Einzelschicksale lassen alle Ängste vergessen

Nicht der Angst das Zepter überlassen, sondern auf Not reagieren. Das praktizieren aktuell die Pfarreien im Berner Oberland. In der Nr. 39–40 berichtete das «pfarrblatt», dass die Thuner Pfarreien ihre Pfarreizentren für die Unterbringung von Flüchtlingen öffnen. Nun ist am 2. November im Pfarreizentrum St. Marien Thun eine Flüchtlingsfamilie aus Sri Lanka eingezogen, im Pfarrhaus St. Martin eine Familie mit sechs Kindern aus dem türkischen Teil Kurdistans.


Bei einem Besuch in Thun stellt uns Patrick Erni, Diakon und Gemeindeleiter der Pfarrei St. Marien, die Flüchtlingsfamilie Kandasamy mit ihren halbjährigen Zwillingen Rinojan und Risha vor. Sie sind seit rund 20 Tagen in der Schweiz, eingereist sind sie via Österreich. Ramathas Kandasamy ist Hindu, er betrieb in Sri Lanka ein kleines Geschäft. Wegen der politischen und ethnischen Konflikte zwischen Tamilen und Singhalesen wurde das Leben der jungen Familie immer beschwerlicher.
Hohe Schutzgeldforderungen hätten ihre Existenz bedroht, erzählt der Vater. Die Zwillinge konnten nicht im staatlichen Spital geboren werden. Die Familie musste in ein Privatspital ausweichen. Das Mädchen hat einen Geburtsschaden an einem Fuss, ergänzt Frau Kandasamy. Dieser konnte in Sri Lanka nicht behandelt werden. Die junge Familie entschloss sich zu fliehen. Ein Bruder von Rathka Kandasamy war vor einiger Zeit bereits in die Schweiz geflüchtet, wurde aber wieder ausgewiesen. Seither hat die Familie keine Nachricht von ihm erhalten, er gilt als verschollen.

Die Familie wurde der Pfarrei St. Marien zugewiesen. Die Asylkoordination der Stadt Thun ist dafür verantwortlich. Man konnte auf die Zuteilung keinen Einfluss nehmen. «Wir haben eigentlich Syrer erwartet», sagt Patrick Erni, «wir helfen einfach, wo Not ist.» Einstimmig hat der Kirchgemeinderat der Beherbergung zugestimmt. Ganz einfach sei das aber nicht gewesen, sagt Patrick Erni. «Die Bauverwaltung der Stadt reklamierte zuerst, dass es für das Zentrum kein Wohnrecht gebe. Nach einigen Sitzungen wurde dieses aber dann gewährt.»
Es stehen nun zwei Räume für zehn Flüchtlinge zur Verfügung. Familie Kandasamy steht die Erleichterung über die vorläufige Unterkunft ins Gesicht geschrieben. Ob sie Hoffnung haben, dass sie Asyl erhalten werden? Ramathas Kandasamy nickt: «Ich hoffe sehr und wünsche mir auch, dass wir eine ständige Bleibe finden. Wir werden sehen, wie die Verhandlungen mit den Behörden laufen.» Vor allem hofft die Familie auch, dass ihre Tochter medizinische Hilfe bekommt. Ein erster Arztbesuch sei bereits terminiert, sagt Patrick Erni.

In St. Martin Thun ist ebenfalls am 2. November eine kurdische Familie mit sechs Kinder im leerstehenden Pfarrhaus eingezogen. Kurt Schweiss, Pfarrer von St. Martin, bestätigt den Einzug, will aber die Familie etwas schützen: «Sie sollen jetzt erst mal einziehen, es stehen noch Termine mit den Sozialarbeitern der Stadt an.» Der Vater der Familie, die aus dem türkischen Teil von Kurdistan stammt, ist schon länger in der Schweiz und kann bereits etwas deutsch. Somit finde sich diese Familie gut zurecht, erklärt Kurt Schweiss. Ein Treffen mit der Familie stellt er für später in Aussicht.

Bereits haben sich
verschiedene Personen für die freiwillige Unterstützung der Flüchtlinge gemeldet. So auch eine tamilische Familie, Katholiken, die in St. Marien zur Pfarrei gehört. Sie besuchten kurz nach dem Einzug die neuen Bewohner des Pfarreizentrums und dienen in der ersten Zeit auch als Übersetzer. «Wir wollen nun dafür sorgen, dass die Eltern bald deutsch lernen», sagt Patrick Erni, und ergänzt: «Wir haben keinen Einfluss auf die Aufenthaltsdauer. Aber solange sie da sind, sollen sie sich wohlfühlen können und zur Ruhe kommen.» Und wie reagieren die Menschen in den beiden Pfarreien? Die beiden Gemeindeleiter beantworten diese Frage fast identisch: Es gebe schon Rückfragen, aber überall seien sie auf Wohlwollen gestossen. Anja Dolder, Kirchgemeinderätin der beiden Pfarreien, die für die Flüchtlingsfragen zuständig ist, drückte das im «pfarrblatt» vor drei Wochen so aus: «Die Not ist gross, wer wenn nicht die Kirchen sind aufgerufen, konkret zu helfen?»
Im Thuner Pfarreiteil des «pfarrblatt» von letzter Woche bestätigt ein Bericht der Pfarreiangehörigen Ruth Landtwing diesen Eindruck. Sie schreibt über eine Begegnung auf dem Heimweg: «...im Bus versucht ein wohl eritreisches Kleinkind jauchzend und unbeschwert von Mamas Knien auf die meinen zu wechseln. Auch die Unbekümmertheit und das Vertrauen des Kindes sind heute erfahrene Flüchtlingsrealität. » Das berührende Beispiel zeigt: Die direkte Begegnung mit Betroffenen besiegt die Ängste, die in uns Bilder der Flüchtlingsströme auslösen können.

Jürg Meienberg

4. November 2015