Nunitus Philippe Bernardini bei seinem Amtsantritt in Bern 1935. Foto: Staatsarchiv des Kantons Bern, FN Jost N 1862.

Eine Thorarolle für den Nuntius

18 Jahre lang wirkte Philippe Bernardini als Apostolischer Nuntius in Bern. Während der Kriegsjahre gewährte er Juden Schutz und Hilfe bei ihrer Rettung von bedrohten Glaubensgenossen in Europa.


In der jiddischen Sprache hätte man ihn wohl als «Mensch» bezeichnet, als eine Person mit Herz und Seele, gepaart mit Klugheit und Mitgefühl. Monsignore Philippe Bernardini diente ab November 1935 als Apostolischer Nuntius in Bern und blieb der Aarestadt bis 1953 treu. Als Vertreter des Vatikans war er automatisch auch Dekan des diplomatischen Korps in Bern und hatte damit eine führende Stellung inne.
Für einen Diplomaten überraschend deutlich Klartext redete er im August 1942, als er sich gegen die Ausweisung illegal eingereister Juden aussprach. Der Bundesrat hatte beschlossen, «rassisch Verfolgte» nicht als politische Flüchtlinge anzuerkennen und entsprechend kein Asyl zu gewähren. Obschon informiert über die tödlichen Folgen für die Flüchtlinge, hielten Bundesrat Eduard von Steiger und Fremdenpolizeichef Heinrich Rothmund an den Rückweisungen an der Schweizer Grenze fest. Letzterer hatte sich in seinen bisherigen zwei Jahrzehnten im Amt immer deutlich gegen die «Verjudung» der Schweiz ausgesprochen.

Zu diesem Zeitpunkt war die Schweiz von den Achsenmächten nahezu eingekreist. Nur der Zipfel um Genf grenzte an das noch unbesetzte Vichy-Frankreich, doch auch dieser fiel drei Monate später unter deutsche Kontrolle. Als kriegsfreie Insel war die neutrale Schweiz eines der wenigen Länder in Europa, wo Diplomaten verfeindeter Staaten miteinander sprachen.

Im Auge des Hurrikans
Der Berner Schriftsteller und Journalist Peter Kamber umschrieb die damalige Stimmung in der Bundesstadt so: «Die Stadt Bern bildete damals ein Art Auge des Hurrikans, überall anders tobte der Krieg, nur hier sassen die Vertreterinnen und Vertreter der verfeindeten Staaten in den Bars und an den Empfängen und Abendgesellschaften beieinander, um sich ihren Teil zu denken. Bern war entweder ganz Oberfläche oder ganz Untergrund, und beide Welten schienen sich kaum zu berühren, höchstens in der Nacht, in den engen Gassen der Stadt und den einsamen verdunkelten Strassen entlang der wie Tinte unter den hohen Brücken durchfliessenden Aare.»
Dass sich der Nuntius als Dekan der Diplomaten in Bern via Radio an die Bevölkerung gewandt hatte, war selten – und ein umso stärkeres Signal an den Bundesrat. Als in denselben Augusttagen die Ausschaffung eines jungen Flüchtlingspaars, das auf dem Berner Friedhof entdeckt worden war, bekannt wurde, setzte ein Entrüstungssturm ein. Kirchen, Parteien verschiedenster Couleur und ihre Zeitungen forderten eine humane Schweiz mit edler Asyltradition, und tatsächlich lockerte der Bundesrat vorübergehend die Aufnahmepolitik. Wer direkt an der Grenze erwischt wurde, wurde weiterhin zurückgewiesen, wer sich bereits einige Zeit im Landesinneren der Schweiz aufhielt, durfte vorerst bleiben.

Bernardini und die polnische Gesandtschaft
Bernardinis Radio-Auftritt vom August 1942 war nur die Spitze des Eisbergs. Der Nuntius in Bern bot zahlreiche direkte und indirekte Hilfestellungen für die persönliche Rettung Tausender Menschen. Zwei wichtige Schlüsselpersonen waren für ihn der polnische Botschafter Alexander Lados und dessen Berater für jüdische Angelegenheiten, Julius Kühl. Letzterer war 1913 in der polnischen Stadt Sanok geboren und jung als Halbwaise in die Schweiz gekommen. An der Universität Bern schloss er 1939 sein Wirtschaftsstudium mit einer Dissertation über die schweizerisch-polnischen Handelsbeziehungen ab und fand kurz darauf die Stelle in der polnischen Gesandtschaft.
Von seinem Chef Alexander Lados gedeckt, wusste Kühl die Instrumente der Diplomatenwelt zu nutzen, um Tausenden Juden das Leben zu retten beziehungsweise andere Fluchthelfer zu unterstützen und mit der Diplomatenpost lebenswichtige Nachrichten zu vermitteln.
Zum Dank für diese Handlungsfreiheiten liess Kühl seinen Chef Lados bei regelmässigen sonntäglichen Schachpartien gewinnen. Mit dem Nuntius verbrachte Kühl Stunden am Tischtennistisch. Auch von ihm erhielt er unverzichtbare Rückendeckung für seine an Illegalität grenzenden Aktionen, um Menschen in Not zu retten. Kühl kooperierte mit Diplomaten verschiedener lateinamerikanischer Staaten, um Schutzpapiere zu beschaffen. Mit ausgestellten Visa oder Pässen sollten Juden in von Deutschland besetzten Ländern Papiere erhalten, die sie vor der direkten Deportation in die Vernichtungslager retten konnten.
Vor allem nach der Kriegswende nach Stalingrad im Frühjahr 1943 zeigte sich die deutsche Regierung tauschbereit bei Gefangenen und Zivilinternierten. Träger von Papieren neutraler oder alliierter Staaten genossen im Vergleich zu den papierlosen Juden einen gewissen Schutz vor Verfolgung, Deportation und Hinrichtung – freilich ohne Garantie.
Es fehlte auch in der Schweiz nicht an gesetzestreuen Beamten, die solche Aktionen zu unterbinden suchten. Kühl sollte mehrmals ausgewiesen werden, doch dank guter Anwälte und dem Schutz seines Chefs sowie des Nuntius als Dekan des diplomatischen Korps in Bern, konnte Kühl bis nach Kriegsende in der Schweiz bleiben und als Judenretter wirken. Trotz allem nahm Kühl kein Blatt vor den Mund. Wie er später einmal der Journalistin Gisela Blau erzählte, benutzte Kühl gelegentlich dasselbe Tram wie von Steiger und verärgerte ihn mit den Worten: «Guten Morgen, Herr Bundesrat, heute ist das Boot wieder einmal sehr voll, nicht wahr?»

Bernardini und Sternbuchs
Kühl war ein erstklassiger Netzwerker, und so vermittelte er auch den Kontakt zwischen dem Nuntius und dem jüdisch-orthodoxen Ehepaar Recha und Isaak Sternbuch. Sie führten den «Hilfsverein zur Unterstützung der jüdischen Flüchtlinge» (HIJEFS). Die 1905 geborene Tochter des Antwerpener Oberrabbiners Mordechai Rottenberg war in Basel aufgewachsen und hatte bereits nach dem Anschluss Österreichs 1938 einen Schlepperdienst aufgebaut, als Tausende versuchten, über den Rhein in die sichere Schweiz zu kommen. Unterstützt wurde sie von Polizeihauptmann Paul Grüninger.
Im Mai 1941 wurde sie verhaftet wegen Schlepperei, Bestechung von Beamten und Beschaffung von kubanischen Visa, doch mangels Beweisen am 30. Juni 1942 freigesprochen. Um Auslieferungen zu verhindern, würfelte sie Flüchtlinge einfach zu «Familien» zusammen. Als die Schweizer Behörden den Trick erkannten und damit drohten, die Flüchtlinge via Frankreich wieder den Deutschen auszuliefern, wandte sie sich an den Nuntius. Sie konnte ihn von ihrem Standpunkt überzeugen, dass eine illegale Flucht in die Schweiz nicht als Verbrechen betrachtet werden durfte.
Folge dieses Kontakts war die bereits erwähnte Rede am Radio. Bernardini empfand tiefes Mitgefühl für die Juden in Europa und zeigte offene Bereitschaft, den Opfern der Naziverfolgung zur Seite zu stehen. Überwältigt war er von Recha Sternbuchs Selbstlosigkeit und Opferbereitschaft ebenso wie von ihrer biblischen Gelehrsamkeit und Frömmigkeit.
Bernardini stellte den Sternbuchs und anderen Judenrettern die diplomatischen Kurierdienste zur Verfügung. Als Vertreter des Vatikans verfügte er über ein weit grösseres Netz als die polnische Gesandtschaft von Lados und Kühl – in den Kriegsjahren existierte nur noch eine polnische Exilregierung – und so vermittelte der Nuntius von Bern aus Kontakte, Informationen und Dokumente beispielsweise auch in die Tschechoslowakei, nach Ungarn und Rumänien. Ebenso setzte er sich dafür ein, dass die – mehrheitlich katholischen – Staaten Lateinamerikas solche Pässe und Schutzpapiere, wie sie Kühl und andere Diplomaten ausstellten, anerkannten.

Kinder sollen jüdisch bleiben
Nach dem Krieg unterstützte Bernardini Recha Sternbuch in einer neuen Mission: Während des Krieges hatten zahlreiche katholische Klöster jüdische Kinder aufgenommen und vor der physischen Vernichtung gerettet. Deren Eltern und Verwandte waren ermordet worden, doch sie selbst sollten das Erbe der jüdischen Religion weitertragen. Wie die amerikanischen Historiker David Kranzler und Joseph Friedenson in ihrem Buch «Heroine of Rescue. The incredible story of Recha Sternbuch who saved thousands from the Holocaust» festhalten, gehörte Bernardini zu den wenigen Kirchenführern, die den jüdischen Anspruch auf dieses Erbe anerkannten.
Mit Begleitbriefen des Nuntius aus Bern ausgestattet, bereiste Recha Sternbuch zahlreiche Städte in Frankreich, um katholische Heime für ihr Anliegen zu gewinnen – mit unterschiedlichem Erfolg. Kühl zeigte sich von Bernardinis Haltung beeindruckt, als er schrieb: «In einer Zeit, da wir uns verlassen und verloren fühlten, mitten in einer Welt, die bestenfalls gleichgültig war gegenüber dem Schicksal unseres Leidens, zeigten uns Bernardinis Mitgefühl und permanente Hilfe, dass menschliche Instinkte noch nicht am Ende angelangt waren.»

Als Ausdruck grösster Dankbarkeit schenkten Recha Sternbuch und ihr Mann Isaak dem Nuntius am 9. Oktober 1944 eine Thorarolle mit folgender Botschaft: «Da wir die Ehre hatten, Sie kennenzulernen, wissen wir den Geist der Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Aufopferung zu schätzen, mit der Sie sich für Menschen in Bedrängnis, insbesondere für unsere Brüder, eingesetzt haben. Wir wünschen uns, Ihnen unsere tiefe Dankbarkeit zu zeigen, und wir bitten Sie, das anzunehmen, was uns das Liebste ist, nämlich eine Pergamentrolle mit der Inschrift der Thora, der wahre Grund unserer Existenz durch die Jahrhunderte. Sei Gott mit Euch.»

Anfang 1953, unter Papst Pius XII., wurde Bernardini zum Sekretär der Kongregation für die Evangelisierung der Völker nach Rom berufen, wo er im Folgejahr knapp 70-jährig verstarb.

Hannah Einhaus

17. Juni 2015