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Links: William Dyce, die Jungfrau mit Kind, 1845, Royal Collection Windsor, Grossbritannien - Rechts: Antonello da Messina, Maria der Verkündigung, 1475, Galleria Regionale della Sicilia, Palermo

Frau liest - ganz offiziell (2010)

Im November 2010 berichten die Medien, Papst Benedikt habe die Zulassung der Frauen als Lektorinnen beschlossen. Eine Nachricht wie ein UFO am Himmel, quer zur Realität, ein Objekt aus einer anderen Welt.

Ist die Meldung ein Witz? Im Gegenteil. Papst Benedikt meint es ernst – und hebt mit seinem Beschluss ein Stückchen strukturelle Ungerechtigkeit auf. Denn Frauen als Lektorinnen waren offiziell nur in Ausnahmefällen erlaubt. 1973 erliess Papst Paul VI. ein Motu proprio, um im Nachgang zum 2. Vatikanischen Konzil liturgische Dienste und Ämter neu zu ordnen. Das Konzil hatte deutlich gemacht, dass der Gottesdienst nicht nur Sache des Klerus sei, sondern die Feier aller Getauften. Teilhabe, Teilnahme war ein Leitmotiv des Konzils. Auch die Liturgie fordere die «tätige Teilnahme» aller Glaubenden.
Mit seinem Beschluss, gewisse Dienste – die Schriftlesung und das Austeilen der Kommunion – an Laien zu übertragen, setzte Papst Paul VI. das Reformanliegen des Konzils um. Er hielt jedoch ausdrücklich fest, dass die Beauftragung – «gemäss der altehrwürdigen Tradition der Kirche» – Männern vorbehalten sei.

In der Kunst gibt es den Topos der lesenden Maria. Auf Gemälden flämischer und italienischer Maler sieht man Maria, wie sie liest. Sie liest bei der Verkündigung, im Wochenbett und mit dem Kind auf dem Arm. Sie lässt sich durch ihr Muttersein nicht vom Lesen abbringen. Über Jahrhunderte hatte man die lesende Maria vor Augen. Warum sah man darin keinen Anstoss, Mädchen zu bilden und Frauen zu fördern? Hat die Kirche, haben die Kirchenoberen die lesende Maria nicht zu den Frauen gezählt?
Zwischen der Verehrung der Maria und den real existierenden Frauen verläuft nicht selten ein tiefer Graben. Das «Lob der Frau» bedeutet noch kein Hören auf die Frauen und ein Anerkennen ihrer Wünsche und Bedürfnisse. Maria, die liest, hat man immer auch als Sinnbild für die Kirche verstanden. Die Kirche wurzelt in der Schrift, sie liest und meditiert und verkündet das Wort. Waren es bis zum Konzil die Kleriker, die man mit der Kirche gleichsetzte, spricht man seither vom Volk Gottes, bestehend aus Priestern und Laien(männern). Mit dem Beschluss Papst Benedikts kommen die Frauen in den Blick.

Angela Büchel Sladkovic


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23. November 2016
erstellt von «pfarrblatt»
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