Dagyaw heisst: Nachbarinnen und Nachbarn helfen sich gegenseitig aus. Niemand bekommt Lohn, dafür alle einen Anteil an der Ernte.» Cynthia Meier. Foto: jm

Die Tradition des «Dagyaw»

Cynthia Meier, eine Philippina, die seit 40 Jahren in Bern lebt, hat eine Antwort auf die Frage nach Gerechtigkeit. Sie engagiert sich. Auch für den Weltgebetstag. Christliche Frauen der Philippinen aus verschiedenen Konfessionen entwarfen den Gottesdienst zum diesjährigen Weltgebetstag am 3. März. Sie wählten das Gleichnis der Arbeiter im Weinberg (Mt 20, 1–16) als Zentrumstext aus. Darin wird auch die Frage nach der Gerechtigkeit gestellt.

Als Cynthia Meier 1978 mit ihrem Mann nach Bern kam, war es Winter: «Schrecklich, diese Kälte. In den Philippinen kennen wir keine Jahreszeiten. Ich meinte damals, ich müsse nun in einem Kühlschrank leben», lacht sie. Ihren Schweizer Mann, mit dem sie zwei Söhne hat, lernte sie an der Feier zum sechszigsten Geburtstag der Schwiegermutter ihrer Schwester kennen. Er befand sich damals als Rucksacktourist auf einer Asienreise. Mittlerweile kann sie dem Schweizer Jahreszeitenwechsel auch Positives abgewinnen. Sie hat 2013 sogar am Valentinstag auf dem Waisenhausplatz in Bern mit einer Gruppe Philippinas gegen Gewalt an Frauen getanzt. Im Rahmen der globalen Bewegung «One Billion Rising». Aber zurück zum Weltgebetstag.

«In den Philippinen gibt es die Tradition des Dagyaw», erklärt Cynthia Meier zum Gleichnis der Arbeiter im Weinberg, das im Zentrum der Weltgebetstagsliturgie steht: «Während der landwirtschaftlich intensiven Zeit helfen sich Nachbarinnen und Nachbarn gegenseitig aus. Niemand bekommt dafür Lohn, dafür alle einen Anteil an der Ernte.» Dieser Brauch sei sehr alt, betont Cynthia Meier, und werde bei indigenen Gemeinschaften heute noch gepflegt. In der philippinischen Gesellschaft gäbe es heute nach wie vor einen grossen Unterschied zwischen Arm und Reich, erläutert Meier, «oft müssen die Kinder von armen Familien Geld verdienen. Ungerechtigkeiten am Arbeitsplatz erleiden in der Regel Frauen und Kinder, sei es wegen Unterbezahlung, schwerer Arbeit oder wegen fehlender Versicherung bei Krankheit oder Unfall.» Es gäbe in den Philippinen verschiedene NGOs die für Frauen Projekte organisieren. «Auch Pfarreien und Vereine tragen zur Bildung der Frauen bei. Kleine Betriebe und Kooperativen werden gefördert, die nach ökologischen Grundsätzen ihre Selbstversorgung sichern.» Dafür ist dieBildung der Frauen zentral. Cynthia Meier setzt sich hier in der Schweiz intensiv für die philippinischen Familien ein. Sie stand jahrelang der Koordinationsstelle der Philippinischen Migranten vor, schuf ein reiches Netzwerk zwischen den verschiedenen Gruppen in der philippinischen Mission, die sich in der English Speaking Communitiy zusammenfindet. Sie bot Beratung an und Begleitung zum Arzt, ins Spital oder zu einem Anwalt, je nach Bedürfnis. Neben kulturellen und sozialen Projekten arbeitete sie zusammen mit der Katechetin Rosmarie Fischer in der Internationalen Bibelteilete mit. Mit dieser Gruppe besuchten sie unter anderem die Synagoge in Bern, begegneten Moslems und treffen sich aktuell im Haus der Religionen zu Austausch und Vorträgen. Wichtig ist ihr immer auch das jährliche Internationale Marienfest in Bern, die aus der Bibelteiltete Gruppe herausgewachsen ist und seit gut 15 Jahren besteht.

Cynthia Meier ist überzeugte Katholikin. Die kirchliche Hierarchie ist ihr wichtig, die Priester als Vermittler zwischen Gott und den Menschen auch und natürlich die verschiedenen Feste des Kirchenjahres. Allerdings hat sie im Laufe der Jahre die Kompetenz der Theologinnen in der Schweizer Kirche schätzen und respektieren gelernt: «In meiner Anfangszeit hatte ich eher etwas Angst von der Kritik an der Kirche und vor der Forderung, dass Frauen auch Priesterinnen werden möchten. Aber durch die Beschäftigung mit feministischer Theologie in Kursen und die Begegnung mit verschiedenen Seelsorgerinnen, die ja dieselbe Ausbildung durchlaufen wie die Priester, sehe ich das heute offener. Wenn die Kirche Frauen als Priesterinnen zulässt, hätte ich heute kein Problem damit.»

Weil der Weltgebetstag weltweit ökumenisch gefeiert wird, hofft Cynthia Meier darauf, dass die Nachwirkung dieses Feierns den Frauen in den Philippinen auch hilft, Religionsdiskriminierung abzubauen. An den Vorbereitungen waren evangelisch-lutherische, episkopale, römisch-katholische, methodistische und baptistische Frauen, die Heilsarmee und nationale Kirchen beteiligt: «Dieses gemeinsame Erarbeiten hilft sicher, die gegenseitige Toleranz zu fördern. Die gemeinsamen Projekte kommen den Frauen in den armen Regionen zugute. Die Feier des Weltgebetstages ist auch dafür eine Chance, die es zu nutzen gilt. Im Sinne der Gerechtigkeit Gottes.»

jm

Hinweis: Infos: www.wgt.ch. Die Feiern in den Pfarreien siehe Pfarreiteil in dieser Ausgabe.

22. Februar 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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