In der Leere Gott neu entdecken. Foto: Pia Neuenschwander

Fülle und Leere

«Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben» (Joh 10,10). Doch momentan spüren wir eher eine Leere. Manche Regale im Supermarkt sind (zum Glück nur kurz) leer. Keine Besuche im Spital und den Pflegeheimen und auch in den Kirchen herrscht eine Menschenleere.

Was bedeutet für uns das Wort Leere? Es wird unterschiedlich verstanden. Meist jedoch klingt es negativ, uns fehlt etwas. Ist Leere ein Mangel? Es gibt Lebensphasen, in denen wir unfreiwillig Leere spüren, in Zeiten der Einsamkeit, Krankheit oder Arbeitslosigkeit.

Wenn wesentliche Dinge entzogen wurden, wirkt unser Leben sinnlos. Dies ist nichts Neues. Der Prophet Elija hat sich für Gott abgerackert. Nach Misserfolgen kommt der Zusammenbruch. Er fühlt sich ausgebrannt und leer, möchte unter dem Ginsterstrauch sterben. Doch genau dieser Zusammenbruch öffnet seinen Geist für eine neue Begegnung mit Gott (vgl. 1 Kön 19,1–13).

Im spirituellen Leben ist die Bereitschaft zum Leerwerden wichtig, um uns von Hindernissen zu trennen, offen zu werden, um Neues empfangen zu können. Dann kann es eine Fülle in der Leere geben. Der Heilige Bruder Klaus formuliert dies in seinem bekannten Gebet: «Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu Dir. Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich führed zu Dir. Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir, und gib mich ganz zu eigen Dir.»

In dieser momentanen Leere finden auch wir eine Fülle neuer Begegnungen mit Gott. Zum Beispiel das Beten, einzig zu Hause und doch zusammen mit einer grossen Gemeinschaft (Gebetskreis, Pfarrei, Bistum, Weltkirche). Dann spüren wir Gottes Geist in all seiner Lebendigkeit. Gestärkt durch seine Gaben und in der Fülle seiner Früchte. Pfingsten steht vor der Tür!

Helmut Finkel, Haus­, Heim­ und Spitalseelsorger Interlaken

13. Mai 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 11
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