Foto: Andreas Krummenachr

Film- und Buch-Tipps für die Sommertage

Buchtipp:  Angie Thomas, The Hate U Give

«Manchmal machst du alles richtig, und es geht trotzdem alles schief. Entscheidend ist, dass du dennoch nie aufhörst, das Richtige zu tun.»

Die 16-jährige Starr lebt in zwei Welten – dem heruntergekommenen Viertel, wo praktisch nur Afroamerikaner wohnen, und wo Schusswechsel zwischen rivalisierenden Gangs an der Tagesordnung sind, und der “weissen” Privatschule, in der sie die Exotin ist. Zwei Welten, die fast keine Berührungspunkte haben, und zwischen denen sie täglich balanciert – bloss nicht in der falschen Welt die falsche Sprache benutzen, die falsche Haltung einnehmen! Doch als sie Zeugin wird, wie ein (weisser) Polizist ihr (schwarzer) Kindheitsfreund Khalil bei einer Kontrolle erschiesst, lässt sich die Balance nicht mehr halten. Die Medien machen aus Khalil einen Gangster und Drogendealer, in ihrem Viertel toben die Proteste. Nur sie kann der Öffentlichkeit erzählen, was sich in der besagten Nacht wirklich ereignet hat und so Gerechtigkeit für Khalil fordern. Doch das “Richtige zu tun”, wie es die Vorbilder ihrer Eltern – Malcolm X, Martin Luther King – fordern, braucht Mut. Und kann ihre Familie in grosse Gefahr bringen.

Eine packende Geschichte, aus der Perspektive von Starr erzählt, mit viel Humor und einer erfrischenden Sprache. Ein Thema, das unverändert aktuell ist. Angie Thomas hat 2018 den deutschen Jugendliteraturpreis für ihr Erstlingsbuch erhalten – eine Lektüre, die aber alle in ihren Bann zieht, auch wenn die eigene Jugend schon etwas zurückliegt.

 

Sabrina Durante

Angie Thomas, The Hate U Give. Roman. Ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2018, Kategorie Preis der Jugendlichen. USA 2017, aus dem Amerikanischen übersetzt durch Henriette Zeltner. Verlag cbt 512 Seiten, erschienen 24.07.2017, ISBN: 978-3-570-16482-2


Buchtipp: Virginie Despentes, Das Leben des Vernon Subutex

Der lange Fall und kurze Aufstieg des Vernon Subutex

Er ist nicht gerade der schnellste, der Vernon Subutex («Vernon Subutex? Was ist das für ein bescheuerter Name? Ist er aus Harry Potter?» fragt ihn mal eine junge Frau). In der Zeit des Rock’n Roll aufgewachsen und stehengeblieben, hat er über zwanzig Jahre lang einen Kult-Plattenladen in Paris geführt. Das Internet und die Streaming-Dienste, die ihm die Kunden wegschnappen, hat er nicht kommen sehen. Wenn es eng wurde, half ihm immer sein Freund Alex Bleach aus der Patsche, ein Star im Musik-Business. Doch der ist vor kurzem an einer Überdosis gestorben – vielleicht war es auch Selbstmord. Bei seinem letzten Besuch hat er ein paar Gespräche mit ihm auf Kassette aufgenommen – vielleicht lassen sie sich noch verkaufen. Dass die Lage ernst ist merkt Vernon, als ihn der Gerichtsvollzieher aus der Wohnung rauswirft und seine wenigen Sachen als Pfand für die ausstehenden Mieten behält. So macht er sich auf, um reihum bei seinen Freunden und Bekannten für ein paar Tage auf dem Sofa zu übernachten. Es beginnt eine kleine Roadshow von Menschen, bei denen das Leben nicht so herausgekommen ist, wie sie es sich erhofft hatten. Der frustrierte Drehbuchautor, der nicht weiss, ob er Flüchtlinge mehr hasst, oder seine Kollegen, die mit belanglosen Komödien so viel Erfolg haben. Der koksende Trader, für den alle anderen die «Loser» sind. Der 2. Generations-Algerier, der trotz ausgezeichneter Schulbildung jeden Tag spürt, dass das Versprechen der Integration und der gleichen Chancen eine Lüge war. Die ehemalige Porno-Darstellerin. Der Angestellte aus einem Billig-Kleiderladen, der seinen Frust an Ausländer und Obdachlose herauslässt. Und und und.

Quer durch alle Schichten der Gesellschaft

Irgendwann gehen Vernon die Freunde aus, und er landet wortwörtlich auf der Strasse. Hier eröffnet uns die Autorin ein neuer Mikrokosmos – das Paris, dem möglichst niemand in die Augen schauen will, und das trotzdem auf seine eigene Art funktioniert. Doch wenn man ganz unten ist, kann es auch mal aufwärts gehen: Seine Freunde schliessen sich zusammen, machen sich auf die Suche nach Vernon. Er lässt es geschehen, wie er auch vorher alles seinem Lauf liess. Etwas kann er immer noch gut: Musik auflegen. Es entwickelt sich eine Szene, die an den verschiedensten Orten im ganzen Land Partys feiert zu seinem Sound, der hypnotisiert und glücklich macht. Die Camps sind eine Welt für sich, fast entsteht eine parallele Gesellschaft, mit eigenen Regeln. Hat die Welt des 21. Jahrhundert noch Platz für Utopien, wenn schon alles, was man für sicher hielt, in Scherben liegt?

Mit ihrer direkten, rauen Sprache reisst uns die Autorin mit, wir sind auf Augenhöhe mit den Figuren in ihrem Roman, wir spüren die Wut, den Hass, die Enttäuschung fast körperlich. Und wir merken: diese gespaltene Gesellschaft, sie betrifft uns auch. Und das wird sie noch lange, nachdem wir die letzte Seite zugeklappt haben.

Sabrina Durante

 

Virginie Despentes, Das Leben des Vernon Subutex. Roman, ausgezeichnet mit dem Preis Anaïs Nin 2015. Übersetzt von Claudia Steinitz. Verlag Kiepenheuer & Witsch Band 1: 400 Seiten, erschienen 17.08.2017, ISBN: 978-3-462-04882-7 Band 2: 400 Seiten, erschienen 15.02,2018, ISBN: 978-3-462-05098-1 Band 3: 416 Seiten, erschienen 7.09.2018, ISBN: 978-3-462-05153-7

 

Buchtipp: Julian Barnes, Die einzige Geschichte

«Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden oder weniger lieben und weniger leiden?» So beginnt der neuste Roman von Julian Barnes, und man ahnt: das ist keine simple Liebesgeschichte, die uns hier präsentiert wird.

Ein kleiner Vorort von London in den 60er Jahren: Der 19-jährige Student Paul verbringt drei Monate Sommerferien zuhause, bei den Eltern – und langweilt sich fürchterlich. Da meldet ihn die Mutter im lokalen Tennisclub an – insgeheim hoffend, er würde sich in eine nette, blonde Christine oder Caroline aus dem Dorf verlieben. Doch es wird eine Susan, und das passt der Eltern-Generation überhaupt nicht: denn sie ist 48, verheiratet, und hat zwei Töchter, die älter als Paul sind. Es ist aber nicht bloss die Freude an der Provokation, es ist wirklich Liebe, die die beiden verbindet. Sie setzen sich in der Grossstadt ab, er studiert, sie ist zuhause – und zerbricht fast an ihrem drastischen Entscheid. Alkoholsucht, Depression, Wahnvorstellungen folgen. Mit 19 war Paul noch stolz darauf, dass sich seine Liebe über alle Konventionen hinwegsetzt. Nach zehn Jahren sieht ihre Beziehung ganz anders aus – um sie zu retten, reicht es nicht, jung und etwas frech zu sein.

Die erste Liebe hat eben lebenslange Konsequenzen, so der Autor, der zwischendurch immer wieder aus dem Erzählfluss zurücktritt, um über die Liebe zu philosophieren. Und die anfangs gestellte Frage ist ohnehin tückisch – denn wir können nicht aussuchen, wie sehr wir lieben und leiden.

«Meiner Meinung nach ist jede Liebe, ob glücklich oder unglücklich, eine wahre Katastrophe, sobald man sich ihr voll und ganz hingibt.» blickt Paul am Schluss zurück.

Sabrina Durante

 

Julian Barnes: Die einzige Geschichte, Verlag Kiepenheuer & Witsch 2019, 304 Seiten. Übersetzung: Gertraude Krueger. ISBN 9783462051544


Filmtipp: Yesterday

… oder wie Beatles-Lieder nicht nur ein Leben, sondern die ganze Welt verändern können

Haben Sie sich auch schon vorgestellt, wie es wäre, in einem parallelen Universum zu landen, in dem niemand etwas von, sagen wir, Bob Dylan oder den CCR gehört hätte? Dann könnte man deren Musik abkupfern und würde auf einen Schlag berühmt. So etwas ähnliches widerfährt dem glücklosen Musiker Jack Malik, der in Pubs und Open-Airs auftritt, aber ausser seiner Familie und ein paar Freunde interessiert sich niemand wirklich für seine Songs. Dann aber geht der gesamten Welt für kurze Zeit der Strom aus, und danach... ist sie nicht mehr, was sie früher war. Niemand erinnert sich an die Beatles, es gibt keine Tonträger mehr von ihnen, und auch Google bringt bei dem Stichwort nur Bilder von Käfern - und vom gleichnamigen VW-Modell.

Was für eine Chance, denkt sich Malik, und macht sich fieberhaft daran, die Texte und Akkorde aus dem Gedächtnis zu rekonstruieren, um sich dann als deren Autor auszugeben. Aber: Ziehen die Lieder der Beatles auch 50 Jahre später noch? Und gerät der neue Star in die übliche Musik-Business-Maschinerie mit Ruhm, Geld, Dekadenz, Absturz? Der Film hält hier einige Überraschungen parat. Unter anderem ein aktueller Musik-Star, der sich selber aus Korn nimmt, und viele witzige Referenzen an die Geschichte der Beatles selbst. Ein sehr unterhaltsamer Film – wer noch kein Beatles-Fan war, könnte es dabei noch werden.

Sabrina Durante

 

Yesterday. Grossbritannien 2019. Regie: Danny Boyle, Drehbuch: Richard Curtis. Mit Himesh Patel, Lily James, Ed Sheeran, Kate McKinnon.

Yesterday läuft zurzeit in Bern in den Kinos CineClub, Pathé Westside und Kitag Cinemas Splendid.

Trailer

 

Lektüre-Empfehlungen der ökumenischen Buchhandlung Voirol

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Film-Tipp: Yoga. Die Kraft des Lebens

Stéphane Haskell erzählt im Dokumentarfilm die Geschichte seiner Krankheit und Heilung. Geheilt hat er sich selbst durch Yoga. Haskell hat aber nicht nur Heilung erfahren, sondern auch die Überzeugung erlangt, dass der Mensch, der immer irgendwie Gefangener sei, durch den Yoga Freiheit erlangen könne.

Dass Stéphane Haskell mit seiner Ansicht nicht alleine ist, dafür stehen die vielen Yoga-Studios, die sich auch an den entlegensten Orten finden lassen. Dennoch überrascht Haskell mit dem Besuch im Yogastudio für Ultraorthodoxe in Beit Shemesh. Auch bei den Massaï am Fuss des Kilimandscharo und bei den Gefangenen von Saint Quentin in Kalifornien eröffnet er uns Einsichten und offenbart uns die Tragweite des Phänomens Yoga.

 

 

 

 

 

 

 

 

«Yoga. Die Kraft des Lebens», LandFrankreich 2019, Regie: Stéphane Haskell, Besetzung: Thérèse Poulsen, Jean-Pierre Farcy, Abraham und Rachel Kolberg; Verleih: Frenetic

Trailer

Kinostart: 15. August 2019

Eva Meienberg, Religionswissenschaftlerin, Redaktorin

23. Juli 2019
erstellt von «pfarrblatt» online
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