Matthias Dörnenburg hofft, dass der Ausfall bei Gottesdiensten durch Spenden wettgemacht wird. Foto: Fastenopfer

«Einsatz für Gerechtigkeit ist politisch»

Spiritualität in der Fastenzeit bedeute, sich für Solidarität und Gerechtigkeit einzusetzen. Darum sei sie politisch. Das sagt Matthias Dörnenburg, Co-Leiter der der Kampagne von Fastenopfer, die sich der Klimagerechtigkeit widmet.

Interview: Marcel Friedli

«pfarrblatt»: Wie gross ist gemäss Ihrer Einschätzung der Rückhalt für die Kampagne von Fastenopfer und Brot für alle bei den Kirchgemeinden und Pfarreien?

Matthias Dörnenburg: Sehr gross: Wir erhalten zahlreiche Anfragen und Reservationen für Präsentationen und Projekte. Auch auf den entsprechenden Websites wird häufig gesurft.

Rechnen Sie wegen der Beschränkungen bei Gottesdiensten mit weniger Einnahmen – und damit mit weniger Geld für Unterstützung in Ländern des Südens?

Nicht unbedingt. Wir hoffen, dass der Ausfall bei Gottesdiensten und Anlässen durch Spenden Privater wettgemacht wird. Dies war letztes Jahr der Fall – und freut uns sehr. Zu verdanken ist dies auch den Kirchgemeinden und Pfarreien, die zum Spenden ermuntert haben.

Sie hoffen also, dass die Solidarität via Geld weiterspielt?

Ja, aber nicht nur. Gewisse Dinge wie die Rosenaktion finden sowohl in der digitalen Welt statt – und hoffentlich auch real. Schön wäre, wenn auch dieses Jahr einige Kirchgemeinden einen Beitrag spenden, als Ausgleich für ausfallende Veranstaltungen oder Aktionen. Doch das Spendenverhalten vorauszusehen ist wie das Lesen in der Glaskugel. Wir hoffen und sind zuversichtlich, dass sich die Menschen in der Schweiz solidarisch zeigen und im ursprünglichen Sinne der Fastenzeit auf etwas verzichten – und für jene spenden, die auszubaden haben, dass wir in den reichen Ländern auf zu grossem Fuss leben.

Meinen Sie mit Verzichten auch den Lebensstil?

Ja. Und Gewohnheiten überdenken, zum Beispiel bei der Mobilität oder beim Konsumieren. Verzichten aus einer spirituellen Haltung heraus. Wir sind alle Teil der Schöpfung und dadurch miteinander verbunden. Das bedeutet auch, dass wir so leben sollen, dass alle Menschen – sowohl im Süden als auch im Norden – genügend haben. Und auch die Natur geschwisterlich behandeln.

Wie realistisch ist es, dass wir in der Schweiz unser Konsumverhalten verändern?

Änderungen im Verhalten sind schwierig zu bewirken und brauchen Zeit. Doch in letzter Zeit ist die Sensibilität gestiegen. Dies zeigt sich zum Beispiel dadurch, dass nachhaltige, biologisch oder ethisch vertretbar hergestellte Produkte steigenden Absatz finden. Viele Menschen sind bereit, ihr Verhalten zu hinterfragen.

Die diesjährige Kampagne widmet sich dem Thema Klimagerechtigkeit. Wollen Sie damit bei der Klimajugend punkten?

Nein, wir haben uns nicht aufgrund der Klimajugend für dieses Thema entschieden. Aber es hilft, dass sich etliche Jugendliche zu dieser Bewegung formiert haben. Die Klimaveränderung ist bei uns schon lange ein Thema. Die erste Kampagne dazu haben wir bereits 1989 geführt. Bei uns müssen aber offenbar erst die Gletscher schmelzen, damit kein vernünftiger Mensch mehr abstreiten kann, dass unsere Erde leidet. Weniger polemisch ausgedrückt: Das Pariser Abkommen gibt uns die Möglichkeit zum Handeln. Dieses hat zum Ziel, den globalen Temperaturanstieg auf maximal 2 Grad Celsius zu beschränken. Notwendig wären 1,5 Grad Celsius und rasches Handeln.

Klimagerechtigkeit hat eine politische Komponente. Haben Sie aus der Kritik, die es nach der kirchlichen Parteinahme bei der Konzernverantwortungsinitiative hagelte, nichts gelernt?

Wir setzen uns weiter für Gerechtigkeit ein: für Menschen im Süden, die kaum gehört werden. Dies ist letztlich politisch. Auch das Evangelium ist politisch. Es stellt ebenfalls die Gerechtigkeit ins Zentrum. Gerechtigkeit und Handeln sind eng verbunden. Im Endeffekt hat Spiritualität stets eine politische Komponente. Auch Papst Franziskus fordert in der Enzyklika «Laudato sí» auf, sich für eine gerechte Welt und für die Schöpfung einzusetzen.

Fastenopfer und Brot für alle prangern die Mitverantwortung der Schweizerischen Nationalbank (SNB) an: Aufgrund ihrer Beteiligung an Unternehmen mit fossilen Energien sei sie mitverantwortlich für das ungebremste Zunehmen von CO2. Wie kommt dies bei der SNB an?

Die Nationalbank hat Ende letzten Jahres in einem Mediengespräch bekanntgegeben, aus Kohleunternehmen auszusteigen. Offenbar sieht auch sie Handlungsbedarf. Absolut zu Recht, denn in ihren Richtlinien steht, sie sehe von Anlagen ab, welche Menschenrechte verletzen – und das geschieht mit der Klimaerwärmung, zu der die Nationalbank massgeblich beiträgt.

Viele haben andere Sorgen als das Klima, zum Beispiel finanzielle, wegen Corona.

Das stimmt. Aber es gibt auch viele Menschen, welche diese Krise zum Anlass nehmen, sich über Grundlegendes Gedanken zu machen – und das Drehbuch ihres Lebens umschreiben.

Die Einnahmen aus der Kampagne kommen Menschen in Indonesien, Kenia, den Philippinen zugute – weit weg von unserer Lebensrealität.

Diesen Zusammenhang wollen wir aufzeigen. Was zum Beispiel ein Grillabend mit dem Schutz des Regenwaldes und dem Leiden von Menschen im Süden zu tun hat. Diese Verbindung direkt ins persönliche Leben visualisieren wir zum Beispiel mit unserem Fastenkalender.


Klimagerechtigkeit

Verdorrte Felder, sintflutartige Taifune: Die Länder des Südens sind am meisten von der Klimaerwärmung betroffen, obwohl sie wenig dazu beitragen: Auf diese Ungerechtigkeit machen Fastenopfer und Brot für alle in ihrer aktuellen Kampagne aufmerksam. Die beiden Hilfswerke fordern, dass jene Länder die Verantwortung übernehmen, die den Klimawandel befeuern – auch die Schweiz: Sie soll bis 2040 klimaneutral werden.
Die Kampagne dauert vom Aschenmittwoch, 17. Februar, bis Ostersonntag, 4. April. Sie hat einen festen Platz bei den Kirchgemeinden und ist eine jährlich wiederkehrende Tradition: 2021 ist es bereits das 59. Mal, dass sie durchgeführt wird. Seit exakt fünfzig Jahren geschieht dies ökumenisch mit vereinten Kräften in den katholischen und reformierten Kirchgemeinden und Pfarreien.
Weitere Infos: www.sehen-und-handeln.ch, www.klimagerechtigkeit-jetzt.ch

Matthias Dörnenburg
ist Co-Leiter der ökumenischen Kampagne. Seit bald 25 Jahren arbeitet der 58-Jährige bei Fastenopfer. Der Kommunikationsfachmann wohnt in Ebikon und ist Vater zweier erwachsener Töchter.






«Du stellst meine Füsse auf weiten Raum»,
lautet der Titel des neuen Hungertuches von Lilian Moreno Sánchez, benannt nach dem Psalmvers 31, 9.


Foto: Dieter Härtl/Misereor.

 

 

Interview zum neuen Hungertuch mit Theologin Veronika Jehle

17. Februar 2021
erstellt von «pfarrblatt»
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