Christine Vollmer- Al Khalil blickt mit Dankbarkeit auf ihre Zeit in Biel. Foto: Niklaus Baschung

„Es gibt eine göttliche Gegenwart, die uns alle jederzeit trägt“

Gemeindeleiterin Christine Vollmer Al-Khalil verlässt im Sommer die Pfarrei Bruder Klaus und übernimmt eine neue Aufgabe in Köniz und Wabern. Sie hat durch ihr Engagement nicht nur die Pfarrei geprägt, "die Pfarrei hat auch mich zu einem anderen Menschen gemacht" , stellt sie fest.

Christine, du hast während 14 Jahren in der Bieler Pfarrei Bruder Klaus gearbeitet, zuerst als Pastoralassistentin, dann als Gemeindeleiterin. Wie würdest du diese Pfarrei charakterisieren?

Christine Vollmer Al-Khalil: Bruder Klaus war schon immer eine lebendige Pfarrei und ist es bis heute geblieben. Sie ist in der Region ihren eigenen Weg gegangen. Auch wenn in schwierigen Zeiten einzelne Leute die Pfarrei verlassen haben, war doch stets dieser Zusammenhalt spürbar. Es ist eine Gemeinschaft, die immer wieder neue Ideen entwickelt und diese dann auch ausprobiert.

Die pastorale Tätigkeit ist mit der veränderten Bedeutung der Kirche einem Wandel unterzogen. Wie zeigt sich dies hier in Biel?

Vollmer Al-Khalil: Der Wandel ist auch etwas Positives, wenn alles gleich bliebe, würde die Kirche erstarren. Der Wandel zeigt sich etwa mit einer grossen Zunahme an Migranten und Migrantinnen, von Erithräern zum Beispiel. Sie prägen zunehmend das Gesicht der Kirche, weil sie sich dieser stark zugehörig fühlen. Verändert und verbessert hat sich mit der Bildung des Pastoralraums die Zusammenarbeit unter den Pfarreien und Fachstellen, was sinn- und wertvoll ist. Zurückgegangen ist die Teilnahme am Gottesdienst, diesen wiederum besuchen Menchen ganz unterschiedlicher Hautfarbe. Verstärkt und nach wie vor entstehen in Biel innovative Projekte, die aus der Basis kommen. Durch Leute,die aus ihrem Alltag etwas Neues einbringen wollen.

An welche Projekte denkst du?

Vollmer Al-Khalil: Die Solaranlage, die auf unserem Kirchendach erstellt wurde, geht auf eine solche Initiave zurück.. Oder der Projektchor, welcher zur Aufführung von Händels "Messiah" gebildet wurde. Zurzeit befassen wir uns mit dem Gedanken, ob wir tibetische Gebetsfähnchen für unseren Kontext neu verstehen können und darauf Texte von Bruder Klaus drucken.

Was bezeichnest du als zentrale und unverzichtbare Aufgabe einer städtischen Pfarrei wie Bruder Klaus?

Vollmer Al-Khalil: Wir haben keine homogene Gesellschaft mehr und dies macht sich im städtischen Raum besonders bemerkbar, weil hier Traditionen noch weniger gepflegt werden. Eine städtische Pfarrei muss sich öffnen und Raum bieten für die verschiedenen Anliegen , Bedürfnisse und Ideen ganz unterschiedlicher Menschen.Zentral ist auch der diakonische Aspekt: Die Kirche ist eine wichtige Anlaufstelle für soziale Fragen, gerade auch hier in der Stadt, wo sich soziale Probleme noch verstärkt ballen. Ausserdem scheint mir die Bedeutung einer städtischen Pfarrei als Oase der spirituellen Vertiefung und des "Auftankens" in einer schnelllebigen Gesellschaft immer wichtiger.

Viel Kraft hast du als Hauptverantwortliche in den Aufbau des Pastoralraums Biel-Pieterlen investiert. Vier Pfarreien der Region befinden sich nun unter demselben Dach. Bist du mit dem Ergebnis zufrieden?

Vollmer Al-Khalil: Ich bin zufrieden, aber Zufriedenheit ist ein Gefühl des Moments. Die Bildung des Pastoralraums ist eine erste Station, von der aus wir uns weiterentwicklen können. Wir haben uns Ziele gesetzt, die es noch zu erreichen gilt. Mich beschäftigt auch die Frage, wie es weitergeht mit der Zusammenarbeit unter den Sprachgruppen aufgrund veränderter Personalsituation, Sparmassnahmen und gesellschaftlichen Entwicklungen.

Mitarbeitende und Pfarreiangehörige sind beeindruckt von deiner optimistischen Ausstrahlung, von deinem unerschütterlichen, ansteckenden Elan, mit dem du Projekte angehst. Was gibt dir diese Energie?

Vollmer Al-Khalil: Tief in mir ist die Überzeugung verankert, dass es eine göttliche Gegenwart gibt, die uns alle zu jeder Zeit trägt. Ohne diesen Grund könnte ich nicht arbeiten. Und dann erhalte ich durch die Zusammenarbeit mit Freiwilligen, mit Teammitgliedern immer wieder Ermutigungen, die zusätzlich Kraft geben.

Nun übernimmst du ab anfangs September die Gemeindeleitung der Pfarreien St. Michael und St. Josef in der Gesamtkirchgemeinde Bern. Was nimmst du mit von Biel?

Vollmer Al-Khalil: Am liebsten würde ich die ganze Pfarrei und den Pastoralraum mitnehmen, denn es fällt mir schwer von hier wegzugehen. Im Herzen nehme ich ganz viele intensive Begegnungen mit. Verbundenheiten mit Menschen, die mir ihre Geschichte erzählt haben, die ich einen Teil ihres Lebens begleiten konnte. Es ist bewunderswert, unter welch schwierigen Bedingungen manche Leute ihr Leben meistern. Dann natürlich werden mich im Herzen viele langjährige Pfarreimitglieder begleiten, mit denen ich viel Zeit verbracht habe. Dieses Engagement hier hat mich geprägt, ich bin ein anderer Mensch geworden und deshalb nehme ich viel Erlerntes mit. Vor allem nehme ich eine grosse Dankbarkeit für so vieles mit, was mir in dieser Zeit geschenkt wurde.

Interview: Niklaus Baschung

8. Juni 2016
erstellt von angelus
  • Pfarrblatt / Angelus