Die Opfer endlich ernst nehmen. Foto: Frollein S. / photocase.de

Es reicht!

Die erneuten Berichte über priesterliche Sextäter in der katholischen Kirche aus Pennsylvania schockieren. Über 300 identifizierte Priester haben in den letzten 70 Jahren mehr als 1000 Kinder sexuell ausgebeutet, die Dunkelziffer dürfte gigantisch sein. Beschämend ist die Tatsache, dass die Kirche mehrheitlich gezwungen werden musste, die Dokumente herauszugeben. Deutlich wird ein strukturelles Problem der ganzen Institution. Sextäter erhielten über Jahrzehnte durch ihre Bischöfe Schutz, Opfer wurden nicht gehört. Die Täter wurden meistens nicht einmal moralisch herausgefordert. Ein solches Systemversagen kann nicht mit einer Kommission oder mit einem Sonderbeauftragen gelöst werden. Hier braucht es tiefgreifende, reformatorische Veränderungen. Kommentar und Einordnung.

Es ist der grösste Skandal zum Thema sexuelle Ausbeutung von Kindern in der katholischen Kirche, der in diesen Tagen an die Öffentlichkeit geraten ist. Hunderte Priester wurden als Sextäter an Kindern und Jugendlichen im US-amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania identifiziert. Es dürfte in den letzten 70 Jahren weit über tausend Opfer gegeben haben. Die Verbrechen wurden durch die Untersuchungsbehörde um den Generalstaatsanwalt Josh Shapiro in einem umfassenden Bericht akribisch zusammengetragen, im Detail, unter Nennung der Namen.
Die Untersuchungsbehörde, eine sogenannte Grand Jury, bestand aus 23 Personen, alle haben den Bericht unterzeichnet. Sie untersuchten während 18 Monaten eine halbe Million Dokumente.

Die geschilderten Vorgänge sind an Grausamkeit und Perversion kaum zu überbieten. Pennsylvania reiht sich damit ein in eine schier endlose Serie ähnlicher Verbrechen durch klerikales Personal der Kirche. Es kommt ans Tageslicht, was über Jahrzehnte systematisch vertuscht wurde. Das ist das zweite grosse Verbrechen.

Den verantwortlichen Bischöfen ging es nie um die Opfer. Es ging, das zeigen laut Bericht die Dokumente, stets darum, die Vorfälle zu verheimlichen, das Image der katholischen Kirche zu bewahren. Man ignorierte Anschuldigungen und Opferberichte, Bischöfe und Kardinäle vertuschten die Taten und Grausamkeiten, man schlug sich immer auf die Seite der Priester-Täter und der Institution. Es durfte kein Skandal geben und man wollte nichts zugeben aus Angst, finanziell haftbar gemacht zu werden.

Die Bischöfe sprachen sich offenbar sogar gegenseitig ab, es soll eine Art «Anleitung zur Vertuschung der Wahrheit» gegeben haben. Noch nach dem Jahr 2000 sprachen die Verantwortlichen in der römisch-katholischen Kirche von «Grenzüberschreitungen» oder von «unangebrachten Kontakten», wenn sich die pädosexuellen Täter an Kindern vergingen.
Priester wurden für interne Untersuchungen eingesetzt, um ihre Kollegen zu überprüfen, qualifiziertes Personal für den heiklen Bereich von Sexualstraftaten wie Vergewaltigungen wurden abgelehnt. Die Kleriker mussten sich gegenüber dem Bischof, so der Report, offenbar bloss erklären und konnten anschliessend auf Verständnis und Versetzung hoffen.

Inzwischen liess sich Papst Franziskus zu den Vorgängen in Pennsylvania verlauten. Die Taten seien kriminell und moralisch verwerflich, hiess es in einer vatikanischen Mitteilung von Papst-Sprecher Greg Burke. Sie hätten den Opfern ihre Würde und ihren Glauben geraubt. Papst Franziskus stehe auf der Seite der Opfer, versicherte er. Für die Gefühle nach der Lektüre des ausführlichen Berichts gebe es «nur zwei Worte: Scham und Trauer». Weiter heisst es in der Mitteilung: «Die Kirche muss ihre harten Lektionen aus der Vergangenheit lernen», Täter wie Vertuscher müssten zur Rechenschaft gezogen werden.

Die Verantwortlichen der römisch-katholischen Weltkirche haben noch einen weiten Weg vor sich. In den Bereichen sexuelle Gewalt und sexuelles Fehlverhalten durch Geistliche sind momentan auch Südamerika, Indien und Australien in den Schlagzeilen. In Chile haben wegen ähnlicher Vorfälle alle 34 Bischöfe ihren Rücktritt angeboten. Es geht wie immer um Verleugnung und Vertuschung. Die Justizbehörden ermitteln nahezu flächendeckend.

Der Bischof von Adelaide, Philip Wilson, muss wegen Vertuschung sexuellen Missbrauchs eine elektronische Fussfessel tragen, sonst müsste er ins Gefängnis. Man stelle sich das einmal vor. Auch sein Landsmann George Pell, einst der oberste Katholik Australiens, kommt vor Gericht. Dem Kurienkardinal, der bis vor einem Jahr als oberster Finanzberater von Papst Franziskus die Nummer Drei im Vatikan war, werden diverse sexuelle Übergriffe vorgeworfen.
Dann ist da noch der frühere US-amerikanische Erzbischof von Washington, Theodore McCarrick, der ebenfalls selbst Sextäter sein soll. Papst Franziskus hat ihn aus dem Kardinalsstand entfernt.

In Indien haben in diesen Tagen Frauen gegen ihre Diskriminierung in der katholischen Kirche die Stimme erhoben. Auslöser war die ausbleibende Reaktion der indischen Bischofskonferenz, als eine Nonne Bischof Franco Mulakkal beschuldigte, sie mehrfach vergewaltigt zu haben. Seine Bischofskollegen schweigen.

Man könnte die Liste beinahe beliebig fortsetzen. Die päpstlichen und bischöflichen Reaktionen waren in der Vergangenheit stets das Einsetzen interner Untersuchungskommissionen, die Bestellung von sogenannten «Beauftragen» und das Ausdrücken des Bedauerns. Das reicht nicht! Offenbar hat das alles nichts genützt, man hat nichts gelernt. Der Report in Pennsylvania offenbart eine heruntergekommene, moralisch bankrotte Kirche.

Am 26. August reist der Papst nach Irland zur Weltfamilienkonferenz. Ausgerechnet Irland, ausgerechnet jetzt. Das Land kennt selber unaussprechliche Verbrechen durch Priester und Ordensleute, man hat sich gerade von der Umklammerung der römisch-katholischen Kirche emanzipiert. Hier nun hat Papst Franziskus Gelegenheit, Reformen anzukündigen.

Angesichts der Sexverbrechen seines obersten Personals könnte er ja auf die Idee kommen, dass die Strukturen der römisch-katholischen Kirche zu hierarchisch sind, dass die extreme Fixierung auf ein mythisch aufgeladenes Priestertum mit ein Grund für diese Verbrechen sind. Er könnte überlegen, ob der Umgang mit Sexualität in der Vergangenheit und Gegenwart innerhalb der katholischen Kirche völlig unangebracht ist. Sei es in ihren Schriften, beim priesterlichen Personal, im Umgang mit Frauen überhaupt.

Papst Franziskus könnte im Zuge dieser Überlegungen den Frauen in Indien und überall auf der Welt recht geben und der weiblichen Präsenz in der Kirche endlich Respekt verschaffen, die Rolle der Frau würdigen und also stärken. Er könnte den hehren Worten endlich Taten folgen lassen. Man hat all diese Geschichten und halbherzigen Entschuldigungen satt. In unserer Kirche wurden und werden Kinder, werden Menschen seelisch und körperlich versehrt. Das muss aufhören und man muss ehrlich anschauen, wieso das so ist und war. Jetzt.

Andreas Krummenacher

 


Die Grand Jury im Bundesstaat Pennsylvania
untersuchte sechs der acht Diözesen während 18 Monaten für den Untersuchungszeitraum zwischen den Jahren 1947 bis 2017. Im ganzen Bundesstaat leben knapp 3 Millionen Katholik*innen, die Hälfte davon in den sechs Diözesen. Die kooperierenden Diözesen haben die zu untersuchenden Dokumente zur Verfügung gestellt, freiwillig, aber auch auf Druck der Staatsanwaltschaft und der Bundespolizei FBI.
Den vollständigen Grand-Jury-Bericht gibt es hier

17. August 2018
erstellt von «pfarrblatt»
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