Hohe Professionalität, beeindruckendes Engagement. Klimacamp auf dem Bundesplatz, 22. September. Foto: kr

Grosses Medieninteresse. Klimacamp auf dem Bundesplatz, 22. September. Foto: kr

Friedliche Abendstimmung. Klimacamp auf dem Bundesplatz, 22. September. Foto: kr

Es hätten alle das Camp besuchen sollen

Kommentar zum Klimacamp auf dem Bundesplatz von Andreas Krummenacher, Chefredaktor «pfarrblatt»

Natürlich gilt das Recht für alle. Die Klimaaktivist*innen auf dem Bundesplatz wissen das, sie wussten auch, dass ihre Aktion illegal war. Sie haben die Aufmerksamkeit optimal genutzt. Die Justiz soll ihre Arbeit machen, das ist alles nicht zu kritisieren. 

Es braucht auch die Auseinandersetzung, den Austausch der Argumente. Bei jeder Form politischer Überzeugung, wo die anderen immer dümmer sind als man selber, stimmt etwas nicht.

Es hat aber zweifellos eine besondere Qualität, wenn engagierte junge Menschen für den Erhalt der Schöpfung kämpfen. Das ist in die Zukunft gerichtet, es geht um das Überleben der Menschheit. Mit echter, tiefer Sorge. Weite Teile Kaliforniens dürften unbewohnbar bleiben, in Grönland regnet es in Regionen, die bislang nur Schnee kannten. Das Auftauen des Permafrosts in Sibirien sorgt für ungeahnte Umweltkatastrophen. Jeden Tag rotten wir dutzende Tier- und Pflanzenarten aus. Es ist das grösste Artensterben in der Geschichte. «Wir pfuschen», wie es der Journalist Franz Alt einmal geschrieben hat, damit «dem Schöpfer voll ins Handwerk».

Ziviler Ungehorsam ist zwar ein illegaler, aber ein legitimer, ausserparlamentarischer politischer Protest. Wichtig sind das Ziel und die Gewaltfreiheit. Das Klimacamp auf dem Bundesplatz war komplett friedlich. Es ist überaus schade, dass es weg ist. Mein Besuch am Dienstagabend war ein Augenöffner. Ich hätte es allen Kritikern gegönnt, hätten auch sie einen Augenschein nehmen können. Da wurde hart gearbeitet; in Kleingruppen Lösungen besprochen, es war ein Gewusel, ein faszinierendes Hin und Her. Immer wieder kam man zusammen, diskutierte einzelne Punkte.

Medienvertreter*innen standen sich gegenseitig auf die Füsse. Ihre Anfragen wurden basisdemokratisch von den Aktivist*innen bearbeitet. Plötzlich kam die Anfrage von Nationalrätinnen, ein Podium durchzuführen. Auch das wurde innert kürzester Zeit besprochen und auf die Beine gestellt. Ich stand staunend daneben und beobachtete diese Aktivitäten. Teilweise fassungslos ob der Professionalität.

Diese junge Generation ist heute viel weiter, fitter, aktiver, viel engagierter und ernsthafter bei der Sache als wir das im ähnlichen Alter je waren. Ich mache mir für die Zukunft keine Sorgen; das Potential ist riesig. Ich bin tief beeindruckt. Die Berichterstattung über das Camp ist scharf zu kritisieren. Man konnte das Gefühl bekommen, hier seien kiffende Penner daran, aus Jux und Tollerei den Bundesplatz zu besetzen. Das Gegenteil war der Fall.

Die Ausfälle einzelner Exponenten des Nationalrats sind scharf zu kritisieren. Die Aggressivität ist kaum zu erklären. Haben diese Politiker eventuell eine Generation beobachtet, die ihnen schon jetzt überlegen ist? Sehen wir hier eine Generation, die viel früher bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, sind sie für die Herrschenden eine Bedrohung? Man weiss es nicht. Den Klimaaktivist*innen jedenfalls kann das egal sein; inhaltlich ist zu wünschen, dass sie auf der ganzen Linie Erfolg haben. Ich werde jetzt wieder einmal die Bergpredigt lesen...

 

 

24. September 2020
erstellt von «pfarrblatt» online