Nachhaltig und gesellschaftspolitisch relevant. Foto: Pia Neuenschwander

Eine schwierige Frage

Für das Jahr 2040 kann ich mir verschiedene Szenarien vorstellen. Möglich wäre zum Beispie leine Versteifung der Kirche auf konservative Werte. Dabei würde das «Publikum»schrumpfen, die Kirchenpolitik an der Realität vorbeigehen und der Priestermangel würde sich zuspitzen … Es ist aber auch möglich, dass eine völlige Öffnung stattfindet undTrends aufgenommen werden – die katholische Kirche vielleicht sogar zu sehr angepasst und «hip» zu sein versucht. Vielleicht kommt es auch zu einer erneuten Reformation und der Papst wird gestürzt oder die Kirche spaltet sich?

Ich denke, die Realität 2040 wird irgendwo zwischen meinen Wunschvorstellungen und dem heutigen Zustand liegen, also quasi auf halbem Wege. Ich habe zu dem Thema ein freies Brainstorming gemacht und einige Schlagwörter zu meinen persönlichen Wunschvorstellungen zusammengetragen.

Ich wünsche mir, dass eine Annäherung derWeltkirche an die heutige Lebenswirklichkeit der westlichen Länder stattfindet. Wichtig ist mir dabei, dass gewisse Rituale und Traditionen bewahrt werden und die Kirche auch weiterhin«erlebt» und «gelebt» wird. Dabei sollte sie den Anschluss an gesellschaftliche Entwicklungen nicht verlieren.
Ich wünsche mir, dass sich wieder mehr Menschen für Religion interessieren, frei von Fundamentalismus, aber mit persönlichem Engagement und sozialem Verantwortungsbewusstsein.
Ich wünsche mir Toleranz und keine Schubladisierung jener, die sich für kirchliche Anliegen einsetzen.
Ich wünsche mir, dass die katholische Kirche wieder vermehrt gesellschaftspolitisch Stellung nimmt und sich mit Themen wie Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit beschäftigt.
Ich wünsche mir eine Rückbesinnung auf den revolutionären Kern der christlichen Botschaft, auf humanistische Werte – aber immer mit Bezug zur heutigen Zeit.
Ich wünsche mir, dass die Kirche ein Kraftort ist.

Wichtig ist mir auch die Kirchenmusik als Trägerin einer spirituellen Dimension – Orgelmusik, Chor, Passionen …Ich wünsche mir, dass es 2040 immer noch aktive MinistrantInnen gibt – als Partizipationsmöglichkeit und Treffpunkt für Kinder und Jugendliche und nicht zuletzt als Begegnungsort für junge Menschen verschiedenster Herkunft.

Wahrscheinlich wird unsere Gesellschaft 2040 noch multikultureller sein; ich wünsche mir, dass die Kirche als Integrationsplattform genutzt und Toleranz gelebt wird. Die Kirche sollte offen sein und anderen Religionen geschwisterlich begegnen. Kurz gesagt: Vielleicht wünsche ich mir einfach, dass die katholische Weltkirche etwas mehr so wird, wie ich die katholische Kirche in Bern erlebe.


Marina Stoffel (26), Master in Übersetzung an der Universität Genf, ehemalige Ministrantenleiterin Pfarrei Dreifaltigkeit, Bern

 

 

7. Januar 2015