Süssstoff Stevia – Süsskraut mit Geschichte. Foto zVg

Die süsse Seite

Seit Jahrtausenden haben indigene Völker im Urwald zwischen Brasilien, Paraguay und Argentinien ein reiches traditionelles Wissen zum Beispiel über Pflanzen aufgebaut. Die Katholische Kirche Region Bern unterstützt das Engagement für eine gerechte Beteiligung dieser Völker.

Heute machen Grosskonzerne mit diesem Know-how grosse Geschäfte. Es sind vielleicht 100 000 Menschen, die zu den Mbyá, Pai oder Kaiowa, Pa Ava oder Ñandeva gehören. Diese indigenen Völker leben in den Urwäldern von Argentinien, Brasilien und Paraguay. Dazu gehören auch die Guaraní Paï Tavytera in der Grenzregion Paraguay-Brasilien.
Was auf Anhieb exotisch und weit entfernt klingt, hat eine Verbindung in jeden Supermarkt hierzulande, wo künstliche Süssstoffe angeboten werden oder Zusatzstoffe allerlei Produkte versüssen: Im grünen Coca-Cola bis zu Müesli, Jogurts, Bonbons oder Schokoladen werden Steviolglykoside als natürliche Süssstoffe vermarktet, obschon sie so künstlich sind wie Aspartam, Saccharin, Sucralose oder andere artifizielle Süssmacher.

Steviolglykoside haben als Vorbild und Ausgangsstoff ein Wunderkraut, um das sich viele Mythen ranken: Stevia. Das Süsskraut ist 20-mal süsser als der klassische weisse Zucker – aber seine Süsskraft hat keine Kalorien. Was für ein Traum für unsere fettleibige und zuckersüchtige Gesellschaft! Die Völker der Guaraní kennen die süssen Blätter seit Jahrhunderten. Sie nennen die Pflanze Ka’a he’é, während die Wissenschaft sie Stevia Rebaudiana Bertoni taufte.
Der dritte Teil des Namens als Hommage an den Tessiner Botaniker Moisés Bertoni (1857–1929), der die Pflanze fand, kultivierte und in Europa bekannt machte, wo sie ebenfalls gedeiht. Heute findet sich die «Zuckerdose fürs Fenstersims» als Setzling jeden Frühling sogar in Gartenabteilungen von Warenhäusern. Ihr lakritzeartiger Nebengeschmack ist nicht gerade populär.

Für die chemisch aufbereiteten Steviolglykoside wird dieser Nebengout etwas optimiert. Die Guaraní Paï Tavytera und die Kaiowa haben im August 2016 in einer Erklärung die «widerrechtliche Aneignung ihres Wissens und der Biodiversität durch multinationale Konzerne» kritisiert. Stevia werde ohne Konsultation mit den eigentlichen Eigentümern vermarktet und daraus Profit geschlagen. Sie fordern «die Wiederherstellung der Rechte». In dieser Situation haben sich verschiedene Firmen bereit erklärt, einen Teil ihres Ertrages aus den Steviolglykosiden den indigenen Völkern abzutreten. Diese stehen nun vor der gewaltigen Herausforderung, als Völker des Urwaldes in Verhandlungen zu treten mit Juristen und Lobbyisten in feinen Anzügen.

Eine internationale Koalition mit der Schweizer Entwicklungsorganisation Public Eye, dem katholischen deutschen Hilfswerk Misereor oder Pro Stevia Schweiz unterstützt die lokalen Völker auf ihrem Weg zu einem gerechten «Vorteils-ausgleich». Wenn dereinst globale Unternehmen die indianischen Völker für ihr Stevia-Wissen entschädigen, wollen diese das Kapital nutzen, um Land zu erwerben, auf dem sie ihr traditionelles Leben fortführen können.

Karl Johannes Rechsteiner

Hinweise
Zum Projekt: www.prostevia.ch
Zur Kirche Region Bern: Die römisch-katholische Gesamtkirchgemeinde Bern und Umgebung unterstützt das hier beschriebene Engagement mit 25 000 Franken. 2017 standen 500 000 Franken für Entwicklungsprojekte zur Verfügung. 2018 ist die gleiche Summe budgetiert. GKG Bern

13. Dezember 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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