Jugendliche der eritreisch-katholischen Gemeinde während des Gottesdienstes in der Dreifaltigkeitskirche in Bern. Foto: Martin Bichsel

Eine Perspektive für Flüchtlingskinder

Es ist schon ein paar Jahre her, dass Esther als minderjährige Asylsuchende in die Schweiz kam. Heute lebt sie mit ihren Kindern in der Region Bern, engagiert sich in der eritreisch-katholischen Gemeinschaft und arbeitet selber mit jugendlichen Flüchtlingen. Wie denkt sie an ihre Jugendzeit in der Schweiz zurück?


«Ich habe das Zusammenleben in der Wohngruppe mit anderen Jugendlichen genossen. Wir wurden umsorgt und bekocht. Wir bekamen Hilfe, wenn wir etwas nicht lesen oder verstehen konnten, weil wir noch nicht so gut Deutsch sprachen. Das hat uns Sicherheit gegeben. Wir waren nicht alleine», erzählt Esther.

Diesen Sonntag wird in der Schweiz der sogenannte «Sonntag der Völker» gefeiert. Papst Franziskus leitet seine Botschaft zu diesem Tag mit einem Jesuswort aus dem Markus-Evangelium ein: «Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.» In seinem Schreiben macht Papst Franziskus auf die Wirklichkeit minderjähriger Flüchtlinge aufmerksam. Sie sind aus seiner Sicht die verletzlichste Gruppe – insbesondere jene, die alleine unterwegs sind.

Weltweit befinden sich über 65 Millionen Menschen auf der Flucht, ausserhalb und innerhalb der Grenzen ihres Heimatlandes. Über die Hälfte der Flüchtlinge sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. In der Schweiz haben 2016 knapp 2000 Minderjährige ohne Begleitung ein Asylgesuch eingereicht. Die schrecklichen Erfahrungen in ihrem Heimatland und auf der Flucht hinterlassen bei den Kindern und Jugendlichen tiefe Spuren. Gerade für junge Menschen ist es schwierig, mit traumatischen Erlebnissen umzugehen.

Für Papst Franziskus sind deshalb für die Integration geflüchteter Kinder und Jugendlicher geeignete politische Programme zur Aufnahme, Betreuung und Eingliederung nötig. Minderjährige unbegleitete Asylsuchende werden in der Schweiz idealerweise in eine Wohngruppe oder eine Pflegefamilie aufgenommen.
«Wir als Betreuende fragen die Jugendlichen nicht nach ihren Erlebnissen oder ihrer Familie. Wenn sie uns vertrauen und uns etwas erzählen, behalten wir es für uns», erzählt Esther. Eine der Hauptaufgaben sei es, die Jugendlichen zu animieren, pünktlich in die Schule zu kommen. «Nicht jeder ist motiviert. Erstens haben sie das Gefühl, sowieso nichts zu verstehen. Zweitens fehlt ihnen häufig die Perspektive, da sie noch nicht als Flüchtlinge anerkannt wurden oder denken, keine Chancen auf eine Lehrstelle zu haben.»

Auch eine Freiwilligengruppe aus der italienischsprachigen Mission engagiert sich für die Integration minderjähriger Asylsuchender. Sie berichtet davon, dass ein kontinuierlicher, konstanter und auf gegenseitigem Vertrauen basierender Kontakt sowie ein freundschaftlicher Umgang mit den Jugendlichen von grosser Bedeutung seien. Die Freiwilligen der Italienischsprachigen Mission planen, mit Film- abenden und sportlichen Aktivitäten im betreuenden Zentrum noch mehr Jugendliche zu erreichen.

Sie erhoffen sich auch Unterstützung von weiteren freiwilligen Helferinnen und Helfern. «Vor allem aber möchten wir den Jugendlichen helfen, die Unterschiede, die zwischen ihrer Vergangenheit und der neuen Situation in der Schweiz liegen, besser zu verarbeiten, damit sie sich dank neuen, schönen Erfahrungen besser integrieren können.» In verschiedenen Pfarreien finden an diesem Sonntag interkulturelle Gottesdienste und weitere Veranstaltungen statt.

Eveline Sagna-Dürr


Weitere Infos:

Fachstelle Sozialarbeit FASA  
Materialien und Hintergründe auf der Seite der Fachstelle Migratio der Schweizer Bischofskonferenz  
Die Seite des Vatikans mit dem Text des Papstes zum Welttag des Flüchtlings und des Migranten  

8. November 2017
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