Die Einsiedler Jodlerin Nadja Räss verkörperte Dorothee Wyss in der Kantate «Dorothea» (2017) Foto: JVM Productions

«Dorothee Wyss war eine liebevolle Managerin»

Das Museum Bruder Klaus in Sachseln widmet Dorothee Wyss eine Ausstellung. Die Einsiedler Jodlerin Nadja Räss* hat sich vertieft mit dem Leben der Frau von Bruder Klaus auseinandergesetzt. Anlass war ihre Rolle in der Kantate «Dorothea» (2017). Räss tritt auch im Rahmenprogramm zur aktuellen Ausstellung auf.

Interview: Sylvia Stam

«pfarrblattt»: «Finden Sie es in Ordnung, dass Niklaus sich allein in den Ranft zurückzog? », lautet eine Frage in der Ausstellung. Was antworten Sie?

Nadja Räss: Anfänglich hätte ich ganz klar Nein gesagt. Was Niklaus tut, ist krass, er lässt eine Familie im Stich. Je mehr ich mich mit der Thematik beschäftigt habe, desto mehr kam ich zum Schluss: Doch, es ist in Ordnung, denn es war kein leichtfertiger Abschied. Er hat sehr mit sich gehadert und sie hat ihn ziehen lassen.

An Dorothees Stelle, hätten Sie ihn ziehen lassen?

Ja, ganz klar. Sie hat gespürt, wie sehr er mit dieser Entscheidung gehadert hat. Sie hat sich damit auseinandergesetzt und ist zum klaren Schluss gekommen: «Das ist sein Weg. Es ist kein Entscheid gegen mich, sondern ein Entscheid für seinen Weg. Ich liebe ihn, also muss ich ihn ziehen lassen.» Ich würde ebenso handeln.

Was können wir heute von ihr lernen, als Männer und Frauen?

Dorothee war sehr «bödelet». Wenn man gemittet und geerdet ist, kann eine so starke Liebe meines Erachtens erst möglich werden.

War sie Ihrer Meinung nach eine moderne Frau?

Sie war eine grossherzige, liebevolle Managerin. Sie hat den ganzen Karren gezogen und ist für diese Entscheidung eingestanden, auch wenn sie sich hintangestellt hat. Dadurch hat sie in der Geschichte eine zentrale Rolle eingenommen. Ohne sie wäre diese anders verlaufen. So gesehen ist Dorothee eine moderne Frau.

Man könnte auch sagen, Dorothee ist eine traditionelle Ehefrau, weil sie ihrem Mann den Rücken frei hält.

Sie hält ihm den Rücken frei, aber sie hat auch die Hosen an. Die Ehe war damals ein Abhängigkeitsverhältnis: Niklaus hatte die Aufgabe, zu arbeiten und Geld heimzubringen. Das tut er als Eremit nicht mehr. Dorothee aber stemmt den ganzen Laden auch ohne ihn.

Sie sangen in der Kantate «Dorothea» (2017) die Titelrolle. Hat die Auseinandersetzung mit Dorothee Wyss Sie verändert?

Dorothees Entscheidung hat meinen Blick auf das Thema Liebe sehr beeinflusst. Liebe ist kein Besitz, kein Zustand, der immer da ist, materiell und physisch wahrnehmbar. Liebe ist etwas viel Grösseres, das auch über die Distanz da sein kann.

In der Kantate geht der Gesang in Jodel über, wo Worte fehlen. Ist das eine Funktion von Jodel?

Für mich ist das so. Ich kann beim Jodeln Gefühle ausdrücken, für die ich wirklich keine Worte habe. Im Fall dieser Kantate ist das tatsächlich so gedacht, und bei den Stücken konnte ich mit dem Jodel zum Ausdruck bringen, was mit dem Text nicht mehr möglich war.

Welchen Bezug haben Sie selber zur Religion?

Ich bin in Einsiedeln aufgewachsen und zur Stiftsschule gegangen. Schon als Kind war ich fasziniert von Musik, deshalb wurde ich Ministrantin. Ich wusste, dass die Patres des Klosters gregorianische Choräle singen, und auf diese Weise konnte ich mitsingen. Ich kenne einige der Patres persönlich und erlebe sie in Gesprächen sehr offen. Die Kirche gibt mir auch Halt. Das habe ich besonders gemerkt, als meine Schwester gestorben ist. Da habe ich die kirchlichen Rituale als sehr hilfreich erfahren.



Dorothee Wyss – eine Ausstellung in Sachseln

Wer war Dorothee Wyss wirklich? Dieser Frage widmet das Museum Bruder Klaus in Sachseln derzeit eine Ausstellung. Sie zeigt den Besucher*innen Aspekte von Dorothees Dasein als Bäuerin und Mutter und lädt zur Reflexion der eigenen Geschlechterrollen ein. Mit Spielen und Anregungen für mittelalterliches Handarbeiten spricht die Ausstellung auch Kinder an. Zu sehen sind weiter Bilder aus drei Jahrhunderten, die mehrheitlich die Szene des Abschieds von Niklaus und Dorothee darstellen. Ausserdem nähern sich moderne Künstler*innen der Figur von Dorothee mit Statuen und Installationen an. Ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Kunst, Musik und Diskussionen begleitet die Ausstellung.
Bis 1. 11., Museum Bruder Klaus, Sachseln, Rahmenprogramm/www.museumbruderklaus.ch

Der «Förderverein Niklaus von Flüe und Dorothee Wyss» hat neu ein Leseheft herausgegeben. Darin untersucht Roland Gröbli die historischen Quellen zur Frau an der Seite des Eremiten und kommt zu überraschenden Erkenntnissen. Gröbli ist bekannt als Verfasser einer Standardbiografie über Niklaus von Flüe. Das Leseheft «Leben und Bedeutung einer aussergewöhnlichen Frau» ist zu beziehen unter www.bruderklaus.com

 

* Nadja Räss (42) unterrichtet Jodel an der Hochschule Luzern und steht als Solistin sowie in diversen Kleinformationen auf der Bühne. 2017 sang sie die Titelrolle in der Kantate «Dorothea» von Joël von Moos. Sie wohnt in Einsiedeln und lebt in einer Partnerschaft.
Im Rahmenprogramm zur Ausstellung kombiniert Nadja Räss zusammen mit drei Frauen Jodel und improvisatorische Jazz-Klänge. Vier Frauen – vier Stimmen, 20.6., 11 Uhr, Museumsgarten Sachseln
Die Kantate
«Dorothea» wird im Herbst 2022 an verschiedenen Orten in der Schweiz nochmals aufgeführt.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst im Kantonalen Pfarreiblatt Luzern.

 

 

18. Juni 2021
erstellt von «pfarrblatt»
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