Bei einem Kaffee plötzlich ein Gespräch über Hobbys oder Reisedestinationen.

Eine gewisse Normalität

Es gibt Erdbeeren und Schokoladenkuchen heute. Eigentlich ist das Café ja nur das Treppenhaus des SWAN-Gebäudes. Aber am Dienstagnachmittag wird es zu mehr, einem Treffpunkt und Fenster nach draussen für die Patienten der Palliativstation des Inselspitals in Bern.

Eine Frau setzt sich mit ihrem Rollator dazu. Sie ist Holländerin, spricht mit leichtem Akzent. Einen guten Kaffee habe sie jetzt wieder mal gebraucht. In Holland sei Kaffee ja so etwas wie ein Grundnahrungsmittel, sagt sie und lacht.
Die Patienten der Palliativstation sind schwer krank. Viele haben Krebs, manche andere unheilbare Krankheiten, manche müssen sich einer schwierigen Therapie unterziehen. Manche bereiten sich im SWAN-Haus auf das Sterben vor. Alle aber werden durch ein spezialisiertes Palliative-Care-Team betreut.

Mal über was anderes reden

Gespräche hier seien im SWAN-Café anders als sonst in der Klinik, findet Simone Bühler. Bühler ist reformierte Seelsorgerin auf der Palliativstation. Im Café komme das Gespräch plötzlich auch auf Themen ausserhalb der Therapie, Hobbys zum Beispiel oder Reisedestinationen. Die Patienten können mit dem Arzt oder der Ärztin auf der gleichen Ebene reden, nicht im Verhältnis Behandelnder – Patient, sondern eben wie Leute in einem Café. Diese Normalität sei enorm wichtig in der palliativen Behandlung. Man möchte Menschen, die komplizierte Therapien durchmachen, oder Menschen, die sich auf den Tod vorbereiten, eine gewisse Normalität im Umfeld geben.

Jemand ist immer da

Das SWAN-Café ist wichtig für diese Normalität im Behandlungsalltag. Seit Herbst 2013 findet das Café ein- bis zweimal pro Woche statt, jeweils dienstags und manchmal auch sonntags. Dann stellen die freiwilligen Helferinnen und Helfer Tische und Stühle ins Treppenhaus und fertig ist der Treffpunkt. Mit den Volontären wird auch etwas von der «Welt draussen» in die Abteilung gebracht. Die Freiwilligen sind keine Pflegepersonen, erklärt Simone Bühler, keine Profis, sondern Mitmenschen, die mit den Patienten Zeit verbringen. Das bringe auch alltägliche Stimmung in die Spitalumgebung.
In Zusammenarbeit mit der reformierten Kirche Bern-Jura-Solothurn und der Seelsorge des Inselspitals Bern wurde 2013 ein Konzept für die Mitarbeit von Freiwilligen erarbeitet. Im Spätherbst 2013 nahmen vorerst 10 Personen ihre Arbeit auf und begannen damit, die Grundsätze des Konzeptes im Alltag der Palliativstation umzusetzen. Im Moment helfen sechs Personen auf freiwilliger Basis mit, das Café zu organisieren. Eine von ihnen ist Brigitte Ryser. «Eine Freundin von mir wurde im Endstadium ihrer Krankheit hier gepflegt. Die Pflege hat einen ungeheuren Eindruck bei mir hinterlassen. Und mir wurde klar, da will ich mich auch engagieren.» Erika Hostettler, ein weiteres Mitglied des Freiwilligenteams, schreibt in einem Bericht über ihre Arbeit: «Seit rund zwei Jahren stehen wir Freiwilligen fünf Mal pro Woche den Patienten zur Verfügung für Gespräche, Begleitung, Vorlesen etc. Je nach Wunsch, freiwillig und ohne Druck, sind sie einfach da. Dieses Einfach-da-Sein hat seine Tücken. Was ist, wenn niemand Besuch will, keiner mag oder alle zu müde sind? Das geschieht auch im Café. Hie und da sind wir unsere eigenen Gäste – bis sich ein trauriger oder nachdenklicher Besucher auf dem Weg in die Welt da draussen dankend zu uns setzt.» (Ihr ganzer Text unter: www.pfarrblattbern.ch) Die Patienten sollen gewisse Freiheiten geniessen, die sie sonst im Spital nicht hätten: Auch mal Nein zu sagen, wenn sie keine Gesellschaft wünschen. Oder sich eben im Café dazuzusetzen, wenn ihnen gerade nach Gesellschaft ist. Zwischendurch sind die Freiwilligen auch an diesem Nachmittag alleine. Bis sich eine Frau zu ihnen setzt und von der Krankheit ihres Mannes erzählt, dankbar, dass jemand einfach zuhört. Als sie am Ende geht und sich für den Kuchen bedankt, lächelt sie.

Text und Foto: Sebastian Schafer

Zum ganzen Bericht von Erika Hostettler:

Palliative-Care

Seit Februar 2012 ist die Palliativabteilung als Teil des Palliativzentrums (PZI) und dem Departement Onkologie im SWANGebäude des Inselspitals in Bern in Betrieb. Benannt ist das Gebäude nach der SWAN Isotopen AG, welche am selben Standort Radiopharmaka zur onkologischen Behandlung herstellt. Das Palliativzentrum wird durch ein spezielles Palliative- Care-Team betrieben.
Der Einbezug von Freiwilligen ist eines der Qualita?tskriterien, die der Schweizerische Verein für Qualität in Palliative-Care für eine spezialisierte stationäre Palliativabteilung festgelegt hat. Neben den Kontakten mit Patienten und Angehörigen gehören seit Anfang Dezember 2014 nun auch das SWAN-Café und ein Begegnungstreff für Trauernde zu den Aktivitäten, die dank den Freiwilligen realisiert werden konnten. Eine Aufstockung des Freiwilligenteams soll das SWAN-Café auch am Wochenende möglich machen.

Infos für Interesssierte: www.palliativzentrum.insel.ch oder bei der administrativen Leiterin PZI, Frau S. Felber, Tel. 031 632 63 20.

24. Juni 2015