Hélder Câmara (1909-1999) 1984 in Delft. Foto: Dutch National Archives, Den Haag, Fotocollectie Algemeen Nederlands Persbureau (Anefo), Marcel Antonisse

Dom Helder Camara

Mit Jorge Bergoglio ist zwar zum ersten Mal ein Nicht-Europäer Papst, trotzdem ist die Kirche immer noch eine vornehmlich europäisch orientierte Institution – obwohl sie wahrscheinlich mittlerweile einen grösseren Rückhalt in der Bevölkerung auf anderen Kontinenten als Europa geniesst. Zeichen dafür ist jetzt gerade die Amazonassynode mit dem Schwerpunkt der Ökologie in südamerikanischen Ländern.

Unser Blick sollte als Weltkirche eigentlich längst weiter gehen als bis nach Rom. Schon seit 70 Jahren produzieren Drittweltländer Theologie, die weiterdenkt, progressiver und radikaler ist als das, was die Erste Welt aus der Botschaft Christi macht. Eines der populärsten Gesichter der südamerikanischen Theologie war Dom Helder Camara – langjähriger Erzbischof in Brasilien, Kämpfer gegen die faschistische Diktatur und theologischer Vordenker der Befreiungstheologie.

Helder Camara wurde in die ärmliche Mittelklasse Brasiliens hineingeboren und erlebte die fatalen Folgen von Korruption, Armut und Ausbeutung hautnah. Von früh an der Berufung zum Priester folgend, trieb er unermüdlich das voran, was heute von Papst Franziskus als «Kirche der Armen» bezeichnet wird. Schulprojekte, Einsatz für Sozialgesetze, Menschenrechte und Rechte von Minderheiten sowie gerechte Verteilung von Reichtum, Besitz und Produktionsmitteln.

«Roten Bischof» nannte man ihn, von der US-gestützten Militärdiktatur Brasiliens wurde er terrorisiert und mundtot gemacht, der Vatikan sabotierte seine Bestrebungen bei jeder Gelegenheit. 1985 gab Helder Camara das Bischofsamt aus Altersgründen ab. Sein vom Vatikan ernannter Nachfolger war dezidierter Konservativer und machte sich daran, die sozialen Errungenschaften und Institutionen, die Camara begründet hatte, wieder zu vernichten. Heute werden Anliegen Camaras in der Kirche diskutiert – Rechte von Indigenen und der Schutz des Regenwaldes. Auch wenn sich die Kirche noch nicht zur Anerkennung der Befreiungstheologie durchringen konnte: Es besteht Hoffnung.

Sebastian Schafer

15. Oktober 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 22
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