«Die jetzigen Erfahrungen werden unseren Blick auf die Welt und die Gesellschaft verändern.» Foto: Pia Neuenschwander

Etwas tun - und wenn es einfach verzichten ist.

Ich schreibe diesen Text am 20. März. Frühlingsanfang: Das Gras leuchtet sattgrün, die Bäume, Büsche und Blumen blühen und machen die Welt bunter. Ein Bild aufkeimender Lebensfreude. Frieden und leider viel zu viel Stille. Zu Hause bleiben und Abstand halten sind die Gebote der Stunde.


Von Andrea Arz de Falco, Vizedirektorin im Bundesamt für Gesundheit


Die Züge, der Bahnhof, die Stadt:
Menschenleer. Es hat etwas Unwirkliches. Auch mein Bürogebäude ist fast leer. Wer irgendwie kann, arbeitet von zu Hause aus. Anwesend sind all diejenigen, die eine Aufgabe in der Krisenorganisation zu erfüllen haben. Das sind bekannte Personen wie Daniel Koch, der Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten, der kurz vor seinem Übertritt in den Ruhestand nochmals einen wahren Marathon an öffentlichen Auftritten und Krisensitzungen bewältigt und sich – wie wir alle – in diesen Tagen angenehmere Aktivitäten vorstellen könnte.
Da sind aber auch alle anderen Mitarbeitenden der Abteilung, die sich in «Friedenszeiten» für die Überwachung und Bekämpfung übertragbarer Krankheiten engagieren. Unterstützt werden diese Fachleute aktuell durch zahlreiche Mitarbeitende aus ganz anderen Bereichen des BAG, die sich zur Verfügung gestellt haben für die Beantwortung von Bürger*innenanfragen, das Erfassen von Meldungen, Kommunikationsaktivitäten usw. Krisensituationen wecken den Wunsch, «etwas tun zu können».

Die aktuelle und auch die kommende Situation erfordert von uns allen Verzicht. Verzicht auf Geselligkeit, auf Konsum, auf Mobilität, ja sogar auf den Kirchenbesuch. Zudem haben viele Menschen aufgrund der Schutzmassnahmen vorübergehend ihre Arbeit verloren, hoffend, dass es wirklich nur vorübergehend ist. Unternehmen fürchten um ihre Existenz. Wir sind eigentlich keine Gesellschaft, in der Verzicht eine grosse Rolle spielt. Die Allzeitverfügbarkeit von allem und jedem ist die Regel, nicht die Ausnahme.

Der Verzicht dient dem Schutz unserer Gesundheit; unser Verhalten soll aber auch andere vor einer grösseren Gefährdung schützen. Und diese anderen, wer sind die? Das sind 2,5 Millionen Mitmenschen; gut 1,5 Millionen davon sind Personen, die älter als 65 Jahre sind, eine Million sind Personen, die jünger als 65 sind und an einer vorbestehenden Krankheit wie Bluthochdruck oder Diabetes leiden. Diese 2,5 Millionen Menschen sind Grosseltern, Eltern, Geschwister, Kinder, Freund*innen und Bekannte, Arbeitskolleg*innen, kurz: all die Menschen, die mit uns in diesem Land leben.

Was die Arbeit in der Krisenorganisation so belastend macht, ist das Wissen darum, dass die Anzahl der Menschen, die krank werden und auch diejenigen, die an der Krankheit sterben werden, noch zunehmen wird. Dass auch die psychischen Belastungen aufgrund von Isolation und Zukunftsängsten noch zunehmen werden. Hier braucht es Achtsamkeit, Fürsorge und Solidarität.

Und wenn dann alles vorbei ist? Die Kranken genesen, die Verstorbenen betrauert? Die Welt wird eine andere sein. Die Erfahrungen, die wir jetzt in dieser Krise machen, werden unseren Blick auf die Welt und die Gesellschaft verändern. Vielleicht zum Positiven. Nämlich dann, wenn wir das Erleben der gegenseitigen Rücksichtnahme und Unterstützung, der Solidarität und Achtsamkeit in diese neue Welt mitnehmen können.

Wir werden es zu schätzen wissen, unsere Nachbarländer zu besuchen, ohne am Grenzübertritt einen triftigen Grund dafür angeben zu müssen. Wir werden es zu schätzen wissen, in kleinen und grossen Gruppen zusammenzusitzen, ganz nah. Wir werden es zu schätzen wissen, uns wieder die Hand geben oder spontan umarmen zu dürfen.

Mögen all diejenigen, die jetzt besonders gefordert sind – jene, die sich um die Erkrankten kümmern, die sich in irgendeiner Form in der Bewältigung der Krise engagieren oder sich um liebe Menschen sorgen – Kraft und Zuversicht finden und sich der Wertschätzung der Gemeinschaft, zu der wir alle gehören, gewiss sein.

 

 

 


Andrea Arz de Falco
ist Vizedirektorin im Bundesamt für Gesundheit und Leiterin des Direktionsbereichs Öffentliche Gesundheit.

1. April 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 8
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