wasser gehen. Hommage an die Stadt Venedig. Skulptur der Künstler*innengruppe Plastique Fantastique.

Pavillon der USA. Tabernakel, Kunstwerk des Bildhauers Martin Puryear. Als Katholik setzt er sich immer auch mit religiösen Themen auseinander.

Wenn man in den Tabernakel hineinaschaut, sieht man vor allem sich selber.

Pavillon Russland. Der verlorene Sohn. Die Ausstellung ist nach diesem Gleichnis des Lukasevangeliums benannt. Im Zentrum steht Rembrandts Gemälde zu diesem Thema.

Die Heimkehr des verlorenen Sohns. Skulpturen von Alexander Shishkin-Hokusai.

Pavillon Litauen, «Sonne und Meer». Ausgezeichnet mit dem goldenen Löwen. Gezeigt wird eine Strandszene, aufgeführt eine Opernperformance. Gelangweilte Leute, Lieder von fast nichts. Darunter aber: «das langsame Knarren einer erschöpften Erde, ein Keuchen.»

Ob derart viel Kunst ist manchmal auch der oder die Betrachter*in erschöpft und will sich nur noch ans Baccino setzen und ein Glas Apérol Spritz trinken...

Die schrägsten Installationen bleiben kleben

An der Kunstbiennale in Venedig verhandelt die zeitgenössische Kunst einmal mehr die grossen Fragen des Lebens. Ein Augenschein vor Ort bestätigt: Der Dialog zwischen Kunst und Religion ist allgegenwärtig.


Von Andreas Krummenacher


Das ist in Venedig vordergründig unumgänglich, schliesslich scheinen sämtliche Galerien, Stiftungen, Museen, Sammler und Kunstinstitutionen der Welt die Stadt in der Lagune in eine einzige Kunstausstellung zu verwandeln. Kirchen, Klöster und Kapellen dienen dabei gerne als Ausstellungsräume.

Zur Perfektion getrieben haben das ausgerechnet die Benediktinermönche der Abtei San Giorgio Maggiore. Sie laden jeweils eine Künstlerin, einen Künstler ein, um «einen produktiven und immer wichtiger werdenden Dialog zwischen der Kirche und der zeitgenössischen Kunst» zu führen. Aktuell ist es Sean Scully. In der Abtei-Kirche hat er einen hohen Turm gebaut, farbig und weich, eine Jakobsleiter, einen Weg in den Himmel und vom Himmel auf die Erde. Eine Verbindung zwischen der Welt und dem Jenseits. Die Liste könnte nun beliebig ergänzt werden.

Im Pavillon der Stadt Venedig kann man mittels einer komplizierten Installation buchstäblich über das Wasser gehen; Jesus wurde hier als ewige Metapher fix an die Wand gebunden, die Nägel reichten nicht mehr aus.

Im Pavillon der USA hat Martin Puryear unter anderem einen dramatischen Tabernakel geschaffen. Der religiöse Gegenstand hat die Form einer Militärmütze, im Inneren verbirgt sich eine Kanonenkugel. Wenn ich in diesen verborgenen Innenraum blicke, erkenne ich mich in einem Spiegel selbst. Was ist das also? Bin ich nun ein Kämpfer? Ist Religion Kampf? Ist das eine Anspielung auf eine gewalttätige Vergangenheit?

Die Kunstbiennale erstreckt sich jeweils über die zwei grossen Ausstellungsgebiete in den Giardini und im Arsenal. In den «Gärten» befinden sich die Länderpavillons und eine erste Gesamtausstellung, auf dem Gelände der alten Schiffswerft (Arsenale) gibt es unter anderem eine grosse Zentralausstellung. Daneben verteilen sich über die ganze Stadt unzählige weitere Ausstellungen und Veranstaltungen.

Die gezeigte Kunst ist unsagbar vielfältig und divers. Vieles ist provozierend, zunächst unverständlich, bisweilen hässlich. Ohne Begleittexte ist man oftmals ratlos. Gleichwohl bleiben gerade diese Bilder im Kopf. Die schrägsten Installationen hallen nach, lassen nachdenken, bleiben kleben.

«Mögest du in interessanten Zeiten leben» heisst der Titel der diesjährigen Ausgabe. Immer wieder wird dieses Thema interpretiert. Es gibt zwar keinen roten Faden. Sehr oft geht es aber um Identität. Wer sind wir? Wo kommen wir her? Wo gehören wir hin? Was sind wir als Gesellschaft? Es scheint kaum noch Gewissheiten zu geben, aber Ratlosigkeit herrscht nicht. Im Gegenteil. Befreit und vielfältig produzieren die Künstler*innen faszinierende Antworten.

Ghana beispielsweise ist zum ersten Mal vertreten. John Akomfrah präsentiert eine zunächst verstörende Videoinstallation. Historischen Aufnahmen aus der Kolonialzeit schneidet er aktuelle Clips von Elend und Armut gegenüber, Aufnahmen von Grosswildjagden kombiniert er mit wundervollen Naturaufnahmen. Es entsteht plötzlich ein Sog, ein umfassendes Verständnis, ein neuer Blick auf die Welt; Verlust und Rückgabe, alles steht in Beziehung. Jede Kreatur braucht Hilfe von allen, hat der Schriftsteller Bertolt Brecht einmal geschrieben.

Ohne den isländischen Pavillon kann ein solcher Text nicht enden. Haare sind die Lieblingsmaterialien der Künstlerin Hrafnhildur Arnardóttir. Künstliche und echte. Höhlengleiche Räume hat sie kreiert, über und über mit farbigen Haaren ausgekleidet. Man wähnt sich in einer Fantasie und soll doch das Innere erkunden. Ist das nun lieblich und schön, wie es auf den ersten Blick erscheint, oder nicht doch angsteinflössend? Diese Kunst lässt neue und ganz eigene Blicke auf die Welt zu, sie lässt Räume der Nachdenklichkeit entstehen. Nichts ist dabei falsch, jede Interpretation richtig.

Der Rundgang auf der Biennale d'Arte geht noch weiter. Für Mexiko beispielsweise spielt Pablo Vargas Lugo verschiedene Alternativen des Lebens Jesu' nach. Akte Gottes nennt er seinen Film, der Schweizer Künstler Christoph Büchel macht keine Kunst, er hat ein gesunkenes Flüchtlingsschiff aufgestellt ... aber das ist eine andere Geschichte.

Die Kunstbiennale ist noch bis 24. November geöffnet. Meistens von 10.00 bis 18.00, am Montag geschlossen. Von Tür zu Tür ist man mit dem Zug sehr gut bedient. Ab Bern nach Venedig via Brig (ab 8.06) oder ab Bern via Mailand (ab 7.34), 2. Klasse ca. 275 Franken.
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6. August 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 17
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  • Bildung