Tharmaseelan Kalamathy wird zur Priesterin im Hindu-Tempel am Europaplatz im Haus der Religionen Bern geweiht. Stefan Maurer

Es geschehen noch Wunder...

Am 14. Dezember 2014 wurde am Europaplatz das Haus der Religionen feierlich eröffnet. Am 1. Februar 2015 wurde der farbige Hindu- Tempel mit viel Musik eingeweiht und bald wird die Moschee dem Muslimischen Verein übergeben. Was lange als Hirngespinst galt, ist Wirklichkeit geworden.


Während in Paris Menschen wegen ihrer Karikaturen niedergemetzelt, in Nigeria wegen ihres sog. Unglaubens reihenweise abgeschlachtet und im Irak wertvollste Kulturgüter zertrümmert werden, und sich dabei einzelne Unmenschen als Anführer hervortun und sich auf Gott berufen, passiert in Bern Unglaubliches: Frauen und Männer aus den grossen Weltreligionen haben in den letzten zwölf Jahren riesige Schritte aufeinander zu gemacht und intensiv gemeinsame Schritte geübt. Diesen Menschen ist es gelungen, ihre Religionen gegenseitig besser zu verstehen (nicht zu beurteilen), vergleichbare Grenzen kennenzulernen und Verwandtschaft im Reformbedarf wahrzunehmen. Dank solchen Erfahrungen haben Vertreter und Vertreterinnen von Religionen und Konfessionen, die selber nicht im Dogmatismus verhaftet sind, ein Haus gebaut, in dem fünf verschiedene Religionen ihren Kultusraum haben und in dem unterschiedlichste Menschen sich aufeinander einlassen, beim Essen, Feiern, Gespräch und beim Geniessen der religiösen Räume.

Auch wenn der Mangel an Religiosität beklagt wird und unsere Kirchen mehr leere Kirchenbänke aufweisen, gibt es ein überwältigendes Interesse am Haus der Religionen. An der Eröffnung suchten mehr als 10000 Personen Einlass. Viele warteten trotz Kälte mehr als eine Stunde. Das Interesse hält an. Bis in den Herbst hinein sind jede Woche mehrere Führungen mit kleineren und grösseren Gruppen gebucht. Tag für Tag kommen etwa 50 bis 80 Personen zum Mittagessen ins Restaurant «Vanakam» und täglich kommen Menschen spontan vorbei, weil sie dieses einmalige Haus von innen sehen wollen. Ich verstehe diese Geschehnisse so, dass Menschen vor allem am Gemeinsamen der Religionen, am Durchlässigen zwischen den Religionen grosses Interesse finden.

Meine Erfahrungen mit Menschen aus verschiedenen Religionen und Konfessionen zeigen mir, dass ein solches Werk – ein «Himmel für verschiedene Religionen und Kirchen» – nur möglich ist, wenn die ökumenische Offenheit im Grossen und im Kleinen stark ist. Nur ökumenisch offene christliche Gemeinden und offene Menschen haben z. B. am Bau dieses Hauses mitgewirkt und wirken am Ausbau des inneren Lebens weiterhin mit. Und nur Gemeinschaften, die auf andere Religionsgemeinschaften hin offen sind wie z.B. der Verein Saivanerikoodam, sind ins Haus der Religionen eingezogen. Mitglieder des Muslimischen Vereins oder dieser Hindu-Gemeinschaft werden von Mitgliedern anderer muslimischer oder Hindu-Vereine kritisiert, wie es Christinnen und Christen erleben, die in der Ökumene vorangehen.

Und so erlebe ich als katholischer Theologe den Hindu-Priester mit ähnlichen Fragen konfrontiert, die Sasi, der Hindu-Priester, aber selbständiger löst: Am 1. Februar wurden im Hindu-Tempel erstmals mehrere Frauen zu Priesterinnen geweiht. Ökumene heisst doch auch: Wir lernen voneinander!

Toni Hodel, Kirche im Dialog und Mitglied der Vereinsvorstände «Haus der Religionen – Dialog der Kulturen» und «Kirche im Haus der Religionen»

18. März 2015