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Erdende Beerdigungen

Man könnte es, unwissend, als makabres Hobby bezeichnen oder als Spleen: die Patientin, die in der Zeitung regelmässig die Todesanzeigen studiert und dann Beerdigungen fremder Menschen besucht.

Mich hat es zuerst verblüfft, und dann hat es mir sehr eingeleuchtet und mich berührt. Hier kommt die Frau selbst zu Wort: «Ich musste in schwierigen Jahren von vielem schmerzhaft Abschied nehmen und mich ganz neu finden. Weit weg von den Orten, die mich gefangen hielten, fand ich schliesslich meine Ausgewogenheit wieder. Aber ab und zu kommt tiefer Schmerz und Trauer hoch. Wenn ich die Verletzungen spüre und wenn ich mich zu verlieren drohe, mich aufgebe oder nicht mehr bei mir bin.

In so einem Moment habe ich dann während der Beerdigung einer alten Frau, die ich erst kurz zuvor kennengelernt hatte, erfahren, wie wohltuend, geradezu heilend dieser Trauergottesdienst für mich war. Ich fand im Ablauf der Beerdigung, mit den Orgelklängen, dem Gebet und dem Erzählen über die Verstorbene ein mich heilendes und erdendes Ritual. In diesen Gottesdiensten finde ich den Trost, Frieden und die Versöhnung mit mir und meinem Leben.

So gehe ich nun in regelmässigen Abständen zu einem Trauergottesdienst, ohne dass ich die Verstorbenen und ihre Angehörigen kenne. Ich fühle mich danach immer getragen über mehrere Tage und Wochen.»

Ich sehe die Frau vor mir, wie sie diskret hinten in der Kirche Platz nimmt und sich hineinnehmen lässt in den fremden, doch bergenden Resonanzraum. Die Menschen zeigen sich im Moment des Abschieds und der Trauer verletzlich, weich, untereinander solidarisch und verbunden. Ein seltenes und wohltuendes Abbild einer Gemeinschaft. Ein menschliches Leben wird in all seinen Facetten, mit allem Schönen und Schweren, Gelungenem und Misslungenem, Hoffnungen und Abbrüchen, gewürdigt und Gott anbefohlen.

Das eigene Leben erscheint nun eingebettet in einem Ganzen, das uns übersteigt und das uns umfasst. Es wird um den Beistand in der Zeit der Trauer und Neuausrichtung gebeten. All dies tut auch mir gut. Vielleicht werde ich es der Patientin einmal gleichtun, dann, wenn Kostbares ins Wanken gerät oder Liebes Risse bekommt. Auf jeden Fall bin ich dankbar für die wertvollen Schilderungen von manchmal unkonventionellen Bewältigungsstrategien, die ich als Spitalseelsorger täglich mitbekomme und erfahre. 

Pfr. Kaspar Junker, ref. Seelsorger

Gedanken aus der Inselspitalseelsorge im Überblick

20. Februar 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 5
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