Interreligiöses Gebet für den Frieden 2011, mit Papst Benedikt XVI. in Assisi. Foto: Reuters/Giampiero Sposito

Franz und Klara

Vor 800 Jahren traf sich Franz von Assisi in Ägypten mit Sultan Muhammad al-Kamil. Es ist der Beginn des interreligiösen Dialogs. Dieser Franziskus ist der Patron der Pfarrei Zollikofen. Im Rahmen des 60-Jahre-Jubiläums werden er und seine Weggefährtin Klara an drei Bildungsabenden intensiv beleuchtet.

Das «pfarrblatt» hat den Referenten Br. Niklaus Kuster, er ist Kapuziner, und die Referentin Nadia Rudolf von Rohr zur franziskanischen Spiritualität befragt.

 

Br. Niklaus Kuster, Kapuziner, Autor zahlreicher Bücher rund um Franziskus und Klara von Assisi

 

Bern ist evangelisch-reformiert geprägt. Ökumene ist wichtig. Passt da der heilige Franziskus besonders gut hinein?

Martin Luthers Antwort wäre: auf jeden Fall! Er nennt Franziskus einen «bewundernswerten Mann und durch den Geist aufs höchste glühend», der «voller Weisheit seine eigentliche Regel» im «Evangelium Jesu Christi» fand. Also ein zutiefst evangelischer Bruder!

Welche Impulse könnten kirchlich Tätige und spirituell Interessierte heute von Franziskus erwarten?

Franz von Assisi war schon im Mittelalter auf gute Art traditionskritisch: Jede Epoche ruft nach einer zeitgemässen Erneuerung der Kirche. Franziskus steht zudem für eine Geschwisterlichkeit, die soziale Standesunterschiede hinterfragt, Hierarchien herausfordert, an keinen Grenzen Halt macht und niemanden ausschliesst. Gotteserfahrung ist zudem innig mit Weltliebe verbunden.

Wozu würde Franz von Assisi heute als «Ökumeniker» ermutigen?

Im Januar 2017 nannte Matthias Krieg am ökumenischen Auftakt zum Reformationsgedenkjahr hier in Bern fünf zentrale Kennzeichen der Reformation: Zugang des Gläubigen zur Bibel und zu Bildung, individuell freie Gottesbeziehung, aktive Mitgestaltung von Kirche, die ein bürgerlich-städtisches Gesicht erhält und Laien tragende Bedeutung gibt, sowie Engagement aus der Hoffnung, dass das Beste noch vor uns liegt. Ich antwortete in der Replik, dass dies alles zum Glück Jahrhunderte vor 1517 einsetzte – in Franz von Assisi!

Franz von Assisi ist über die Ökumene hinaus auch den Weltreligionen wichtig. Sie treffen sich auf höchster Ebene in Assisi. Weshalb?

Acht Jahrhunderte bevor das Zweite Vatikanische Konzil anerkannte, dass es «Strahlen der Wahrheit» in anderen Religionen gibt, entdeckte Franziskus in Ägypten Gottesliebe im Islam und lernte aus der alltagspraktischen Weisheit muslimischer Spiritualität. Die Offenheit des Mystikers, der einer anderen Religion offen begegnet und staunend von ihr lernt, vereint die grossen Kirchen und Welt- sowie Naturreligionen seit 1986 in Assisi. Von hier aus setzen sie sich gemeinsam für eine friedlichere, gerechtere und menschlichere Welt ein. Diese Friedenstreffen der Religionen haben jede Form von Gewalt im Namen Gottes für gottlos erklärt: ein kraftvoll-klares Signal gegen alle religiösen Fundamentalisten und Fanatiker.

Sie sprechen es an: Vor 800 Jahren begegnen sich in Ägypten Franz und Sultan Muhammad al-Kamil am Rande der Kreuzzüge. Was geschah damals? Welche Auswirkungen hat diese Begegnung bis heute?

Franziskus griff mit einer Friedensmission in den Fünften Kreuzzug ein. Seine Warnung an die Kreuzritter, dass Jesus Gewaltlose seligpries und mit keiner Silbe zum Töten aufrief, verhallte ungehört. Der Mystiker aus Assisi ging darauf ins Lager des Sultans und gewann diesen zum Freund. In der Folge schrieb Franz Briefe an die Menschheit. Eine Frucht davon ist das Angelus- oder Betläuten in unseren Kirchen. Es ist eine christliche Version des Gebetsrufes, den der Muezzin in der islamischen Welt vom Minarett ruft.

Was bedeutet Ihnen Franz von Assisi ganz persönlich? Was bedeutet Ihnen Klara von Assisi?

Als Kapuziner bin ich ein Reformfranziskaner, der versucht, Franziskus’ Lebenskunst in unserer Kultur und Zeit zu leben. Dabei verbinde ich als Franziskusforscher geschichtliches Fachwissen mit dem praktischen Leben und Engagement als Bruder: wie Franz übrigens Laie in der Kirche und wie er oft unterwegs – Pilger und Gast auf Erden. Klara ist das weibliche Pendant. Ihr Modell ist nicht weniger evangelisch: Martas und Marias offenes Haus von Betanien!

Was ist für Sie franziskanische Spiritualität?

Um es kurz zu sagen: ein Leben mit Tiefe und Weite, aus dem Evangelium und in einer Geschwisterlichkeit, die jedem Menschen auf Augenhöhe begegnet, von der Bettlerin am Bahnhof bis zum Papst. Geschwisterlichkeit in einer Offenheit, die Gott mitten in der Welt findet, keine Fremden kennt und ökologisch sensibel auch der Mitwelt achtsam begegnet.

 

Nadia Rudolf von Rohr, Co-Leiterin Franziskanische Gemeinschaft Schweiz, Leiterin Bibliodrama, Geistliche Begleiterin


Wer war Klara von Assisi? Was macht sie für heutige Menschen spannend?

Klara wuchs als Tochter einer Adelsfamilie im mittelalterlichen Assisi auf, zunächst ganz wie es für ein Mädchen ihres Standes vorgesehen war. Als sie mit 14 Jahren offiziell erwachsen wird, wählt sie aber, inspiriert von Franziskus‘ Aufbruch, für sich einen eigenen Weg, bricht mit allen Konventionen und lebt fortan ihre eigene Form der evangelischen Nachfolge in konsequenter Armut. Sie setzt sich gegen männliche Macht- und Kirchenpolitik durch und prägt so Generationen von Frauen.

Klara und Franz hatten wahrscheinlich eine komplizierte Beziehung, oder?

Nicht so kompliziert, wie das romantisierende Vorstellungen einer verhinderten Liebesgeschichte gerne glauben machen! Franz und Klara trennte nicht nur ihr gesellschaftlicher Stand, sondern auch ein beträchtlicher Altersunterschied. In ihnen begegneten sich nicht mögliche Partner, sondern vielmehr zwei Seelenverwandte, die, von derselben Sehnsucht getrieben, in den Fussspuren Jesu‘ wandelten und gemeinsam und doch je eigen einen Neuaufbruch wagten.

Wo und wie hat Klara eigene Akzente gesetzt?

Klaras innigster Wunsch war es, «arm den armen Christus zu umarmen». Sie lehnte deshalb jede materielle Sicherheit ab und setzte sich in ihrem Widerstand gegen eigenen Besitz ihrer Gemeinschaft auch gegen den Papst durch. Ihr Modell war das offene Haus von Marta und Maria in Betanien. Da gab es Rückzugsraum für die kontemplative Verbundenheit mit Gott und zugleich den Freiraum einer offenen Tür für die Nöte und Anliegen der Menschen. Nicht umsonst lag der Ort ihrer Gemeinschaft, San Damiano, damals an einer Ausfallstrasse von Assisi in die Ebene und kannte weder Zäune noch hohe Mauern!

Klaras Ordensregel ist teilweise irritierend streng, kann man sich heute noch an ihr orientieren?

Wie Franziskus auch, war Klara ein Kind ihrer Zeit. Sie trieb es aber manchmal mit der Askese sogar für ihn zu weit. Nicht in allem ist sie uns Vorbild, aber auch darin können wir von ihr lernen. Wir sollen nicht in ihren Fussspuren wandeln, sondern von ihr inspiriert nach unserem eigenen Weg der Jesus-Nachfolge suchen. Wir sind gefordert, Übersetzungsarbeit zu leisten in unsere eigene Lebenswelt, die Zeichen unserer Zeit zu deuten!

Welche Botschaft Klaras möchten Sie am Vortrag in Bern vor allem vermitteln?

An ihre Brieffreundin Agnes von Prag, die einen schwierigen Konflikt mit dem Papst auszutragen hat, schreibt Klara tröstende Worte: «Was Du hältst, das halte fest, was du tust, das tue fürder, lasse nicht ab, sondern eile in schnellem Lauf, mit leichtem Schritt, ohne den Fuss anzustossen … sicher, freudig, munter und behutsam auf dem Pfade der Seligkeit; traue keinem, stimme keinem zu, wenn er Dich von diesem Vorsatz abbringen … will … .»
Klara beeindruckt mich durch ihren Willen, ihre Fokussiertheit und ihr unbedingtes Gottvertrauen. Dazu kommt ihre Kunst, ein offenes Herz und Ohr zu haben, andere zu respektieren und sich dennoch nicht vom für sich erkannten, richtigen Weg abbringen zu lassen. «Wir hören viele Worte, sehen viele Wege …», singen wir in einem Kirchenlied. Woran sollen wir uns orientieren? Klara ist mir da Wegweiserin.

Ganz persönlich: Was ist für Sie franziskanische Spiritualität?

Leben in inniger Gottverbundenheit mit offenem Auge, Ohr, Herzen und ausgebreiteten Armen für die Welt. Mein Gegenüber sehen als Geschöpf desselben Vaters und demnach als meinen Bruder, meine Schwester. Mich durchwirken lassen von Gottes Geist und demnach nach der Liebe trachten, in allem, was wir glauben, denken und tun.

 


Details zu den Bildungsabenden und weitere Infos
 

 

Biographisches

Redaktion: Andreas Krummenacher

Franz von Assisi

gilt heute wohl als einer der populärsten Heiligen. Nicht nur, weil er das Krippenspiel erfunden hat. Franz lebte Mitte des 13. Jahrhunderts im heutigen Umbrien. Das Geburtsjahr ist nicht genau bekannt, wohl 1181/82, gestorben ist er 1226. Er ist der Patron der Armen, Blinden, Lahmen, Strafgefangenen, Sozialarbeiter und Schiffbrüchigen; Papst Johannes Paul II. erklärte ihn im Jahr 1980 zudem zum Patron des Umweltschutzes und der Ökologie. Bei Kopfweh und Pest soll es sich lohnen, um seine Hilfe zu bitten. Franziskus' Gedenktag - der 4. Oktober - wird weltweit ausserdem als Tierschutztag begangen.

Geboren wurde Franz als Giovanni Battista Bernardone in eine reiche Kaufmannsfamilie. Er soll eine unbekümmerte Jugend gehabt haben, genoss eine gute Ausbildung. Ein Kriegszug 1205 veränderte alles. Der Legende nach soll Christus durch eine Ikone gesagt haben: «Franziskus, geh und baue mein Haus wieder auf, das, wie du siehst, ganz und gar in Verfall gerät.» Darauf führte Franz von Assisi ein mönchisches Leben, im Gebet, unter strengem Verzicht. Er zog als Wanderprediger umher, gekleidet in eine grobe Tunika mit Kapuze und einem Strick als Gürtel.

Mensch, Tier und den Pflanzen wollte er das Evangelium verkünden. Dafür erntete er bisweilen Hohn und Spott, der eigene Vater enterbte ihn. Andere aber schlossen sich ihm an. Franziskus nannte sie arme oder «mindere Brüder». Sein Bettelorden war geboren. Das alles war nicht frei von Konflikten. Franziskus trat beispielsweise als Vorsteher des Ordens zurück, weil es Streit gab. Sein Leben lang begleiteten ihn auch Auseinandersetzungen mit der Kirchenhierarchie, mit dem Vatikan, mit dem Papst. Er stritt um Anerkennung, um das Kirchenbild, die kirchenpolitische Ausrichtung.

1219 reiste er als Missionar nach Palästina und schloss sich dem Kreuzfahrerheer an, das auf dem Weg nach Ägypten war. Mit dem dortigen Sultan suchte er im Gespräch nach Gemeinsamkeiten und Frieden. Erfolg hatten sie nicht, gleichwohl war der interreligiöse Dialog geboren.

Franziskus starb am 3. Oktober 1226. Offenbar «frei und unbeschwert». Ein wahrer Triumphzug. Zwei Jahre später wurde er heilig gesprochen.

Mehr zum Thema:
Franz von Assisi und sein Friedensgebet, Deutschlandfunk Kultur, Pater Haribert Arens

 

Klara von Assisi

war die Gefährtin des heiligen Franz. Auch sie verliess ihr wohlhabendes Elternhaus, um in Armut zu leben. Geboren 1193 oder 1194, ebenfalls in Assisi, gestorben am 11. August 1253. 1212 floh die 18-jährige aus dem Elternhaus. Sie suchte Zuflucht bei den Franziskanern in der kleinen Portiuncula-Kirche in Assisi. Franziskus soll ihr eigenhändig die langen Haare abgeschnitten haben.

Sie liess sich schliesslich mit ihrer Schwester Agnes beim Kirchlein von San Damiano nieder. Hier entstand eine kleine klösterliche Gemeinschaft, hier legte sie das Gelübde der absoluten Armut ab. Der Orden sollte später Klarissenorden heissen. Klara entzog sich den Plänen ihrer Familie, heiratete nicht, führte schriftliche Korrespondenz mit anderen bedeutenden Frauen und machte sich Überlegungen zu Fragen der Spiritualität und der Nachfolge Jesu. Unkonventionell für die Zeit.

Schon als Kind war sie kränklich, nach ihrem 30. Lebensjahr war die Ordensgründerin fast immer ans Bett gefesselt. Ihre Gemeinschaft wuchs dennoch. Am 11. August 1253 starb sie. Ihr Leichnam kann man in der Krypta des Kirche Santa Chiara in Assisi anschauen.

Der Todestag ist auch der Gedenktag. Klara ist Patronin von Assisi und des Fernsehens sowie der Wäscherinnen, Vergolder, Stickerinnen, Glaser, Glasmaler sowie gegen Fieber und Augenleiden.

Mehr zum Thema:
Ein Leben in Armut und Anbetung, katholisch.de

 

 

21. August 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 18
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