«... wird unser Menschsein liebenswert.» Foto: iStock/suteishi

Gott kam nicht als Tourist

Mehrere Jahre lebte ich in einem Indio-Dorf in der Nähe von Cochabamba, Bolivien. Gemäss den Ordensregeln der «Kleinen Brüder vom Evangelium» bemühte ich mich, das Leben der einfachen Leute zu teilen. Unsere Nachbarn hatten Kühe, und ich kaufte ihnen Milch ab, um daraus Joghurt herzustellen. Dann zog ich mit einer Kühlbox über den grossen Indiomarkt von Cochabamba, um den Joghurt zu verkaufen.

Eines Tages kam mein Bruder zu Besuch. Ich wollte ihm auch meinen «Arbeitsplatz» zeigen, und so liefen wir zu zweit durch Cochabamba. Doch es war anders als sonst. Jetzt kamen zerlumpte Indios auf uns zu, um uns anzubetteln. Mit einem Schlag wurde mir klar: Zwei Weisse, noch dazu mit einer Fototasche ausgerüstet, waren als Touristen erkennbar – und wurden entsprechend behandelt. Vorher war ich immer mit meiner Joghurtkiste unterwegs gewesen und somit für die Indios einer von ihnen. Man bettelte mich nicht an, weil klar war, dass ich als Strassenverkäufer auch nicht viel verdiente.

Durch dieses Erlebnis ging mir auf: Gott ist in Jesus Christus zu uns gekommen und hat uns besucht – aber nicht als Tourist. Wer sich für einen anderen Menschen interessiert und ihn oder sie lieben lernt, will die Wohnung des andern nicht nur besichtigen. Die Liebende will beim Geliebten wohnen und dessen Leben und Alltag teilen. Weil Gott die Freundschaft des Menschen sucht, wird er einer von uns. In Jesus von Nazareth teilt Gott unsere Lebensbedingungen: Glück und Misslingen, Feste und Abschiede, Krankheit und Tod.

Gott hat in Jesus die menschliche Lebenswirklichkeit gewählt und bejaht. Der Mut Gottes, ein Mensch zu werden, kann Ermutigung sein, unser Leben mit all seinen Fasern zu bejahen. Weil Gott Mensch geworden ist aus Liebe zu uns, wird unser Menschsein liebenswert. Unser Leben mit seinen Höhen oder Tiefen und selbst mit seinen Abgründen wird zu einem Ort, an dem Gott zu uns sagt: «Ich bin da in allem, was dir begegnet. Und ich bleibe bei dir – egal, was passiert.»

 

 

 

Andreas Knapp
… gehört der Ordensgemeinschaft
«Kleine Brüder vom Evangelium » an.
In Leipzig engagiert er sich in der Flüchtlingsarbeit und Gefängnisseelsorge.

Illustration: schlorian

 

 

 

«Wir nehmen uns die Zeit» im Überblick

10. Juli 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 15
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