Bei den Kindern ansetzen. Vroni Peterhans, Präsidentin von oeku, ist auch Primarlehrerin und Katechetin. Foto: zVg

Eine Stimme für die Natur

Die Schöpfung bewahren, behüten, pflegen – oder: sich die Erde untertan machen, um sich egoistischem, hedonistischem Geniessen hinzugeben? Diese Fragen stellen sich jetzt viele. Denn am 13. Juni stimmen wir ab über diverse Anliegen, welche die Umwelt betreffen.

Von Marcel Friedli

Eine geballte Ladung Umwelt: So lässt sich ein Teil des Pakets an Vorlagen, über die wir am 13. Juni abstimmen, auf einen Nenner bringen. Um sauberes Trinkwasser geht es. Um eine Landwirtschaft ohne Pestizide. Und um Klimafreundlichkeit (vgl. oberen Kasten).

Alle drei Vorlagen haben gemeinsam, dass ihnen die Umwelt am Herzen liegt. Unsere Welt, von der wir nur diese eine haben. Zu der wir Sorge tragen sollten. Also ein – eigentlich – ziemlich klarer Fall. Vor allem aus spiritueller Sicht. Wer kann schon dagegen sein, dass wir die Schöpfung weiter ruinieren?

«Doch», widerspricht Hans Ulrich Steymans (links, Foto: zVg), «es gibt Leute, die es in Kauf nehmen, dass sich der Treibhauseffekt fortsetzt oder verstärkt.» Er ist Professor für Altes Testament und Biblische Studien an der Universität Freiburg i. Ue. und Mitglied des Vorstands von oeku, einem ökumenischen Umweltverein (vgl. unteren Kasten). Er meint Menschen, die sich einen SUV kaufen und den Aufkleber mit der Aufschrift «F... you Greta» am Heck anbringen. Und er erinnert sich an das Lachen im Publikum, als der deutsche Kabarettist Dieter Nuhr vor Jahren, als der Sommer wieder alle Hitzerekorde brach, sinngemäss sagte: «Also ich finde das Wetter toll! Ich habe abends mit meinem Auto extra noch ein paar Runden gedreht, damit es so bleibt.»

Sich lustig machen

Die Äusserung und der Aufkleber haben eines gemeinsam, so Hans Ulrich Steymans. «Man macht sich auf Kosten jener lustig, die über den Treibhauseffekt besorgt sind. Und man macht sich lustig über jene, die fordern, dass die Menschen in den reichen Industrienationen ihren Lebensstil ändern.»

Der Umgang mit Umwelt, Pflanzen und Wasser zeigt für Hans Ulrich Steymans eine Parallele zum Umgang mit den Menschen, die unten im Machtgefälle stehen. «Die haben nämlich oft ebenso wenig eine Stimme, um ihre Rechte einzuklagen, wie die Natur.»

Es gehe um Gerechtigkeit, sagt Hans Ulrich Steymans. «Es wird propagiert, das CO2-Gesetz sei ungerecht, weil es die Landbevölkerung benachteilige, die auf das Auto angewiesen sei. Dies wirft die Frage auf, was man als gerecht ansieht. Denn: Was gebührt wem aufgrund wovon?»

Zudem geht es laut Hans Ulrich Steymans um Macht: «Hat die Schweizer Landbevölkerung mehr Recht auf ein glückliches Leben als jene an den Küsten von Bangladesch, wo die Klimaveränderung die ohnehin prekäre Ernährungssicherheit bedroht? Hört der Blick auf das, was gerecht ist, an der Schweizer Grenze auf?»

Sorge tragen

Angesprochen auf die drei Umweltanliegen, hat Vroni Peterhans (links, Foto: zVg) drei Hüte auf und wägt jeweils ab, in welcher Rolle sie was sagt. Zum einen ist sie Katechetin. Zum anderen steht sie als Biobäuerin mitten in der heissen Diskussion, sind doch die beiden Initiativen zu nachhaltiger Landwirtschaft sogar bei ihren Kolleg*innen umstritten. Und drittens vertritt sie als oeku-Präsidentin die Anliegen spiritueller Menschen, denen Umwelt und Schöpfung am Herzen liegen. «Als Christ*innen sind wir verpflichtet», sagt sie, wenn sie den oeku-Hut aufsetzt, «zu unserer Schöpfung und den Ressourcen, die wir zur Verfügung haben, Sorge zu tragen. Wir haben den Auftrag, unsere – einzige – Erde zu behüten. Mit der Weltgemeinschaft, gemeinsam mit Menschen aus allen Teilen der Erde, aus allen Schichten. Als Menschen sind wir Teil dieser Welt, Teil dieser Schöpfung. Alles ist mit allem verbunden, wir sind mit allem verbunden.»

Vroni Peterhans streicht den – nebst Ostern und Weihnachten – dritten Zyklus im Kirchenjahr heraus: den Schöpfungszyklus, der von Anfang September bis Anfang Oktober dauert – und zum Beispiel den Tag des Dankes für die Ernte beinhaltet. «Den Schöpfungszyklus sollten wir noch mehr gewichten und gestalten und so unser Engagement für die Umwelt sichtbar machen. Dies ist zudem eine Chance für die Kirchen, Menschen aus dem umweltaffinen Segment abzuholen. Den Glauben soll man meiner Ansicht nach nicht nur innerhalb der Mauern der Kirchen leben.»

Samen bei Kindern säen

Als Katechetin strebt Vroni Peterhans danach, den Kindern diesen Gedanken im Religionsunterricht zu vermitteln: «Dass Jesus in einer Zeit lebte, in der alle Menschen mit der Natur verbunden waren, mit und in ihr lebten. Ideal veranschaulichen kann man dies mit dem Bild vom Weinstock und den Reben: Dass dieser Wasser braucht, aus den Trauben Saft und Wein wird und alles miteinander zusammenhängt.»

Die 57-jährige gelernte Primarlehrerin zeigt Erstkommunikant*innen den Hof, wo sie als Bäuerin Teil einer Betriebsgemeinschaft ist. So lässt sie zum Beispiel das Bild vom Sämann konkret werden: dass aus dem Samen dereinst Brot wird. Dass nicht alle Samen überleben und dass man als Mensch bedingt Einfluss auf die Ernte hat. «Über solche Erlebnisse», freut sich die fünffache Mutter, «lassen sich die Kinder abholen, ansprechen und begeistern.»

Auf Luxus verzichten

In ihrer Rolle als Bäuerin spricht sie vom Gehen auf schmalem Grat: «Natürlich liegt es mir am Herzen, den Boden, die Pflanzen zu schonen und naturnah zu produzieren. Aber der Betrieb muss wirtschaftlich sein, im Sinne von: Man muss genug verdienen können, um zu überleben.»

Das bedeutet: Nahrungsmittel ohne Pestizide und sauberes Trinkwasser haben ihren Preis. «Pestizide geraten meiner Meinung nach nicht ausschliesslich durch die Landwirtschaft in den Kreislauf«, sagt Vroni Peterhans. «Um sauberes Trinkwasser müssen wir uns alle bemühen.»

Bezogen aufs CO₂, heisst dies: unsere Mobilität, unser Reiseverhalten zu überdenken – möglichst nicht mit dem Flugzeug zu reisen. «Wenn mir die Erde am Herzen liegt», sagt Vroni Peterhans, «muss ich in Kauf nehmen, auf den einen oder anderen Luxus zu verzichten. Und vielleicht merke ich anschliessend, dass es ein Gewinn ist.»

 

Im Zeichen der Umwelt
Zwei Initiativen zu nachhaltiger Landwirtschaft sowie ein Gesetz zur Klimafreundlichkeit: Diese drei Vorlagen, über die wir am 13. Juni abstimmen, stehen im Zeichen der Umwelt – im spirituellen Kontext: der Schöpfung. Diese drei Vorlagen bilden den Auftakt zu weiteren Vorstössen, die sich um das Sorgen um die Umwelt drehen. Die Initiative für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung verlangt: Nur noch jene Landwirtschaftsbetriebe, die auf Pestizide und Antibiotika verzichten, sollen Subventionen und Direktzahlungen erhalten.

Die zweite Initiative hingegen peilt ein Verbot an: Sie will synthetische Pestizide in der Landwirtschaft untersagen; in der Produktion und Verarbeitung ebenso wie in der Pflege. Dieses Verbot soll auch für den Import von Lebensmitteln gelten. Mit dem revidierten CO2-Gesetz soll sich der Schweizer Ausstoss von Treibhausgas deutlich vermindern. Investitionen in Gebäude und Infrastrukturen werden unterstützt. Die Lenkungsabgaben – zum Beispiel aus Flugtickets – fliessen in einen Klimafonds, mit dem Projekte unterstützt werden, die CO2-Emissionen senken.

 

Kirche für die Umwelt
Der ökumenische Verein oeku nennt sich neu: Kirche für die Umwelt. Er setzt sich für umweltbewusstes Handeln sowie Nachhaltigkeit ein; dies in Pfarreien, Kirchgemeinden und kirchlichen Institutionen in der Schweiz. Bekannt ist oeku im Zusammenhang mit dem Grünen Güggel, einem zertifizierten Umweltlabel.
Weitere Informationen: www.oeku.ch

Lesen Sie hier die Medienmitteilung der schweizerischen Nationalkommission Justitia et Pax, eine Kommission der Schweizer Bischofskonferenz.

21. Mai 2021
erstellt von «pfarrblatt»
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