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Exegese, die –

Ein einfaches Argument, um der Religion und besonders uns Christ*innen eins auszuwischen, ist der Vorwurf der Bibelhörigkeit. Es sei schon unvernünftig, ein Buch als Wahrheit anzuerkennen, und in Anbetracht der furchtbaren, oft widersprüchlichen Lehren und Geschichten der Bibel sei das Gewicht, das ihren Texten zugemessen werde, wahrhaft absurd.

Es ist wahr: Die Bibel ist in vielerlei Hinsicht auf den ersten Blick überhaupt nicht konsistent in ihren Aussagen. Zahlreiche Aufrufe zu Frieden und Verzeihen – und gleichzeitig grausige Rache- und Strafgeschichten? Das Gebot, die Frau solle sich dem Manne unterordnen – und gleichzeitig Geschichten von Frauen, die in den Krieg ziehen, Richterinnen werden oder Gemeinden leiten? Es ist theologisch schwierig, die zahlreichen Aspekte der biblischen Texte richtig einzuordnen, in Bezug aufeinander wie auch in Bezug auf die Lehren, die wir daraus ziehen sollten.

Hier kommt die Exegese ins Spiel. Das altgriechische Wort bedeutet so viel wie Auslegung – also die Kunst, die beabsichtigte Textaussage herauszuarbeiten und auf die jeweilige Situation der Leser*innen anzuwenden. Das Gegenteil davon nennt sich Eigenese, «Hinein»-Lesen, also eine vorgefertigte Meinung mit Textstellen belegen zu wollen. Eigenese geschieht schneller als man meint. Denn: Der biblische Text ist gewachsen, wurde unzählige Male übersetzt, und eine Übersetzung ist immer – wirklich immer – eine Entscheidung für oder gegen die eine oder andere Leseart. Was einmal als richtig gilt, ist schwer umzustossen. Es erfordert geistige Flexibilität und bei biblischen Aussagen oft eine Neubewertung grundsätzlicher Überzeugungen. Nichts schwieriger als das.

Die Geschichte ist voll von Beispielen der Verwerfung althergebrachter, nicht nur religiöser Ordnungen, immer gegen den Willen einer konservierenden Gruppe mit ihrem «Das war immer so». Und die von Exeget*innen, die nicht mit der althergebrachten Ordnung Eigenese betreiben wollten, herausgefordert wurden.

Sebastian Schafer

«Katholisch kompakt» im Überblick

2. September 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 19
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