Die katholische Kirche hat Peter Marbet sozialpolitisch geprägt. Foto: Pia Neuenschwander

Ein Berner führt Caritas zu mehr Klimagerechtigkeit

Seit Januar ist Peter Marbet Direktor von Caritas Schweiz. Weshalb er nicht Lokführer wurde und wohin er das Hilfswerk führen will, erzählt er im Gespräch mit dem «pfarrblatt» .

Von Sylvia Stam

«Der Gymer hat meine Mathe-Affinität zerstört», erzählt Peter Marbet schmunzelnd, und bezeichnet das als Glück. Denn immerhin habe er dadurch gemerkt, dass er Geschichte studieren wolle. Und so wurde er nicht Lokführer, wie er als Bub träumte, sondern Direktor des Berner Bildungszentrums Pflege. Noch früher leitete er die Abteilung Politik und Kommunikation bei Santésuisse und war Informationsbeauftragter bei der Krankenkasse KPT.

Eloquent erklärt der Mittfünfziger, weshalb er durchaus einen Zusammenhang sieht zwischen all diesen Tätigkeiten: «Gesundheit und Bildung sind zwei Pfeiler, auf denen die Sozialpolitik steht», findet Marbet. Weitere Berührungspunkte sieht er in der Politik und in den internationalen Beziehungen. Beides ist Marbet vertraut: Er war bis Ende 2020 für die SP im Berner Stadtrat, und er hat mehrere Jahre in Brasilien gelebt, wo seine Frau herkommt.

Ein «bewegungsaffiner Mensch»

Marbet empfängt die Journalistin in seiner Wohnung im Erdgeschoss an der Bahnstrasse, im «aufstrebendsten Quartier von Bern», wie er versichert. Die Stube ist hell, Parkettboden und Sicht auf einen kleinen Garten. Ein Regal voller Fotos, Figuren und Bücher, auf dem Sofa liegen bunte Kissen. Stolz erzählt er, dass sein Velo nun im Trocknen stehe, weil kürzlich ein Velohäuschen montiert worden sei.

«Ich bin ein bewegungsaffiner Mensch», fügt er zur Erklärung an und zählt auf: In seiner Jugend habe er Handball und Fussball gespielt, heute joggt er, ist Langstreckenläufer und macht Skitouren. Seine Söhne, 25 und 29 Jahre alt, nähmen ihn mit auf Bergtouren, «obschon ich Höhenangst habe», erzählt Marbet, und zeigt ein Foto von allen dreien in einer Gebirgslandschaft.

Waldsterben, AKWs und Bankeninitiative

Als gläubigen Menschen bezeichnet sich der Direktor des katholischen Hilfswerks nicht, ebenso wenig als ungläubig. «Ich glaube an etwas Metaphysisches», so seine Formulierung. Die Kirche hat ihn sozialpolitisch geprägt: Lebhaft erzählt Marbet, der in den 1980ern in Münsingen aufgewachsen ist, von seiner Zeit bei der Juseso und in der Prairie. «Wir haben über Waldsterben, AKWs und die Bankeninitiative diskutiert.» Das sozialpolitische Engagement der Kirche findet der Katholik nach wie vor lobenswert, ihre Positionen etwa zu Homosexualität oder Zölibat befremden ihn.

«Caritas ist sehr gut positioniert im Bereich der Armutsbekämpfung», antwortet er auf die Frage nach seiner Vision für das Hilfswerk. «Darauf können wir aufbauen.» Entwicklungschancen sieht er im Bereich Klimagerechtigkeit: «Klimafähig zu werden, darf keine Frage von arm oder reich sein», sagt er dezidiert. Einen möglichen Weg dahin, dass auch wenig Verdienende sich biologisches Gemüse und ökologisch produzierte Kleidung leisten können, sieht er beispielsweise in Lenkungsabgaben, wie sie für das CO2-Gesetz vorgesehen sind.

Punktuelle Direktzahlungen als Modell

Die Corona-Pandemie habe Caritas-Schweiz eine hohe Medienpräsenz beschert. Plötzlich waren Menschen von Armut bedroht, etwa weil sie als Folge des Lockdowns einen von mehreren Teilzeitjobs verloren hätten. «Durch eine einmalige Übernahme einer Rechnung für Krankenkasse, Miete oder Steuern konnte Caritas viele entlasten, sodass sie nicht in die Sozialhilfe abrutschten», erläutert er. Solche punktuellen Direktzahlungen könnten laut Marbet ein Modell für den Staat werden. Schon jetzt seien einzelne Kantone daran, dies umzusetzen.

Lobende Worte findet er für die Behörden, welche durch die Einführung von Kurzarbeit ein rasches Auffangnetz ermöglicht hätten. Und schmunzelt ein wenig: In der Krise habe sich gezeigt, dass nicht der Markt, sondern der Staat die Menschen durchgetragen habe. Marbet hofft, dass diese Erfahrung auch nach der Pandemie in die Diskussion um den Sozialstaat einfliessen wird.

www.caritas.ch

Lesetipp:
Neuer Caritas-Präsident Luterbacher: «Es ist eine Menschenpflicht, solidarisch zu sein». kath.ch, 21. Mai 2021

 

 

 

27. Mai 2021
erstellt von «pfarrblatt»
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