Die Mohnblume als Symbol der Erinnerung an die Toten der Weltkriege. Foto: T. Q. on Unsplash

Eine Holocaust-Gedenkstätte für die Schweiz?

Ein offizieller Erinnerungsort für Opfer des Nationalsozialismus soll entstehen. Dies fordern zwei gleichlautende, breit abgestützte Motionen im National- und Ständerat. Der Bundesrat signalisiert Bereitschaft.

Von Hannah Einhaus

Wer hätte gedacht, dass mehr als die Hälfte der Nationalrät*innen aus allen Partei eine Motion unterzeichnen, die den Bund in die historische Verantwortung für seine Politik in den Jahren des Nationalsozialismus nehmen will? Ein offizieller Gedenkort des Bundes soll entstehen, der «die Erinnerung wachhält und durch Vermittlungsarbeit das Bewusstsein für die Bedeutung von Demokratie und Rechtsstaat, insbesondere bei jüngeren Menschen, stärken.»

Nationalrat Alfred Heer (SVP) und Ständerat Daniel Jositsch (SP) haben diese gleichlautenden Motionen Ende März eingereicht. Drei Generationen liegt das Ende des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust zurück. Bundespräsident Guy Parmelain hat bereits im Januar dieses Jahres signalisiert, die Schweiz müsse «der Opfer gedenken und neuen Gräueltaten vorbeugen». Werden auf diese Worte auch Taten folgen? Wird die offizielle Schweiz nach 75 Jahren – drei Generationen – für einen solchen Schritt bereit sein?

Mit katholischem Support

Es wäre ein Novum. In staatlichem Auftrag entstanden zwar 1957 der «Ludwig-Bericht» und im Jahr 2002 der «Bergier-Bericht» über die Schweizer Rolle jener Zeit, doch ein Ort der Reflexion fehlt bis heute. Immerhin sind im Bildungsbereich zahlreiche Initiativen entstanden, jedoch in der Regel auf private oder kantonale Initiativen. Zweifelsfrei: Die Eidgenossenschaft braucht einen solchen Ort des Erinnerns und Lernens. Sie hat sich mit ihrem Beitritt zur Internationalen Allianz zum Holocaust-Gedenken (IHRA) auch dazu verpflichtet.

Wenn neutrale Länder wie Schweden dies tun, kann das auch die Schweiz. Die Motionen Heer und Jositsch verweisen zudem auf die speziellen Gruppen von rund 1000 Schweizer Opfern und auf die Frauen und Männer, die sich damals den Flüchtenden beistanden. Damit unterscheidet sich die Forderung von «klassichen» Holocaust-Denkmälern.

Zu den katholischen Persönlichkeiten und Institutionen, die das Projekt unterstützen, gehören die Schweizerische Bischofskonferenz, katholische Theologieprofessor*innen wie Verena Lenzen und Christian Rutishauser, Provinzial der Jesuiten.

Früher keine Chance

Online-Kommentare zu den bisherigen Medienberichten sind ernüchternd. Viele fokussieren allein auf den Holocaust-Aspekt und sind judenfeindlich geprägt. Der mal mehr mal weniger ausgeprägte Antisemitismus in der Schweiz gehört nicht der Vergangenheit an. Dennoch hat ein solcher Vorstoss nun im Jahr 2021 bessere Chancen für eine Umsetzung. Immerhin haben sich mehrere Bundesräte in den letzten Jahren für eine Erinnerungsarbeit ausgesprochen. Noch vor einer Generation, 1996, wäre dies kaum denkbar gewesen. Damals liess sich Bundespräsident Jean-Pascal Delamuraz noch zum Satz hinreissen: «Auschwitz liegt nicht in der Schweiz» und versuchte damit, jegliche Fragen einer historischen Mitverantwortung der offiziellen Schweiz zu umgehen.

Delamuraz sprach damals insbesondere den älteren Generationen aus dem Herzen. Er konnte noch an das Selbstbild einer neutralen, nicht in die Kriegshandlungen verwickelten Schweiz anknüpfen. Jahrzehnte lang hielt sich die Auffassung, die Armee habe einen Einmarsch fremder Streitkräfte verhindert. Wer von der viel wichtigeren Rolle der Schweiz als Umschlagplatz für Gold, Raubgüter und Rohstoffe sowie als Informationsdrehscheibe der Geheimdienste sprach, zählte lange zu den «Nestbeschmutzern».

Realistischer Blick auf eigene Vergangenheit

Dann kam der in den 1990er Jahren in Auftrag gegebene Bergier-Bericht über die Flüchtlingspolitik und die nachrichtenlosen Vermögen. Erst in den letzten zwanzig Jahren verlor die Schweiz – vor allem bei den jüngeren – ihr Bild als wehrhafte weisse Insel. Seither ist ein differenzierteres Bild aus jener Zeit entstanden, mit Kritik an teils unmenschlichen Behandlungen aber auch mit Hochachtung für damalige Retter. Dieses Bild erhöht – hoffentlich – die Bereitschaft von Politik und Gesellschaft, ihrer eigenen Geschichte entgegenzutreten und auf damalige Taten und heutige Erwartungen einzugehen.

Die nun eingereichten Motionen erwarten nicht nur ein lebloses Objekt aus Stein, sondern auch «umfassende Bildungsmöglichkeiten zur Sensibilisierung gegen Rassismus und Antisemitismus und damit zur Stärkung der Demokratie». Ein Blick zurück mit Blick nach vorn.

 

 

8. April 2021
erstellt von «pfarrblatt»
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