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Ein Anflug von Zuversicht

Ein eindeutiger Eingriff stand bevor. Eindeutig, weil klar war, dass es ohne nicht weiterging. Eindeutig war aber auch die Angst, die er auslöste. Eindeutig und heftig. Nicht so sehr die Angst um sich selbst, die war auszuhalten, als vielmehr die Angst zu fehlen, dort, wo es sie so sehr brauchte, jetzt, morgen, übermorgen, noch eine ganze Weile. Sie stand mitten im Leben. Mitten in einem Leben, in dem einiges schiefgelaufen war. So wie es das gibt, im Leben. Und wo sie da sein musste, da sein wollte. Weil sie es kannte, dieses Leben mit seinen Gemeinheiten und Tücken, und in dem sie für Freude kämpfte, trotz allem und erst recht, für die ihr Nahestehenden und auch für sich selbst.

Wenn sie nun fehlen würde, plötzlich, und alle in ihrem Kummer allein lassen würde, dieser Gedanke erschien ihr schrecklich. Und er kehrte hartnäckig, immer wieder zu ihr zurück, so oft sie ihn auch fortschickte und sich zwang, an etwas anderes zu denken.

Es war klar: Jetzt gerade, hier im Krankenhaus, in dieser Situation war sie handlungsunfähig, machtlos und ohne Schutz ihrer Angst ausgeliefert. Das Leben ging weiter und sie war dabei oder nicht, sie konnte nichts fürs eine oder andere tun.Schliesslich nahm sie meinen Vorschlag an, ihre Aufmerksamkeit auf den Eingriff zu lenken, der ihr bevorstand, und zwar möglichst auf das, was sie selbst dabei bewirken konnte. Die Patientin äusserte den Wunsch, den bevorstehenden Eingriff mit dem operierenden Arzt und der Anästhesistin genau vorzubesprechen. Und sie bat darum, am Morgen als Erste operiert zu werden.

Tags darauf nach der OP schaute ich in wache, erleichterte Augen. Die Ärzte hatten sich für die Vorbesprechung tatsächlich viel Zeit nehmen können, und sie war als Erste an die Reihe gekommen. Mit der Genesung steigen die Möglichkeiten wieder, sich um das zu kümmern, was weiter ansteht. Einiges ist klarer geworden, einiges scheint dringlicher, viele Unsicherheiten bleiben. Der Lebensmut ist zurückgekehrt.

Nadja Zereik, kath. Seelsorgerin

 

Kolumnen aus der Inselspitalseelsorge im Überblick

13. Oktober 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 22
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