Foto: Nathan Dumlao/unsplash.com

Eine doppelte Dosis Optimismus

Unkonventionelle Gedanken wider Resignation.

Nicht erst seit diesem Jahr kommen Hiobsbotschaften aus allen Ecken der Welt auf uns zu. Klimawandel? Eine Gesellschaft, die auf stetig wachsenden Konsum basiert? Raubbau an unseren Ressourcen? Wir wissen es alle (oder fast), und tun doch nichts. Die Dimension dessen, was auf uns zukommt, überfordert unser Denken. Wie leicht könnte man da in eine Resignation verfallen! Doch einfach aufgeben ist keine Lösung: Zwei Autoren zeigen uns mit unkonventionellen Gedanken neue Wege auf, wie es auch sein könnte, und helfen unser Menschenbild ins Positive zu justieren. Holen Sie sich hier eine doppelte Dosis Optimismus für das Jahresende.

Sabrina Durante

Harald Welzer, Alles könnte anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen

Er ist ein Sozialpsychologe mit einer Leidenschaft für Lego und für unkonventionelle Ideen, der uns wieder zum Träumen bringen will. Denn diese Fähigkeit scheint uns abhanden gekommen zu sein: die moderne Gesellschaft hat keine Visionen, wie sie anders, besser sein könnte als sie ist. Und gemäss Welzer beginnt jede Veränderung mit einer Idee für ein besseres Leben.

Eines ist nämlich für Welzer klar: Unsere Realität ist eine Illusion. Unser (mittlerweile weltumspannendes) Wirtschaftsmodell basiert auf ein Wachstum ad infinitum – die Welt aber ist endlich. Daher haben wir eigentlich nur zwei Optionen: so weitermachen wie bisher und schauen, was passiert (vermutlich nichts Gutes), oder einen «Pfadwechsel» einschlagen, in dem wir uns nicht mehr nur als brave Verbraucher*innen aufführen. Wer hier einen epischen Entwurf erwartet, wie alles anders sein könnte, wird enttäuscht – oder eher überrascht. Denn es ist nicht der grosse Wurf, wofür Welzer plädiert, sondern die kleinstmögliche Zustandsveränderung, dafür erreichbar für jeden.

Hier kommen also die Legosteine ins Spiel: 17 dieser Steine braucht es, um eine bessere Welt zu bauen. Angefangen beim Lego-Stein 1, einer «gerechten Wirtschaft, die eine Kindheit ohne Entbehrungen» ermöglicht, wie es auch schon Papst Franziskus gefordert hat, über den Stein Nr. 11 – zwischenmenschliche Beziehungen, bis zum 17 – den Sinn. Für Welzer ist klar: das, was sich zwischen Menschen abspielt, ist der Kitt jeder Gesellschaft, die «eigentliche Produktivkraft der menschlichen Lebensform». Und dann sind wir dran: mit einleuchtenden Beispielen zeigt der Autor, dass wir durchaus fähig sind, etwa in den Bereichen Mobilität, Wirtschaft und Arbeit etwas zum «neuen Realismus» beizutragen. Für einmal eine Utopie, welche auch die praktische Umsetzung im Blick behält.





Harald Welzer, Alles könnte anders sein.
Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen. Erschienen 29.04.2020 im Fischer Taschenbuch Verlag. 320 Seiten. ISBN: 978-3-596-70348-7.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rutger Bregman, Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit

«Homo homini lupus» wussten bereits die Römer – doch vielleicht hatten sie gar nicht recht, findet der Historiker Rutger Bregman: «Über Jahrhunderte haben Philosophen, Psychologen, Ökonomen versucht zu belegen, dass die meisten Menschen im Grunde egoistisch sind. Nur eine dünne Schicht von Zivilisation halte uns von unseren innersten Trieben ab, nach denen wir Egoisten, Biester seien.» In seinem Buch sammelt er Beweise für das Gegenteil.

Zum Beispiel die Idee, dass angesichts grosser Gefahr Menschen zu ihrem «Urzustand» zurückkehren, also brutal und egoistisch handeln. Die Bilder der Solidarität, Hilfsbereitschaft, Einheit, die den Anschlägen auf die Twin Towers oder dem verheerenden Hurrikan «Katrina» in New Orleans folgten, zeigen das Gegenteil.

Viele, zu viele Annahmen prägen unser Menschenbild, findet Bregman. Und macht sich auf, diese eine nach der anderen zu widerlegen. William Goldings Buch «Der Herr der Fliegen» widerspiegelt etwa die verbreitete Vorstellung, dass unsere Gesellschaft eine brutale wäre, würden die Strukturen wegfallen, die für Ordnung sorgen. Da gab es tatsächlich eine kleine Gruppe Kinder, die in den 60er Jahren auf eine unbewohnte Insel im Pazifik strandete und erst nach anderthalb Jahren von einem Schiff gerettet wurde. Ihnen ging es bestens: Solidarität und Hilfsbereitschaft hat ihr Abenteuer geprägt.

Naiv ist Bregman nicht: klar sind Menschen zu unglaublicher Brutalität fähig, was viel zu viele Kriege, totalitäre Systeme, Genozide belegen. Doch diese Gewaltbereitschaft ist antrainiert. Menschen lassen leicht manipulieren – und gerade die Fähigkeit zur Empathie, die unsere Spezies auszeichnet, kann dazu führen, dass wir uns für unsere Nächsten (oder unsere ethnische oder ideologische «Familie») entscheiden das Leid der «Anderen» nicht wahrnehmen.

In der ersten Hälfte seines Buches demontiert Bregman viele der gängigen Annahmen über das Wesen des Menschen – mit Beispielen und Studien aus den verschiedensten Disziplinen. Danach stellt er die unvermeidliche Frage: wenn wir davon ausgehen, dass der Mensch im Grunde gut ist, was hat das für folgen für unsere Gesellschaft? Wie sieht eine Arbeitswelt aus, die davon ausgeht, dass man den Mitarbeitenden trauen kann, dass Menschen nicht von Natur aus gierig sind? Wie viele Funktionen und Hierarchiestufen würden dadurch wegfallen? Auch hier schöpft er aus dem Vollen und zeigt erstaunliche Beispiele aus der ganzen Welt, die inspirieren und Mut machen. Zum Schluss stellt er zehn «Gesetze» für einen neuen Realismus auf. Etwa: Im Zweifelfall sollst du vom Besten ausgehen. Oder: weniger Empathie, mehr Mitgefühl. Und vor allem: Stelle mehr Fragen! Denn vieles, das wir für gegeben halten, ist gar nicht in Stein gemeisselt.




Rutger Bregman, Im Grunde gut.
Eine neue Geschichte der Menschheit. Erschienen 10.03.2020 (gebundene Ausgabe) im Rowohlt Verlag. Aus dem Niederländischen übersetzt von Ulrich Faure und Gerd Busse. 480 Seiten, ISBN: 978-3-498-00200-8.



28. Dezember 2020
erstellt von «pfarrblatt» online
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