«Es sieht fast aus wie textile Spitze». Foto: Markus Hubacher

Foto: Markus Hubacher

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Emmentaler Kirchenschatz gehütet

Die filigranen Wandmalereien in der Kirche Biglen erhielten in den letzen Wochen ein frisches Antlitz. Unter den Händen der Restauratorinnen, es sind ausschliesslich Frauen, erstrahlen die Psalme und Fresken jetzt wieder wie frisch gewaschen.

Von Christina Burghagen

Als lokalen Schatz bezeichnet Nicole Jenni die spätgotische Kirche Biglen aus dem Jahr 1521, die auf der Anhöhe über das Dorf wacht. Die Restauratorin absolvierte den Bachelor of Arts für Konservierung und Restaurierung an der Hochschule für Künste in Bern und fühlt sich beruflich mehr als angekommen.

«Ich habe zuvor Schrift- und Reklamegestalterin gelernt, aber ich hatte das Gefühl, dass mir das nicht reicht», verrät die 33-Jährige. Die Liebe zu Brockenstuben, Antiquitäten und Musik aus den 30er bis 70er Jahren gab nicht zuletzt den Antrieb, sich in die Dienste der Restaurierung von historischen Schätzen zu stellen und das Studium zu absolvieren. Seither arbeitet sie für die Fischer und Partner AG aus Bern.

Die grosszügigen Malereien in der Kirche stammen aus dem Jahr 1535. Wer dieses Gotteshaus allerdings so filigran ausstaffierte, ist unbekannt. «Es war damals nicht üblich, Auftragsarbeiten zu signieren», erklärt die Spezialistin. Der Beruf des Dekorationsmalers war bereits im Spätmittelalter verankert. Diese erhielten Aufträge, die sie zu absolvieren hatten, ohne selbst Ruhm und Ehre zu ernten. Erst 1967 wurden die Malereien bei Restaurierungsarbeiten unter Putz entdeckt. Der Zufall wollte es, dass damals der Seniorchef Hans A. Fischer sie freilegte. Verloren gegangene Freskenteile wurden grosszügig ersetzt, wie es damals üblich war. Die Dekoration um die Fenster gefällt Nicole Jenni besonders. «Es sieht fast aus wie textile Spitze», schwärmt sie. Doch sie gibt auch zu bedenken, dass Restaurator*innen grundsätzlich nicht bewerten, was sie vor sich haben und bewahren sollen.

Bei jedem Objekt muss bewertet werden, welches Mittel den optimalen Erfolg erzielt. In der Kirche Biglen kamen besonders Salmiakgeist, Bio-Reinigungsmittel und Schwämme zum Einsatz. Insgesamt wirkt der reich verzierte sakrale Innenraum wie frisch gewaschen. Pflanzliche Farben auf Kalkbasis stehen nun für altertümliche Töne wie «Beinschwarz» oder «Steinmehl».

Durch die Reinigung kamen Retuschen aus den 60er Jahren zum Vorschein, die nachgearbeitet werden mussten. Die vielen Psalmen und Inschriften bieten eine Menge Lesestoff; sie wurden im 16. Jahrhundert teilweise von betuchten Bürgern gestiftet. Nicole Jenni und ihre Kolleginnen Christine Gerber (Restauratorin HFG) und Yvonne Aegerter (Praktikantin) haben ihre Arbeiten nach sechs Wochen Ende Juli vollendet.

«Ich gehe später oft an Orte, an denen ich mal gearbeitet habe. Gerne zeige ich auch meiner Familie die Restaurierungen, mit denen ich betraut war», erzählt Jenni lächelnd. Dass sie die Kirche Biglen bald besuchen wird, steht für sie schon fest.

Frisches Innenleben zum Jubiläum

Ueli Rothenbühler äussert sich glücklich über die Restaurierungsmassnahmen. Der Zahn der Zeit habe schon arg am Innenraum der Kirche genagt. Laut den Spezialistinnen sei es höchste Zeit gewesen, diese Arbeiten durchzuführen. Denn die Feuchtigkeit habe Algenbildung und Vergrauung nach sich gezogen, sodass die Malereien bald in Gefahr geraten wären, so der Kirchengemeindepräsident.

100 000 Franken kosteten Gerüstbau, Reinigung und Retuschen, die von der Kirchgemeinde bestritten werden. «Wir hoffen, dass die Denkmalpflege einen kleinen Teil übernimmt», so Rothenbühler. Übernächstes Jahr feiert die Kirche ihren 500. Geburtstag. Der Präsident freut sich: «So haben wir zum Jubiläum eine Kirche in neuem Glanz!»

3. September 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 19
  • Pfarrblatt / Angelus