Ostermorgen, 2010, Acryl, 150x125 cm. Foto: www.kellermeikirch.ch

Kreuzigung, 1982, Aquarell, 56x76 cm. Foto: www.kellermeikirch.ch

Erlöschen im Licht

Vor einiger Zeit fragte ein ehemaliger Ratspräsident der Pfarrei Heiligkreuz das «pfarrblatt» an, ob es auf das Werk des 2018 mit 94 Jahren verstorbenen Künstlers Felix Keller Meikirch hinweisen könne. Er ist nach seiner Wahlheimat benannt, wo er lebte, arbeitete und mit seiner Pfarrei sehr verbunden war.

Von Sandro Fischli

Der Künstler hat viele Bilder mit religiösem Bezug gemalt. Ein schönes, reiches Werkbuch mit dem lebendigen Titel «Das isch no Peinture!» liegt in kleiner Auflage ausserhalb des Buchhandels vor. Christian Furrer vom Johanneszentrum Heiligkreuz hat es mir als Leihgabe überlassen. Zudem findet sich unter www.kellermeikirch.ch Interessantes zum Thema. Beides, Buch und Webseite, haben Freund*innen und die Familie von Felix Keller Meikirch als Würdigung seines Lebenswerks erstellt.

Im Gegensatz zu Max Hunziker und Walter Loosli, die im «pfarrblatt» zu Kunst und Kirche schon erwähnt wurden (etwa hier, «pfarrblatt» Nr. 8/2019), hat Felix Keller Meikirch zwar auch in Kirchen und Kirchgemeindehäusern ausgestellt, aber in keinem Kirchenraum ein Werk dauerhaft installiert. Von 37 Ausstellungen in 50 Jahren waren vier in den katholischen Kirchen von Würenlos, Bruderklaus Bern, St. Martin Worb und St. Marien Thun. Also eine ganz andere Ausgangslage als bei «Kirchenkünstlern» wie Hunziker und Loosli oder bei grossen Namen, die auch mal in der Kirche glänzen wie Polke und Richter.

Im Buch fand sich nun aber kein einziges Bild mit explizit religiösem Bezug (implizit sehr wohl...) Ich machte mich auf die Suche in der Bildergalerie auf www.keller-meikirch.ch. Und als ich dort auf die hier abgedruckten Bilder stiess, da hörte ich auf zu recherchieren: Diese Werke erscheinen mir als unvergleichliches Konzentrat moderner religiöser Kunst. Wie intuitiv Felix Keller Meikirch hier Karfreitag und Ostern in je einem Bild verbindet, ist provozierend. Provozierend im Sinne, dass wir heute zwar von dieser Bezogenheit von Karfreitag auf Ostern wissen bzw. daran glauben, aber damals Jesu Leben am Kreuz einfach ausradiert, gelöscht wurde.

Die fast weisse, gleissende Fläche lässt nichts mehr vom Gekreuzigten sehen, stattdessen ist da eine radikale, alles in Frage stellende Leerstelle, ein Lücke, hier reisst der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei. Im Wissen um Ostern können wir darin an Leonard Cohens Worte denken: «There is a crack in everything, that’s where the light gets in.» (Ein Riss ist in allem, er lässt das Licht hindurch.) – Aber vorerst ist auf dieser Bildfläche einfach mal alle Farbe weg, gelöscht.

Im Tibetischen Totenbuch ist die Rede von einem weissen Licht, das so schrecklich gleissend ist, dass der Blick abgewendet wird, so wie wir es scheuen, direkt in die Sonne zu schauen, da sonst unser Augenlicht erlöscht. Jesus hielt diesem Licht stand, nahm die Auslöschung an. Und auferstand im Licht. Das Bild und diese Gedanken mögen uns aber nicht dazuverleiten, aus unserem geschichtlichen Wissen vorschnell diese österliche Verknüpfung zu machen.

Die Provokation dieses Bildes besteht in dem Oszillieren, in dem Nebeneinander von zerstörerischem und schöpferischen Licht – diese Hochspannung ist in Felix Keller Meikirchs «Kreuzigung» eingefangen – Und der «Ostermorgen» scheint mir eindrücklich nicht am leeren Grab, sondern vor dem leeren Kreuz stattzufinden. Im Licht der österlichen Morgensonne ist noch die ganze Kaputtheit der Hinrichtungsstätte sichtbar. Ostern verweist hier unbeschönigend zurück auf den Karfreitag.

Im Werkbuch bleibt danach mein Blick bei der Darstellung von Frauen hängen. Eine Frau mit ihren Händen im Schoss (S. 184) – es könnte eine Pietà ohne Jesus sein, eine Maria, die ganz alleine trauert – auch hier diese Leerstelle. Und verschleierte muslimische Frauen (S. 154), Eindrücke des Künstlers auf einer Orientreise – diese Frauen könnten damals am Kreuz gestanden sein...

Hier ist leider nicht der Platz, ausführlicher auf das Leben und Werk von Felix Keller Meikirch einzugehen, das kann gerne im Werkbuch und auf der Internetseite nachgelesen werden. Er arbeitete sein Leben lang als Lehrer und Chorleiter, Malerei und Musik bestimmten sein Leben. Und er hielt mit kräftiger Farbe und Pinselstrich alles auf Leinwand fest, was ihn nach Gottfried Kellers Worte bewegte; «trink, Auge, was die Wimper hält, von dem goldnen Überfluss der Welt» – Städte, Brücken, Ställe, Menschen, Berge, Blumen. Seine Gattin Lucie Keller-Regennass teilte dieses künstlerische Wirken, sie fand ihren Ausdruck in der Webkunst. Kurz nach dem Tod ihres Mannes folgte sie ihm nach. Es mag seltsam anmuten, dass diese Würdigung eines überaus reichen Werks hier aufgrund nur zweier Bilder erfolgt. Aber das «pfarrblatt» ist schliesslich kein Kunstmagazin. Und ein Bild könne ja bekanntlich mehr als tausend Worte besagen.

Wir danken für die Anregung, einen Blick auf das Werk von Felix Keller Meikirch zu richten, zeigt dieser Blick doch einen Bilderschatz abseits des grossen, prominenten Kunstbetriebs.

 



Das isch no Peinture! Felix Keller Meikirch

Ein Werkbuch.
2016 Auflage: 150, 352 Seiten

Ein Exemplar liegt zur Ansicht bereit bei:
Schweizerische Nationalbibliothek
Hallwylstrasse 15,
3003 Bern


1. April 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 8
  • Pfarrblatt / Angelus
  • Spirituelles
  • Bildung