«Einander das Ohr zuneigen»

Im Gottesdienst, in Konzerten, ja in den Kirchen, dürfe es nur «Wohlklang und Wohlbefinden geben», so eine breit verankerte Ansicht, stellt Andreas Marti, Professor der Theologischen Fakultät der Universität Bern, zum Thema Kirche, Gottesdienst und Musik fest. «Die kritische Kraft des Evangeliums, eine neue Sicht auf sich selbst, auf die Gesellschaft, auf die Welt, auf die Religion zu eröffnen, bleibt auf der Strecke» schreibt er provokativ weiter. Das «Gefallen» habe sich zum Hauptkriterium erhoben, was Kirchenmusik und Kirchenlieder angehe. Drei Viertel der Einwohnerinnen und Einwohner des Kantons Bern, gehörten den Landeskirchen an, «obschon sie am kirchlichen Leben wenig bis gar nicht teilnehmen». Und das sei schwierig zu interpretieren.

In diesem von Marti skizzierten Umfeld versucht der 5. Internationale Kongress für Kirchenmusik, der vom 21. bis 25. Oktober in Bern stattfindet, neue Fragen zur zeitgemässen Kirchenmusik und eben auch zumzeitgemässen Umgang mit Kirchenmusik zur Diskussion zu stellen. Von morgens früh bis abends spät finden Konzerte, Gottesdienste, Orgelspaziergänge, Referate und Workshops statt. Der Kongress richtet sich nicht nur an Kirchenmusiker, Pfarrerinnen und Musikwissenschaftler, sondern auch und bewusst an ein breites musikalisch interessiertes Publikum.
Wie soll die Kirchenmusik «Hörerwartungen oder gar Unterhaltungsbedürfnisse befriedigen», fragt Thomas Gartmann, Präsident des Kongresses in Bern, «geht es um Wohlfühl-Spiritualität» oder um «eine kritische, widerständige Stimme in der Gesellschaft», die Kirche und Kirchenmusik immer auch waren und sein sollen? Daniel Glaus, der agile und zeitkreative Münsterorganist, weiss, dass sich «eine grosse Kluft» aufgetan hat zwischen Künstlern und Kirche: «Auf beiden Seiten können Ängste ausgemacht werden. Fühlen sich deshalb Kirchenvertreter der Freiheit der Kunst allzu sehr ausgesetzt? Fürchten sich umgekehrt Künstler vor einer allzu diffusen Ideologie der Kirche?»

Mit Referaten, Diskussionen, offenem Singen und Konzerten – inklusive Regensburger Domspatzen und verschiedenen Uraufführungen – soll in den fünf intensiven Tagen in Berns Kirchen der heutigen Funktion von Musik in Religion und Kirche nachgespürt werden. Der Bogen ist weit gespannt – das zeigen das Jazzkonzert in der Kirche Peter und Paul und die Uraufführung von Burkhard Kinzlers «Kain und Abel» mit über 200 Schülern und Studenten des Gymnasiums Neufeld und des Chors der Universität Bern. Der Kongress will in Bern bewusst «Begegnungsplattformen» schaffen, so Organist und Komponist Glaus, «und sei es auch nur, um einander das Ohr zuzuneigen». Auf der Website www.kirchemusikkongress.ch finden sich alle relevanten Informationen zu den genauen Zeiten und Veranstaltungsorten. Ebenso kann man sich dort auch für Workshops und Referate anmelden. Unter vielen anderen Angeboten sei auf die Laudes in der Dreifaltigkeitskirche am 22. Oktober, 08.00 bis 08.30, hingewiesen. Ein Vokalquartett interpretiert Hans Studers Spruch-Motette nach Worten von Jeremias Gotthelf: «Der Mensch kennt alle Dinge der Erde – aber den Menschen kennt er nicht.»

Jürg Meienberg

Hinweis: Alle Infos auf kirchenmusikkongress.ch

14. Oktober 2015