«Ich ergreife das Wort». Gertrud Heinzelmann

Für die Zulassung der Frauen zum Priestertum - Frauen und Amt

Anfangs September 1962 machte eine Meldung der US-amerikanischen Nachrichtenagentur «United Press International» (UPI) eine Schweizer Katholikin zu einer weltberühmten Person.

Unter dem Titel «Eine Frau appelliert ans Konzil» berichtete der Schweizer UPI-Korrespondent von einem unerhörten Brief, den Gertrud Heinzelmann, Präsidentin des Frauenstimmrechtsvereins Zürich und Mitglied des Zentralvorstandes des Schweizerischen Verbandes für das Frauenstimmrecht, nach Rom geschickt hatte.

Das Schreiben «An die Hohe Vorbereitende Kommission des Vatikanischen Konzils, Città del Vaticano» umfasste 30 Seiten und verlangte die Zulassung der Frauen zum Priesteramt und zu allen höheren Kirchenämtern. Die Meldung wurde kurz darauf auch vom «News Service» der nordamerikanischen Bischöfe verbreitet – unter dem Titel: «Frauenrechtlerin fordert von der Kirche die Frauengleichberechtigung; will das Priestertum.»

Bereits der Einstieg der Eingabe hatte es in sich: «Ich ergreife das Wort als eine Frau unserer Zeit, die durch Studium, Beruf und eine langjährige Tätigkeit in der Frauenbewegung die Nöte und Probleme ihrer Schwestern kennt.
Meine Worte möchte ich verstanden wissen als Klage und Anklage einer halben Menschheit – der weiblichen Menschheit, die während Jahrtausenden unterdrückt wurde und an deren Unterdrückung die Kirche durch ihre Theorie von der Frau in einer das christliche Bewusstsein schwer verletzenden Weise beteiligt war und beteiligt ist.»

Der Anfangssatz «Ich ergreife das Wort» brach die Tradition, dass Frauen in kirchlichen Fragen zu schweigen haben. Tatsächlich war unter den 3044 zum II. Vatikanum geladenen Teilnehmern keine einzige Frau, nicht einmal eine Äbtissin.
Auch wenn das Konzil die Eingabe nicht ernst nahm, löste sie einige Reaktionen aus. Anfangs November 1962 verbreitete die Agentur der amerikanischen Bischöfe aus Rom folgende Meldung: «Die Schweizer Frauenstimmrechtlerinnen, die vorschlagen, dass Frauen zum römisch-katholischen Priestertum zugelassen werden sollen, entsandten ihre Präsidentin Gertrud Heinzelmann, um die Konzilsväter aufzufordern, ihren Vorschlag zu prüfen.»

Heinzelmann war mit dem Autor der Nachricht, Pater Placidus Jordan, befreundet. Bei der zweiten Sitzungsperiode im Herbst 1963 schlug der belgische Bischof Joseph Cardijn vor, «als Zuhörer auch Frauen, welche – wenn ich nicht irre – die Hälfte der Menschheit ausmachen», einzuladen.
Hans Küng, der als junger Theologe dabei war, schrieb Gertrud Heinzelmann zwanzig Jahre später, dieser Vorschlag sei «für das ganze Konzil und auch für mich selber ein wirklicher Durchbruch» gewesen.

Zu einem Eklat kommt es an der vierten und letzten Konzilssession anfangs Oktober 1965. Der fortschrittliche Erzbischof Paul Hallinan von Atlanta wollte, nachdem er von Pater Placidus Jordan bearbeitet worden war, folgende Worte sagen: «Lasst uns nicht für die Frau in der Kirche einen Rang zweiter Ordnung beibehalten, wie er der Frau früher zugewiesen wurde.»
Weiter wollte er vorschlagen, dass Frauen als Lektorinnen und Messdienerinnen mitwirken und als Diakoninnen predigen, taufen und das Abendmahl austeilen sowie in theologischen Kommissionen und kirchlichen Gremien mitbestimmen dürfen. Allerdings fehlte das Amtspriesterum im Forderungskatalog, weil es laut Pater Placidus «nicht klug gewesen wäre, über das jetzt zu sprechen».

Da der amerikanische Konzilsvater seine Rede im Voraus eingereicht hatte, liess der konservative Generalsekretär des Konzils die Sitzung vorzeitig abbrechen. Erzbischof Paul Hallinan liess sich diese Zensur nicht gefallen. Sein Einflüsterer Pater Placidus, ein ehemaliger Kriegsreporter, schrieb an Heinzelmann: «Jetzt veranstalten wir ein Trommelfeuer mit Publizität.»
Dieses fiel derart heftig aus, dass sich der «Osservatore Romano» zu einer Reaktion gezwungen sah.

Das offizielle Presseorgan der Kurie, der das Konzil zu weit ging, veröffentlichte eine Artikelserie: «Einige Theologen haben nicht versäumt, sich dem weiblichen Chor anzuschliessen. Sogar qualifizierte Theologen waren darunter – wie wenn die Kirche in der vorliegenden Sache nicht schon seit den ersten Zeiten des Christentums eine endgültige und unabänderliche Antwort gegeben hätte.»
Dann folgt der Schwachpunkt der Ausführungen: «Dies nicht so sehr durch einen menschlichen Entscheid, als vielmehr durch eine, wenn nicht ausgesprochene, so doch unausgesprochene Bestimmung von Christus selber.»

In seinem prompten Schreiben an Gertrud Heinzelmann verwies Pater Placidus vor allem auf diese Aussage: «Nicht einen vernünftigen Grund hat er anzuführen, ausser dass angeblich die Ausschliessung der Frau vom Priestertum göttlichen Rechtes sei, weil Christus nicht davon gesprochen habe. Was für eine Logik! Die Männer behaupten doch immer, so logisch zu sein!!»
Allerdings waren die Reaktionen der römischen Kurie auf den Vorschlag, Frauen zum Priesteramt zuzulassen, gemässigt im Vergleich zu denen in der Schweiz.

Heinzelmann hatte ihre Eingabe im September 1962 in der «Staatsbürgerin», dem Mitteilungsblatt des Frauenstimmrechtsvereins Zürich, publizieren lassen. Nachdem die UPI, dessen Korrespondent im Foyer des Zürcher Pressevereins auf die Konzilseingabe gestossen war, diese zu einer «Cause célèbre», einer berühmt-berüchtigten Sache, gemacht hatte, ging im katholisch-konservativen Blätterwald der Teufel los.

Eröffnet wurde die Kampagne vom «Vaterland», dem Zentralorgan der Katholischen Volkspartei. Dessen Chefredaktor Karl Wick war wenige Jahre zuvor Hauptsprecher gegen das Frauenstimmrecht in der grossen Nationalrats-Debatte und im Abstimmungskampf gewesen. Dabei hatte er selber einen Zusammenhang zwischen Priesteramt und Staatsbürgerschaft hergestellt: «Dass in der Epoche der christlichen Zeitrechnung Gesellschaft und Staat männlich bestimmt waren, hat seinen Grund in der männlich bestimmten kirchlichen Hierarchie. Der männliche Priesterstand schliesst in allen Graden und Funktionen die Frau aus.»

Die Zentralschweizer stimmten am 1. Februar 1959 zu über 80 Prozent Nein. In Appenzell Innerrhoden waren es 95 Prozent, gesamtschweizerisch 67 Prozent.
Dreieinhalb Jahre nach seinem Grosserfolg gegen Heinzelmann und ihre Schwestern führte Wick seinen Kampf gegen die Eingabe weiter. Ihre «Art» stehe «in der gleichen Linie wie die Art des bekannten Buches ‹Frauen im Laufgitter›».
Damit spielte er auf das 1958 erschienene Werk von Heinzelmanns Mitkämpferin Iris von Roten an. Wie diese fertig gemacht worden war, sollte nun auch jene fertig gemacht werden. Am weitesten ging das katholisch-konservative Aargauer Volksblatt: «Heinzelmännchen findet es ungerecht, selber kein Mann zu sein. Die ganze Schöpfung war ein Pfusch. Wenn Heinzelmännchen die Welt erschaffen hätte, wäre heute nicht die halbe Menschheit versklavt. Denn Heinzelmännchen hätte nicht den verhängnisvollen Fehler begangen, Frauen zu erschaffen, sondern lauter Heinzelmännchen-Männerinnen.

Nach dem Eintopf-Rezept der Gleichheit und der Gleichberechtigung und der gleichen Leistung und des gleichen Lohnes.» Die 1914 geborene Gertrud Heinzelmann stammte selber aus dem aargauischen Freiamt. Ihre Vorfahren waren liberale Katholiken, die aus Luzern und aus Florenz in den freisinnigen Aargau gezogen waren.
Heinzelmanns Lebenstraum war es, Ministrantin und später Priesterin zu werden. Als ihre Familie in den Kanton Zürich zog, hatte sie als aufgewecktes Mädchen einen doppelten Kampf zu führen: gegen die Diskriminierung als Frau durch die Kirche und als Katholikin durch «das reformierte Milieu». 1942 schrieb die angehende Juristin eine kritische Doktorarbeit über «Das grundsätzliche Verhältnis von Kirche und Staat in den Konkordaten».

Gleichzeit sammelte sie alles, was Thomas von Aquin, der wichtigste Theologe des offiziellen Katholizismus, gegen die Frauen geschrieben hatte. Bei der Konzilseingabe griff sie auf diese Vorarbeit zurück. Ihr Hauptengagement galt aber seit 1949 der Gleichberechtigung, in deren Bewegung sie bald zu den führenden Köpfen wurde. 1971 durfte sie die Einführung des Frauenstimmrechts erleben. 1972 wurde sie vom Churer Bischof Johannes Vonderach zur Synode eingeladen, wo sie die Zulassung der Frauen zum Priesteramt thematisierte.

Einer katholischen, feministischen Freundin in den USA schrieb sie: «Auf alle Fälle ist die sehr ehrenvolle Berufung für mich eine grosse Genugtuung, da ich mit meinen Kämpfen für die politische Gleichberechtigung im Staat von der katholisch-konservativen Partei bekämpft wurde. Die schlimmsten Gegnerinnen meiner Konzilseingabe waren die frommen katholischen und evangelischen Frauen.» Dass sie auch der Zwinglistadt zu progressiv war, zeigt ein Eintrag der Zürcher Polizei über «Dr. Heinzelmann: eine in den Wolken schwebende Frauenrechtlerin und Männerstaat-Hasserin».

Nach ihrem Tod am 4. September 1999 wurde ihr gemäss eigenem Wunsch ein katholisches Begräbnis auf dem Friedhof Wohlen zuteil. Aber am Sterbebett wollte Gertrud Heinzelmann, die so gerne Priesterin geworden wäre, keinen Priester haben.

Josef Lang

Josef Lang ist Historiker und Nationalrat. Er wohnt in Bern und ist ebenfalls ein gebürtiger Freiämtler.

 

Buchhinweis:
Barbara Kopp, Die Unbeirrbare. Wie Gertrud Heinzelmann den Papst und die Schweiz das Fürchten lehrte, Limmat Verlag 2003, Fr. 39.–

 

 

 

21. Februar 2018
erstellt von «pfarrblatt»
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