Die «Engel vom Bahnhof». Annerös Brechbühl, Bahnhofhilfe. Foto: Pia Neuenschwander

Ein stiller Dienst mit grosser Wirkung

Gleis 13. Hauptbahnhof Bern. Annerös Brechbühl leistet Dienst für die SOS Bahnhofhilfe. Die MitarbeiterInnen zirkulieren in ihren orangen Gilets mit dem blauweissen SOS-Piktogram in der Personenunterführung und auf den Perrons. Eben ist ein Zug angekommen. Fahrgäste steigen aus.

Alles soweit normal. Bis Annerös Brechbühl eine Mutter auffällt, die mit ihrem Kinderwagen ausgestiegen ist und sich ihren Kindern zuwendet, die noch im Zug warten. Da gehen unter schrillem Gepiepse die Türen zu. Die Mutter schreit, versucht die Türöffnung zu betätigen. Aber der Zug fährt ab. Die Mutter rennt hinter ihm her, winkt dem Lokomotivführer. Sie springt gar auf die Geleise. Annerös Brechbühl hält sie auf, informiert die Zugsleitung. Die Kinder werden im Zugsdepot aus ihrer misslichen Lage befreit. Und, wie haben die Kinder reagiert? Annerös Brechbühl lächelt: «In den seltensten Fällen erleben wir das Ende einer Geschichte. Wir vermitteln Hilfe, springen ein, bis die Bahnzuständigen, die Polizei, die Sanität da ist. Die erleben dann das Ende. Wir sind wieder im Einsatz.»

Annerös Brechbühl ist mit ihren 61 Jahren bereits seit 8 Jahre Mitglied der Bahnhofhilfe. Ursprünglich, vor über hundert Jahren, hiess das Hilfsangebot noch «Bahnhofsmission». Frauen, die vom Land in die Stadt zur Arbeit kamen, sollten Hilfe und Schutz bekommen. Die Vereine Compagna und Pro Filia tragen die Bahnhofhilfe. Sie finanzieren sich auch durch Spenden. Die SBB zahlt Beiträge. Die katholische Kirche Berns trug bis vor Kurzem mit einer fest eingeplanten Kollekte die Bahnhofhilfe mit. Neu ist das Kirchenopfer nicht mehr vorgeschrieben, so dass Pro Filia sich selber um den Einzug bei den Pfarreien bemühen muss. Pro Filia ist ein katholischer und politisch unabhängiger Verein. Er wurde vor über 110 Jahren als «Katholischer Mädchenschutzverein» in Freiburg gegründet. Pro Filia sucht aktuell Mitarbeitende für die Vorstandsarbeit, die sich für eine gute Infrastruktur der Bahnhofhilfe einsetzen.

Im Team im Hauptbahnhof Bern arbeiten sieben Personen im Alter zwischen 20 und 65 Jahren mit. Sie sind von 07.15 bis 20.15 in drei Schichten sieben Tage die Woche für Bahnreisende unterwegs und werden im Stundenlohn bezahlt. Im kleinen Stützpunkt, der ein Büro mit Garderobekästen und PC und ein kleines Sanitätszimmer für Notfälle umfasst, stapeln sich die Auftragskarten für den aktuellen Tag. Es sind Menschen aus Behindertenheimen angemeldet, die Hilfe beim Umsteigen brauchen, Gehbehinderte, Blinde und ältere Menschen, die in der Hektik des Bahnhofs froh um Begleitung sind. In Zusammenarbeit mit dem SBB Call Center Handicap in Brig erledigt die Bahnhofhilfe auch den Ein- und Auslad von Rollstuhlfahrenden mit Hilfe des Mobilift. Dafür erwerben die Mitarbeitenden ein Attest. «Neben dem technischen Verständnis braucht es zudem etwas Kraft und Durchsetzungsvermögen, auf den Perrons den nötigen Platz zu schaffen. Gerade in den Stosszeiten», erzählt Annerös Brechbühl. Eine Aufgabe, an der Interessenten auch schon gescheitert sind.

Annerös Brechbühl ist vor acht Jahren über ein Inserat eingestiegen: «Ich war Vollzeitmutter und Familienfrau. Auf einem Bauernhof aufgewachsen, lernte ich das KV, widmete mich dann ganz meinen zwei Kindern. Als ich dann wieder etwas Zeit fand, stieg ich hier ein.» Man sieht ihr die Faszination für die Aufgabe an. Die Begegnung mit Menschen aus den verschiedensten Ländern, mit den Randständigen, die jeder Bahnhof anzieht, habe ihr immer viel gegeben. Unzählige Erlebnisse bleiben haften: Auf einem ihrer Rundgänge trifft Annerös Brechbühl auf eine Frau, die sich mit drei Männern streitet. Alle schreien, die «gröbsten Schimpfwörter und Beleidigungen gehen hin und her», erzählt Brechbühl, «ich sah, dass die Frau mit ihrer Tasche auf die Männer losschlagen wollte. Aus sicherer Entfernung, allerdings ziemlich deutlich, fragte ich, ob ich helfen könne. Darauf verzogen sich die Männer und die Frau brach in Tränen aus. Ich sass eine Weile bei ihr, klärte ab, ob sie die Polizei brauchte. Sie erzählte mir ihre ganze Lebensgeschichte.» Sie und ihre KollegInnen wurden auch schon als die Engel vom Bahnhof bezeichnet, sagt Annerös Brechbühl.
Das Zusammenspiel von Bahnpersonal, Polizei, Sanität sei ausgezeichnet, bemerkt sie. Sie seien als Bahnhofhilfe überall gern gesehen und bestens integriert. Das mache eine effiziente und schnelle Hilfe möglich. In den letzten Jahren habe die Digitalisierung des Billetverkaufs und der Taktfahrplan ältere Bahnreisende verunsichert und ein viel höheres Personenaufkommen gebracht. Und dann lächelt Annerös Brechbühl plötzlich: «Sogar junge, ungeübte Bahnreisende kommen mit ihrem iPhone auf uns zu, das Fahrplan-App geöffnet, und fragen, ob das nun sicher ihr Zug sei.»

Viele also sind froh, dass es die Bahnhofhilfe gibt. Auch das junge Paar aus Australien, das mit Europass unterwegs war und in Bern strandete. Sie fanden kein Hotelzimmer mehr. In Bern war wegen einer Messe alles ausgebucht. Annerös Brechbühl vermittelte den jungen Globetrottern ein Zimmer in Münsingen. Weil sie selber dort wohnt, nahm sie die beiden nach Feierabend gleich mit und begleitete sie zum Hotel. Aber eben, auch dieses Ende der Geschichte erlebte die Bahnhofhilfe Brechbühl nicht. Am nächsten Morgen lagen in Bern neue Aufträge bereit.

Jürg Meienberg

Kontakt: Heidi Wilhelm, Sozialarbeiterin, Pfarrei St. Marien, Wylerstrasse 24, 3014 Bern, Teefon 031 330 89 80, www.bahnhofhilfe.ch 


4. Februar 2015