Die Räume sollen befreiend, fröhlich und aktivierend wirken. Foto: zVg

Die vergessene Kapelle

Seit 50 Jahren prägt die junge Pfarrei St. Martin im Westen der Stadt Thun das Leben der Katholik*innen – quasi die junge Schwester der traditionellen 129-jährigen Kirche St. Marien auf der anderen Aareseite, oberhalb der Thuner Altstadt. Zu Auffahrt feiern 50 Personen den 50. Geburtstag der Kirche und erhalten dabei einen Blick auf die sanierten Räume – und auf die Kapelle im Untergeschoss, die zu einem Schmuckkästchen geworden ist.

Von Heinerika Eggermann Dummermuth

Wer in die Thuner Martinsstrasse einbiegt und den weiss getünchten, verschachtelten Bau mit markanten rot-orangenen Zierelementen wahrnimmt, vermutet auf den ersten Blick nicht einen Kirchenraum darin. Vorbei an den Platanen, öffnet sich linker Hand ein ansteigender, sich vergrössernder Innenhof. Fast versteckt sind die rot gefassten Türen, die zur Kirche St. Martin, zu den Pfarreisälen und zum Pfarrhaus führen; noch versteckter ist der Zugang zur schmalen Wendeltreppe, die in die unterirdische Kapelle führt. Kein Zweifel, hier ist das Gedankengut der späten 1960er und frühen 1970er Jahre architektonisch zu einem Sakralbau umgesetzt worden – Ikonen einer Zeit des Aufbruchs, der Abkehr vom Traditionellen und streng Hierarchischen.

«Die Gestaltung, die Lichtführung und die farbliche Behandlung der Räume sollen auf den Besucher befreiend, fröhlich und damit aktivierend wirken; sie sollen ihn dazu anspornen, diese Räume auch wirklich spontan und ohne Hemmungen zu benützen, zu gebrauchen und, sofern er Lust hat, zu verändern», schrieben die Architekten Naef, Studer + Studer aus Zürich anlässlich der Kirchweihe am Auffahrtstag 1971.

50 Jahre später haben Pfarrer Kurt Schweiss und der Kirchgemeinderat diese Aufforderung wörtlich genommen: Nicht nur eine Sanierung des Kirchenraums zum Jubiläum wurde ins Auge gefasst, sondern auch die Verwandlung eines hässlichen Entleins zum Schwan. Der Künstler Franz Wanner* nämlich wurde beauftragt, die nüchterne Kapelle im Untergeschoss neu zu gestalten. Der Pfarrer und der Künstler sprechen im folgenden Interview über ihre Beweggründe und Visionen.


Kurt Schweiss, Sie haben vorgeschlagen, die unterirdische Kapelle durch den Künstler Franz Wanner neu gestalten zu lassen. Wie ist dieser Wunsch entstanden?

Kurt Schweiss: Einerseits war ausschlaggebend, dass wir für unsere Samstagabend-Gottesdienste vom Kirchenraum in die Kapelle gezügelt sind; im Gegenzug konnte die portugiesische Gemeinschaft die Kirche mit weit über 100 Besuchenden nutzen. Andererseits hatten wir vermehrt Anfragen, ob wir den Kirchenraum von St. Martin für Konzerte und ähnliche Veranstaltungen zur Verfügung stellen würden. Da hatte ich aber Mühe, weil das Sakrament zur Andacht einlädt und im Tabernakel der Kirche steht. So entwickelte sich die Idee, den Tabernakel in die darunter liegende Kapelle zu zügeln und damit einen Anbetungsraum zu schaffen.

Franz Wanner, was hat Sie an der Aufgabe, die nüchterne Kapelle künstlerisch neu zu gestalten, gereizt?

Franz Wanner: Kurt Schweiss ist vor gut vier Jahren erstmals mit dieser Idee an mich herangetreten. Ich durfte schon mehrere Sakralräume mit- oder umgestalten. Im Gegensatz zur grossen Hauptkirche hat mich der darunterliegende Kapellenraum zuerst irritiert. Das lag nicht daran, dass er unterirdisch ist, denn oftmals sind es gerade Krypten und Unterkirchen, die eine besonders starke sakrale Atmosphäre verströmen. Eher hat mich das Kahle und Nüchterne befremdet, sehr bald habe ich jedoch Möglichkeiten gesehen. Die Architekten von St. Martin hatten in einer Zeit der «Entrümpelung» und Purifizierung vieler historischer Kirchen einen anderen Weg gesucht.

Wie sah dieser Weg aus?

Franz Wanner: Die Architekten Naef, Studer + Studer wollten das Sakrale der Räume mit architektonischen Mitteln erreichen. Dafür schufen sie sehr komplexe weisse oder in Sichtbeton belassene Räume, in denen sich eine signalhafte Farbigkeit auf funktionale Elemente wie Türen, Fenster und Treppengeländer beschränkte. In der Kapelle sind die schöne Führung des natürlich einfallenden Lichts und die feine Deckenmulde beinahe die einzigen sinnstiftenden architektonischen Elemente. Ziel der farblichen und motivischen Neugestaltung war deshalb, diese zu stärken und zu begleiten.

«Die Gestaltung, die Lichtführung und die farbliche Behandlung der Räume sollen auf den Besucher befreiend, fröhlich und damit aktivierend wirken», haben die Architekten aber vor 50 Jahren festgehalten …

Franz Wanner: Ja, bei St. Martin in Thun gingen die Architekten tatsächlich Kompromisse ein. Die Kirchenräume und Pfarrsäle sollten ein architektonisches Monument ihrer Zeit werden, sie sollten aber auch be- und erlebbar sein. Das erkennt man an den Farbstreifen oder auch an dem schön choreografierten Lichteinfall von Südosten her in den Chorraum. Das einzige Element, das sich sowohl in der Kirche als auch in der Kapelle wiederfindet. Aber während der Kirchenraum sehr atmosphärisch geworden ist, blieb die Kapelle völlig vernachlässigt, fast als wäre sie vergessen worden. Niemandem war dort richtig wohl.

Kurt Schweiss: Die Kapelle in St. Martin ist zwar akustisch angenehmer als der Kirchenraum, aber als Andachtsort hat sie niemanden angezogen. Es gibt tatsächlich heute noch – 50 Jahre nach dem Kirchweihfest – Menschen, die verwundert fragen: «Was, wir haben in St. Martin eine Kapelle? Noch nie gesehen!»

Sie haben aus dem hässlichen Entlein einen Schwan werden lassen. Wie sind die ersten Reaktionen ausgefallen?

Kurt Schweiss: Bis Auffahrt haben nur sehr wenige Menschen die neu gestaltete Kapelle gesehen. Jene, die das durften, haben mit grossem Staunen darüber reagiert, was da unten entstanden ist. Aber die vertiefte Auseinandersetzung muss erst noch kommen.

Franz Wanner: Wir hatten zwei Ansätze: Kurt Schweiss kam mit dem Wunsch nach einer Darstellung der drei Öle – Katechumenenöl, Chrisam und Krankenöl – auf mich zu. Ich selber war schon als Kind fasziniert von der Legende des Heiligen Martin, dem die Kirche geweiht ist. Diese Geschichte vom Pferd, seinem Reiter und dem Bettler wollte ich darstellen, ohne figürlich zu werden. Denn alles Figurative wird sehr schnell sentimental überladen. Das wollte ich vermeiden.

Was spricht gegen das Sentimentale im sakralen Raum?

Franz Wanner: Das Bild vom Menschensohn am Kreuz ist so stark, dass die Darstellung der reinen Silhouette ohne Augen, Nase, Mund genügt, um bei jedem Betrachter sofort bestimmte Gefühle hervorzurufen. Also läge das Abstrakte nahe, aber das genügt oftmals auch nicht.

Wo liegt Ihr Mittelweg zwischen figürlich und abstrakt?

Franz Wanner: Ich versuche mit wenigen, starken Zeichen und Symbolen etwas zu erschaffen, das jedem Betrachter den Raum gibt, die Leerstellen mit seiner eigenen Geschichte zu füllen. Ein Beispiel: Das Pferd des Heiligen Martin müsste heute ein Auto sein. Das würde jedoch die Legende ins Zynische kehren. Also habe ich einen Felsen gemalt, der von einem Mantel bedeckt wird. Die Symbolik vom geteilten Mantel ist sofort da.

Kurt Schweiss: Ursprünglich wollten wir den Tabernakel direkt in den Lichteinfall des Oberlichts stellen. Mit der Entstehung der Wandmalereien hat Franz Wanner das geändert: Jetzt betreten die Menschen den Kapellenraum vorbei an Alltagsgegenständen wie Öl oder eben Fels und Mantel und treten Schritt für Schritt in den Lichtraum vorne, wo als spirituelles Zeichen der Taufstein und die Osterkerze stehen.

Franz Wanner: Genau, wir kommen ja immer aus dem Alltag hinein in den spirituellen Raum und verlassen diesen auch wieder in unseren Alltag. Das eine wäre ohne das andere nicht denkbar. Oder anders gesagt: Wir alle tragen den Himmel schon auf Erden in uns mit. Das habe ich in der Kapelle von St. Martin darzustellen versucht.

Und wo steht das Sakrament im Tabernakel nun?

Kurt Schweiss: Der Tabernakel steht jetzt in jenem Nebenraum, der einst als Beichtstuhl gedacht und zuletzt als Abstellkammer genutzt wurde. Wirklich ein Raum im Raum, der Schutz und Stille für die persönliche Andacht bietet. Stattdessen haben wir das Symbol von Christi Himmelfahrt umgesetzt, indem eben die Osterkerze und der Taufstein ganz im Licht stehen, das von Südosten her durch das Oberlicht einfällt.

Franz Wanner: Das Oberlicht in der Kapelle ist ein verbindendes Element zum Kirchenraum oben. Dort steht auch die Renaissance- Holzfigur der Madonna mit Kind von Hans Geiler. Nach ihrem Ebenbild habe ich eine Mutter-Kind-Statue aus Marmor geschaffen – das Original als Vorbild für ein neues Element in der heutigen Zeit.

Kurt Schweiss: Diese Marmorelemente für die Marienstatue, den Taufstein oder die Konsolen für den Tabernakel und das Ewige Licht sind etwas ganz Neues in St. Martin, denn Marmor kam bisher nirgends vor. So wird der eher lieblose Kapellenraum zu einem eigenständigen Gottesdienst-Raum. Dass wir 50 Jahre St. Martin aufgrund der Covid-19- Vorschriften nur mit 50 Personen feiern dürfen, hat ja auch wieder etwas Symbolisches an sich.

 

 

*Franz Wanner (*1956) besuchte die Schule für Gestaltung in Luzern und studierte an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Anschliessend arbeitete er als freischaffender Künstler in Köln, Rom, Wien und New York, bevor er wieder in der Schweiz sesshaft wurde.

Seit 40 Jahren stellt er regelmässig in diversen Galerien und Museen aus und ist als Dozent tätig. 2014 hat er den Chorraum der Pfarrkirche Heiliggeist in Interlaken gestaltet.

Die Kapellenumgestaltung in St. Marien in Thun ist ein Jubiläumsgeschenk zum 50-jährigen Bestehen der Pfarrei. Am Auffahrtstag wird nach dem 11.00-Gottesdienst in der sanierten Kirche St. Martin die neu gestaltete Kapelle im Untergeschoss eingeweiht. Eine Broschüre dazu kann auf dem Pfarramt St. Martin, Thun, bezogen werden oder auf www.kath-thun.ch.

Foto: zVg

 

 

 

 

7. Mai 2021
erstellt von «pfarrblatt»
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