Isabelle Noth ist Professorin für Seelsorge, Religionspsychologie und Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät der Universität Bern. Foto: Manu Friederich

«Es darf nicht beim Beten bleiben!»

Papst Franziskus wird nicht müde von einer «Globalisierung der Gleichgültigkeit» zu sprechen. Immer wieder ruft er zum Gebet auf. Doch sind wir wirklich so gleichgültig geworden gegenüber dem Leid anderer Menschen? Und ist das Gebet die richtige Antwort darauf? Wir haben diese Fragen der Berner Religionspsychologin Isabelle Noth gestellt.


«pfarrblatt»: Papst Franziskus stellt eine Zunahme der weltweiten Gleichgültigkeit gegenüber fremdem Leid fest. Teilen Sie diese Ansicht?
Isabelle Noth: Fakt ist, dass wir noch nie zuvor so viel Wissen über fremdes Leid hatten wie heute. Das Wissen um die Verbreitung von Leid hat also zugenommen, kaum jedoch die Gleichgültigkeit ihm gegenüber. Unsere Sensibilität z.B. in Sachen Menschenrechte und Diskriminierungen ist heute wohl eher grösser als in früheren Zeiten.

Würde das nicht eher dafür sprechen, dass wir weniger abgestumpft sind als früher?
Ich zweifle am Vorwurf der Abstumpfung. Inhalt und Menge an Informationen, die berichtet werden, lösen bei vielen Menschen ein Gefühl der Hilflosigkeit und der Ohnmacht aus und das natürliche Bedürfnis, sich zu schützen. Dies geschieht nicht als Folge einer Abstumpfung, sondern ist im Gegenteil Ausdruck der Betroffenheit und Überforderung. Wir wissen heute, wie es Menschen in Afrika, Asien, Lateinamerika, aber auch bei uns gehen kann. Das ist ein Resultat der Globalisierung und der Informationsgesellschaft.

Wie wirken Meldungen etwa über die Gräueltaten des IS oder das Flüchtlingselend in Syrien auf die Psyche des Menschen?
Je nach Person und Kontext unterschiedlich. Bei Menschenrechtsaktivistinnen z.B. wird es vermutlich nicht nur Wut und Entsetzen auslösen, sondern auch das Bedürfnis, sich erst recht zu engagieren. Andere, die sich weniger mit politischen und religiösen Zusammenhängen befassen, werden versuchen, diese negativen Meldungen in ihrem Denksystem einzuordnen. Sie kommen dann mitunter zu falschen Schlussfolgerungen wie beispielsweise «Das ist halt der Islam».

Ist der Aufruf des Papstes zum Gebet eine sinnvolle Antwort auf das Gefühl der Ohnmacht?
Ich finde den Aufruf des Papstes gut. Aber es darf nicht beim Beten bleiben. Nehmen wir beispielsweise das Elend der Flüchtlinge aus Syrien. Diese Menschen sind auf unsere ganz konkrete Hilfe angewiesen, wir sollen unsere Grenzen und Herzen öffnen.

Spielt der Inhalt des Gebets also eine Rolle?
Ja, der Papst müsste noch sagen, worum wir beten sollen. Soll ich darum beten, dass das Leiden aufhört? Wenn der Inhalt des Gebetes lautet «Oh, was bin ich für ein schlechter Mensch, ich stumpfe ab», dann halte ich das nicht für sinnvoll. Wenn der betende Mensch jedoch verstehen will, wo er oder sie selber zum weltweiten Elend beiträgt, wenn es darum geht, Menschen zu motivieren, aktiv zu werden, das Gebet also beispielsweise in ein konkretes Engagement mündet und einen dafür stärkt, dann halte ich beten für sinnvoll.

Der Papst darf also nicht nur Moralapostel sein?
Ich bin etwas skeptisch, wenn Menschen als abgestumpft abgestempelt werden. Gerade Religionsführer können Menschen helfen, Wege aus der Ohnmacht zu finden. Bleiben wir bei den Flüchtlingen: Gerade in Kirchgemeinden gibt es viele Anlässe, an denen das Bewusstsein dafür geschärft wird, was die Gründe für das Flüchtlingselend sind, etwa das wirtschaftliche Ungleichgewicht weltweit, und was wir konkret zur Linderung des weltweiten Leids tun können.

Was können Pfarreien dem denn entgegensetzen?
Menschen können sich gerade in Kirchgemeinden und Pfarreien in Gruppen engagieren. Es gibt Deutschkurse für Flüchtlinge, Sportnachmittage und so weiter. Wir haben so viele Möglichkeiten, einander zu begegnen, auch voneinander zu lernen und miteinander zu feiern.

Hat das Gebet auch eine Wirkung für die Betenden selber?
Das Gebet kann dadurch, dass der betende Mensch sich auf Gott ausrichtet und fokussiert zur Klärung und Kräftigung beitragen. Diesen Zusammenhang zeigen viele empirische Studien. Auch biblische Texte – v.a. auch die Psalmen – zeigen, dass das Gebet Menschen immer wieder neue Kraft und Orientierung gegeben hat. Wichtig ist aber auch hier die Haltung, die der oder die Betende einnimmt: Wenn das Gebet die eigene Ohnmacht verfestigt, indem man alles an Gott abtritt und sagt «Mach du!», dann bleibt man gefangen in der eigenen Verzweiflung. Es geht vielmehr darum, sich zu fragen, wie ich Gott durch meine Haltung und mein Handeln mit auf die Welt bringen kann. So komme ich aus der eigenen Ohnmacht hinaus. Das ist Glaube!

Interview: Sylvia Stam, kath.ch

8. April 2015