«Ich möchte Raum für Fragen schaffen, welche die Menschen haben. Nicht missionieren. So verstehe ich «frag-würdiges» Leben.» Edith Zingg. Foto: Pia Neuenschwander

«Frag-würdig» leben

Edith Zingg leitet seit gut einem Jahr die Pfarrei Guthirt Ostermundigen. Im «pfarrblatt»-Gespräch erzählt die Theologin davon, dass Sie aus Wundern Kraft schöpfe und ein durchaus «frag-würdiges» Leben führe. Ausserdem berichtet sie vom 60-Jahre-Jubiläum des Elisabethenwerks. Das Hilfswerk des katholischen Frauenbundes feiert am 19. November in Guthirt das Geburtstagsfest.

«pfarrblatt»: Edith Zingg, was bedeutet ihnen die Heilige Elisabeth von Thüringen?
Edith Zingg:
Ich habe zwar keinen engen Bezug zu ihr. Was mich aber immer beeindruckt, ist, dass sie etwas machte, was sie eigentlich nicht durfte, und dass sie sich sozial engagierte, was ihrem Stand damals nicht entsprach. Wichtig scheint mir auch, dass an einem besonders kritischen Punkt ein Wunder passierte.

Sie meinen die Geschichte mit dem Brot, dass zu Rosen wird?
Genau, sie will einen Korb mit Brot zu den Armen bringen, ihr Mann will wissen, was sie im Korb hat und findet darin nur Rosen. Dieses Aktivsein, wo man nicht darf, gerade im sozialen Bereich, und das Vertrauen darauf, dass im kritischen Moment auch Rosen blühen können, das fasziniert mich.

Was ist ihre Beziehung zum Elisabethenwerk des katholischen Frauenbundes?
Ich bin international in verschiedenen Bereichen tätig gewesen und bin auch mit dem Frauenbund in Kontakt. Ich arbeitete in jener Kommission des Elisabethenwerks mit, welche die Projekte beurteilt und begleitet. Ich fand das spannend. Ich war ja auch in der Jesuitenmission tätig, kannte also verschiedene Entwicklungsprojekte.Ich sah, dass oft kleine Projekte vor Ort grosse Wirkung haben können. Hier macht das Elisabethenwerk als Hilfswerk des Frauenbundes eine gute und nachhaltige Arbeit.

Wieso feiert das Elisabethenwerk den Auftakt zum 60-Jahre-Jubiläum in Guthirt Ostermundigen?
Meine Beziehungen zum Werk waren dafür ausschlaggebend. Seit einem Jahr leite ich die Pfarrei Guthirt, deshalb wurde ich angefragt.

Was ist vorgesehen am 19. November?
Wir feiern einen szenischen Gottesdienst. Da kommt es zu einer Begegnung mit Elisabeth von Thüringen und mit Elisabethen aus verschiedenen Kontinenten. Danach gibt es einen Apéro mit Möglichkeiten zu Austausch und Begegnung.

Warum sind Ihnen die Projekte des Elisabethenwerks wichtig?
Ich habe einige Jahre in Indien gearbeitet. Ich erlebte vor Ort, welche Projekte funktionieren und welche nicht. Indien ist ja eines der Schwerpunktländer des Werks. Später hatte ich bei der Bethlehem-Mission Immensee einen Einblick in die Entwicklungszusammenarbeit in afrikanischen Ländern erhalten. Auch hier schärften die Erfahrungen vor Ort meinen kritischen Blick. Die kleinen Projekte des Elisabethenwerks sind sehr effizient.

Hätte sich die Schülerin Edith Zingg damals vorstellen können, dass sie sich dereinst in der Entwicklungszusammenarbeit engagiert?
Nicht so direkt, ich bin im sanktgallischen Wil aufgewachsen, besuchte dort die Mädchensekundarschule, die von Dominikanerinnen geleitet wurde. Dort hatten wir jedes Jahr Projektwochen zu sozialpolitischen Themen. Das hatte mich als Jugendliche fasziniert.

Wieso haben Sie Theologie studiert?
Zuerst liess ich mich zur Kauffrau ausbilden, darauf absolvierte ich die Ausbildung als Krankenschwester und ich arbeitete in beiden Berufen. In der Heimatpfarrei war ich sehr engagiert. Ich erlebte damals eine lebendige Pfarrei. Im Nebenamt arbeitete ich zudem als Katechetin, wechselte dann von der Pflege zur Katechese und nahm das Theologiestudium auf dem dritten Bildungsweg in Chur in Angriff, bis uns der damalige Bischof Haas in Chur nicht mehr wollte. Der Ausbildungslehrgang wechselte nach Luzern. Ich wechselte ins ordentliche Theologiestudium und studierte noch ein Jahr in einer Gruppe mit lauter «haastreuen» Priesteramtskandidaten. Da habe ich gelernt, mich gegen Autoritäten abzugrenzen.

Sie waren auch eine Zeit lang Ordensschwester ...
Ich suchte einen Ort, wo ich mich ganz einsetzen konnte. Die Gemeinschaft der Helferinnen machte mir Eindruck. Nach meiner Promotion wurde ich Novizin. Das war nicht ganz einfach, eine promovierte Theologin als Novizin (lacht)! Die Helferinnen schickten mich nach Indien ins Noviziat. Das war eine wertvolle Zeit. Ich war zehn Jahre bei den Helferinnen, wegen internen Konflikten habe ich dann die ewigen Gelübde nicht abgelegt. Das waren schmerzhafte Erfahrungen.

Was waren das für Konflikte?
Ich war nicht immer so pflegeleicht, es ging um verschiedene Prozesse in der Gruppe. Es waren schwierige Erfahrungen. Für mich war es wie eine Scheidung. Ich habe aber wieder einen guten Kontakt zu den Helferinnen. Drei von ihnen waren bei meiner Einsetzung in Ostermundigen dabei.

Wie kamen Sie zur Stelle als Gemeindeleiterin in Ostermundigen?
Ich bin jetzt 51 Jahre alt. Ich wollte nochmals etwas Neues anpacken, wollte auch noch eine Führungsausbildung machen, liebäugelte mit dem Asylbereich, meldete mich aber auch beim Bistum Basel. Da kam ziemlich schnell die Frage, ob ich mir eine Gemeindeleitung vorstellen könnte. Zuerst winkte ich ab. In Bern kannte ich den Bahnhof, das Bundeshaus und die Aare. Ich bekam das Angebot, in Köniz einzusteigen. Ich liess mich schliesslich auf die Gemeindeleitung in Ostermundigen ein. Ich lerne nach gut einem Jahr immer noch viel. Die Berner Kirche ist anders als die in Luzern.

Was ist in Bern anders?
Sicher das Gewicht der Ökumene und die Diasporasituation. Unsere Pfarrei erstreckt sich über vier politische Gemeinden. Wir können in vielen spannenden Projekten unserer reformierten Schwesterkirche nicht mitarbeiten, weil wir einfach weniger Leute sind. Katholischerseits gehen bei uns zudem viele Migrantinnen und Migranten ein und aus. Was bei den Reformierten meist anders ist. Ich habe schon einiges an internationalen Kirchen gesehen, dass aber der Unterschied zwischen St. Gallen, Luzern und Bern so gross ist, hätte ich nicht gedacht.

Ist Ihnen Elisabeth von Thüringen ein Vorbild?
Wir haben es ja nicht einfach als Frauen in der Kirche. Trotzdem bin ich loyal, zuerst nach unten, gegenüber den Menschen in der Pfarrei, und in zweiter Linie der Hierarchie gegenüber. Ich erlebe es so, dass ich meine Gestaltungsräume in der Arbeit habe und nutze. Ich habe in Chicago Gottesdienste von katholischen Priesterinnen besucht und unterstütze dies – auch kritisch –, aber ich lasse mich nicht mehr so existenziell vereinnahmen. Das soziale Engagement ist mir wichtiger. Hier ist mir die Klugheit der Elisabeth von Thüringen Beispiel. Das Wunder mit dem Brot, das zu Rosen wurde, zeigt mir, dass sich freies Leben nicht durch falsche Strukturen behindern lässt. Mein über Jahre errungenes Gottvertrauen schenkt mir eine gewisse Freiheit dazu. Ich bin nicht die Hirtin von Guthirt, das ist jemand anders (lacht und schaut nach oben).

Und neben dem sozialen Engagement – wie spricht man heute Menschen auf den Glauben an?
Sie werden jetzt staunen, da halte ich mich an Petrus. Er rät in einem seiner Briefe: «Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt». Daraus habe ich eine Haltung entwickelt. Ich versuche, «frag-würdig» zu leben. Wie ich lebe, wie ich mich engagiere, wie ich bin, kann vielleicht Fragen auslösen. Ich möchte Raum für Fragen schaffen, welche die Menschen haben. Nicht missionieren. So verstehe ich «frag-würdiges» Leben.

Interview: Jürg Meienberg

Elisabeth (1226) meets Elisabeth (2017) «Gottesdienst zur Jubiläumseröffnung des Elisabethenwerkes». Sonntag, 19. November, 09.30, römisch-katholische Kirche Guthirt, Zollgasse 31, Ostermundigen. Anschliessend Begegnungsmöglichkeiten beim Pfarreikaffee und Apéro.

Elisabeth von Thüringen und das Elisabethenwerk Landgräfin Elisabeth von Thüringen, auch Elisabeth von Ungarn genannt, ist eine Heilige der katholischen Kirche. Der Namenstag fällt auf den 19. November. Sie setzte sich für die Armen und Kranken ein.
Das Rosenwunder: Ludwig, von seiner Umgebung gegen Elisabeths Verschwendung aufgehetzt, trat seiner Frau entgegen. Sie stieg mit einem mit Brot gefüllten Korb die Burg herab. Er fragte sie: «Was trägst du da?» und deckte den Korb auf, sah aber nichts als Rosen. Das Elisabethenwerk, seit 1958 von Frauen für Frauen: Das Solidaritätswerk des Schweizerischen Katholischen Frauenbundes hat mehr als 2 200 Entwicklungsprojekte in Asien, Afrika und Lateinamerika verwirklicht. Infos: frauenbund.ch

15. November 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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