Abbé Christian Schaller, Pfarrer der Paroisse de langue française Bern, wird am 28. Januar zusätzlich als Pfarrer der Pfarrei Dreifaltigkeit installiert. Ein Gespräch über Gastfreundschaft, Priestersein und Phantasie. Foto: Pia Neuenschwander

Die Prairie-Gemeinschaft machts vor: direkte Begegnung statt Papier. Bild: Pia Neuenschwander

Gastfreundschaft als Leitmotiv

Abbé Christian Schaller übernimmt am 28. Januar die Leitung der beiden Pfarreien Paroisse und Dreifaltigkeit Bern. Das «pfarr­blatt» traf ihn vor der offiziellen Amtsein­führung zum Gespräch.


«pfarrblatt»: Wie ist es, Priester in dieser Kirche, in dieser Welt zu sein?

Christian Schaller: Mir geht es sehr gut dabei. Die Welt sieht nicht so rosig aus, und man be­gegnet einigen Geschehnissen, die nicht toll sind. Mit dem ist jeder Mensch, jeder Journa­list, konfrontiert. Es gibt in der Kirche Refor­mationsbedürfnisse. Es gibt in der Kirche aber auch Bedürfnisse von Bekehrung. Bevor man die Welt verändern will, muss man sich selber ändern. Da habe ich selbst noch viel zu tun.

Wie fanden Sie zum Glauben und zum Priestersein?
Ich wollte schon als dreijähriges Kind Priester werden. Der Wunsch ist mir praktisch in die Wie­ge gelegt worden, warum weiss ich nicht. Mei­ne Eltern waren zwar gläubig, aber keine eifri­gen Gottesdienstbesucher. Ich musste nie um einen anderen Berufswunsch ringen. Allerdings musste ich mich ziemlich anstrengen in der Schule und während des Studiums. Ich wuchs in Tavannes auf und lernte später bei den Benedik­tinern in Engelberg die deutsche Sprache.  

Ein Ordenseintritt war kein Thema?
Jein – Ich war von Anfang an auf Seelsorge fi­xiert. Ich bin nicht der Mönchstyp, der sich zu­rückzieht und seinen Glauben in einer kleine­ren Gemeinschaft leben will. Ich wollte und will in der Welt wirken. Wie reagierten Ihre Mitschülerinnen und Mitschüler damals auf Ihren Wunsch, Priester zu werden?Weil ich von klein auf davon sprach, erstaunte meine Entscheidung eigentlich niemanden. Ungefähr mit 15 hatte ich eine Freundin und als es ernst wurde, hat sie sich dann für einen anderen Freund entschieden. Sie sagte aber, wenn der Christian mal Pfarrer wird, soll er uns verheiraten. 13 Jahre später, ich war frischge­backener Priester, kam ein Anruf, ob ich jetzt bereit wäre, sie zu verheiraten. Das habe ich dann gemacht.

Sie sind Priester, Domherr, Pfarrer – wer ist der Mensch hinter diesen Rollen?
Der Mensch dahinter ist ein Suchender. Ein Mensch, der ein grosses Vertrauen empfindet und dieses Vertrauen auch in den Mitmen­schen nicht verlieren möchte. Und was bin ich noch? (Überlegt). Ich bin hilfsbereit und ich er­achte die Gastfreundschaft als etwas Zentrales.

Kochen Sie deshalb gern?
Ich komme aus einer Familie, die einen Gast­hof führt, und das seit mehreren Generatio­nen. Es liegt mir also im Blut, das Wirten. Ich habe auch als junger Priester einige Sommer im elterlichen Betrieb gearbeitet, damit mei­ne Mutter und die Geschwister Ferien machen konnten. Meinen Vater verlor ich leider mit dreizehn Jahren.  

Sie haben nun drei Jahre als Leitender Priester das Dekanat Bern mitgeleitet. Was für ein Kirchenbild leben die Berner Pfarreien?
Als Externer war das am Anfang nicht ganz einfach. Nach drei Jahren in der Leitung fällt mir auf, dass viel Papier produziert wird. Ich fragte mich manchmal, wo ist Platz für den Heiligen Geist. Die Strukturierung ist auch ein Gewinn, gewiss. Aber wir sind mit der Struktur so beschäftigt, dass der Inhalt etwas zu kurz kommt. Ich wünschte mir, dass der Mensch di­rekt mehr Gewicht bekommt. Vor Ort, in den Pfarreien, ist der Heilige Geist lebendig. Des­halb braucht es vielleicht die Strukturdiskussion, damit vor Ort dann der Inhalt gelebt wer­den kann.

Als Domherr beraten sie den Bischof. Was beinhaltet diese Aufgabe?
Der Domherr vertritt eine Region, hier also den Kanton Bern gegenüber dem Bistum, und das Bistum gegenüber dem Kanton. Wir bera­ten den Bischof und unterstützen den Bischof in seinem Auftrag, die Firmung zu spenden. Ich bin viel unterwegs im Kanton und spende die Firmung. Und wenn eine Bischofswahl an­steht, wählt das Gremium der Domherren, das Domkapitel, den neuen Bischof.

Sie übernehmen nun zwei wichtige Pfarreien, die Paroisse, die sie schon geleitet haben, und jetzt neu die Dreifaligkeitspfarrei. Was hat Sie gereizt, diese gemeinsame Leitung zu übernehmen?
Das hat mit Reiz nichts zu tun. Der Bischof fand mich geeignet, diese Aufgabe zu überneh­men. Es handelt sich also um eine Berufung. Ich versuche nun mit meinen Kräften und mit meinem ganzen Willen auf diese Berufung eine Antwort zu geben. Apropos Reiz: nie­mand wünscht sich doch Mehrarbeit und mehr Stress, einfach so (schmunzelt).

Und doch mussten Sie sich ja entscheiden, zwischen der Aufgabe als Leitender Priester im Dekanat und der gemeinsamen Leitung der Paroisse und der Dreifaltigkeit.
Ich habe meine Aufgabe als Leitender Priester gern gemacht. Tatsache ist, dass ich als Lei­tender Priester kaum Kontakt mit der Basis, mit den Pfarreien und Pastoralräumen hatte. Es gab viele administrative Aufgaben zu erfül­len, die Seelsorge kam zu kurz. Leitung ist für mich aber Begegnung, mit den Menschen un­terwegs zu sein.  

Die Pfarrei Dreifaltigkeit ist auch im Internet präsent. Da überwiegen die Berichte über das Pfarreileben, die Kultur, Karwochenpredigten. Wenig findet sich über soziales und politisches Engagement im Sinne des Reiches Gottes.
Unser ganzer Auftritt muss überarbeitet wer­den. Es fehlt tatsächlich das grosse soziale An­gebot der Pfarrei. Hier leistet die Pfarrei sehr viel. Wir würden alle mehr gewinnen, wenn wir darüber auch berichten, das Engagement zei­gen. Das soll sich ändern. Mit unseren Sprach­kursen, Seniorenarbeit, unserem Engagement in verschiedenen Projekten wie zum Beispiel der Prairie, setzen wir auch durchaus politi­sche Signale und zeigen Haltung. Allerdings braucht die ganze Berner Kirche im Bereich Soziales und Diakonie noch etwas mehr Phan­tasie. Wir dürfen nicht stehen bleiben. Laut Caritas Schweiz lebt jedes zwanzigste Kind in diesem Land in der Armut. Was tun wir konkret dagegen? Es braucht die direkte Begegnung mit den Betroffenen, nicht nur Papiere oder Geldspenden. Dann zeigt es sich, was wir kon­kret tun sollen.

Was wäre Ihr Impuls als Pfarrer der beiden Pfarreien dazu?
Die Pfarrei Dreifaltigkeit ist eine alte Dame. Eine ehrwürdige alte Dame, die mit den Jah­ren Runzeln bekam, aber durchaus für die Ka­tholiken und die ganze Stadt Bern eine wichti­ge Stimme ist. Als alte Dame soll sie sich nicht um ihre Runzeln kümmern, sondern um die Menschen, die aktuell hier leben, und um die kommenden Generationen.  

Dieses Jahr gedenken die Reformierten 500 Jahre Reformation. Wie stehen Sie zum Jubiläum?
Da halte ich es mit dem ersten katholischen Pfarrer von Bern, Grégoire Girard, der um 1800 im reformierten Berner Münster die Messe le­sen durfte. Er schrieb einmal: «Ich sehne mich danach, dass die Mauer der Trennung bald fällt, und dass wir eines Tages am selben Tisch feiern können.» Und er verwies auf eine gros­se Gefahr: «Ich befürchte, dass wir uns an die Trennung gewöhnen.» Allerdings finde ich hier in Bern das Reformationsjahr etwas schwierig. Die Reformation fand in Bern ja nicht 1517 statt, sondern 1528. Das Jubiläum ist ein Lutherjubiläum. Es ist eine Chance der Begegnung, ja, es ist aber ein Erinnerungsfest für die Reformierten. Und es ist nicht nur ein Jubeljahr, nein, auch eine Erinnerung an die gegenseitigen Verletzungen, die über 500 Jahre gegenseitig zugefügt wurden. Das Ju­biläumsjahr soll dazu dienen, die Wunden zu heilen.

In den Berner Medien haben Sie als Reaktion auf die Ergebnisse der Familiensynoden im Vatikan gesagt, die Berner Kirche lebe nicht nach dem Buchstaben des Kirchenrechts, sondern hole die Menschen auf seelsorgerliche Weise in ihren konkreten Lebenssituationen ab. Was heisst das?
Wir haben mit Menschen zu tun, mit ihren kon­kreten Biographien. Diese Menschen wollen wir, so wie sie sind, willkommen heissen, mit ihnen etwas teilen. Ohne Vorurteile wollen wir ihnen gastfreundlich begegnen. Nicht der Buchstabe des Kirchenrechts soll über sie ent scheiden, sondern die Seelsorge in der kon­kreten Situation.

Für wiederverheirate Geschiedene, Frauen, die sich zur Priesterin berufen fühlen und für gleichgeschlechtliche Paare ist es nach wie vor in der Kirche schwierig.
Das stimmt. Das kann ich nicht ändern. Aber ich bin der Meinung, dass wir mit diesen Men­schen unterwegs bleiben sollen und dass un­sere Kirche weiterhin Angebote suchen soll, mit denen sie den Menschen gerecht werden kann. Eine Feier für gleichgeschlechtliche Paa­re zum Beispiel finde ich wichtig. Da ist sicher Nachholbedarf.  

Warum sind diese Reformblockaden so hartnäckig?
Ich antworte mit einer kleinen Episode aus meinen Leben. Die Kirche sagt in der Frauen­frage, weil Jesus ein Mann war, gibt es nur Priester. Als Achtjähriger ging ich bei unserem Pfarrer vorbei und fragte ihn, was muss ich tun, um Pfarrer zu werden? Der Pfarrer gab mir eine wunderschöne Antwort: «Du musst wie Jesus sein.» Ich wurde traurig. Ich wusste, Je­sus war ein Einzelkind, ich aber hatte drei Brü­der. Ich konnte also nicht Priester werden. Das hatte mich damals ziemlich deprimiert. Also, was heisst dieses «wie» wirklich? Das be­schränkt sich sicher nicht auf das Geschlecht. Dieses «wie Jesus zu sein» ist viel mehr als Mann oder Frau zu sein. Das ist mir zentral wichtig geblieben.  

Gibt es eine Bibelstelle oder eine Erzählung aus den Evangelien, die Ihnen für die neue Aufgabe besonders Kraft gibt, oder sich wie ein Motto für Ihr Handeln lesen lässt?
Es gibt tatsächlich einen Satz, der mir wichtig ist. Ein Wort Jesu: «Gebt ihr ihnen zu essen.»

Abbé Christian, herzlichen Dank für das Gespräch.

Interview Jürg Meienberg

Pfarrinstallation von Abbé Christian Schaller
Am 28. Januar, 16.30, Kirche Dreifaltigkeit Bern, mit offizieller Amtseinsetzung durch Arno Stadelmann, Bischofsvikar. Predigt Abbé Christian Schaller. Anschliessend Zusammensein in der Salle paroissiale, Sulgeneckstrasse 13 beim Apéro riche.

 

 

25. Januar 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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