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Grossartige Bekehrung

 Wir sind unterwegs ins Tessin, via Domodossola - Centovalli - Intragna! Da steigen wir aus, begrüssen die Sonne, satteln den Rucksack und hinauf geht es Richtung Costa und Ögna. In der Gegend habe ich vor langer Zeit bei einem Bio-Kräuterbauern gearbeitet und habe mit ihm an Sonntagen die Hügel durchwandert. Wir durchstreifen über einen steilen Weg dunkle Kastanienwälder im Zickzack. Ich pflücke mal da und dort eine Erinnerung. Verlassene Steinmauern, im Quadrat angelegt, lassen uns ein ehemaliges Rustico vermuten. Im jungen Birken- und Ahornwald entdecken wir Terrassen, welche vor langer Zeit noch dem Gemüseanbau mit mässiger Ernte gedient haben. Wir lassen die Vergangenheit aufleben, um sie auf die Gegenwart prallen zu lassen. 

M: ... und jetzt arbeitest du bei der katholischen Kirche! 
P: Mir wäre Kräuterpflücken manchmal lieber. 
M: Davon kannst du nicht leben. Jetzt hast du immerhin einen tollen Job mit zweifelhaftem Inhalt. 
P: Was zweifelhaft? 
M: Die Vermittlung dieses ganzen Kultes. Der Papst, die Heiligen, die Maria! Die katholische Kirche sitzt im magischen Zeitalter fest. Die Aufklärung ist an ihr vorbeigedonnert und hat sie verpasst. 
P: Ich habe die Heiligen schätzen gelernt. Die haben spannende Biografien, prall gefüllt mit Lebensfragen! 
M: Aber diese Maria - als Mutter Gottes bezeichnet ihr diese. Und dann dieser Kult. Jungfrau Maria - Maria Himmelfahrt. Die Wallfahrten: Lourdes, Medjugorje! Wer kann daran schon glauben? Ewiggestrige! Ich schweige. Der Weg macht eine Biegung und wir stehen vor einer kleinen, offenen Kapelle. Darin eine Statue der Mutter Gottes mit dem Jesuskind im Arm. Davor eine aufgeschnittene Bierbüchse mit der Aufschrift "Löwenbräu", darin einige gelbblühende Blumen. Ein wenig betreten stehen wir davor. Wir bemerken, dass wir beide die Hände gefaltet haben. Peinlich berührt schauen wir uns an. 
M: Da ist sie ja! 
P: Ja, da ist sie. Die Leute verehren sie hier. 
M: Blumen in der Bierbüchse? 
P: Wahre Korrelation: Verbindung von Profanem und Heiligem. 
M: Was meinst du? 
P: Bayrisches Reinheitsgebot kombiniert mit Blumen aus dem Felde als Zeichen der Marienverehrung. Alltag in Kombination mit Göttlichem! 
M: Ach so. 

Nach einer halben Stunde sitzen wir im Grotto. Wir haben Coniglio mit Polenta bestellt. Das Boccalino randvoll mit Hauswein gefüllt bringt uns der Besitzer. Bald darauf wird uns auch das Mittagessen serviert. Wir stossen an auf den prächtigen Tag. Das Coniglio ist eine Götterspeise. Die Polenta kann nur hier so schmecken. Wir sind voll von Lob und Begeisterung. Himmel auf Erden, im Augenblick verdichtet. M. geht hinein auf die Toilette. Nach einiger Zeit kommt er hinaus mit leuchtenden Augen. 

P: Was ist denn mit dir geschehen? 
M: Ich hab sie gesehen!
P: Wen? 
M: Die Mutter Gottes! 
P: Nochmals eine Kapelle? 
M: Nein, Tessiner Blut kombiniert mit einer grossartigen Kochkunst! Sie heisst Maria, die Köchin, und sie kocht so, dass Gott gerne ihr Mann wäre. 
P: Haha. Da magst du Recht haben! Du hast eine grossartige Bekehrung erlebt! Ein aufgeklärter Geist wird vom Heiligen erfasst und erlebt Magie pur. Gott sei Dank! 
M: Gegrüsst seist du Maria, voll der Gnaden. 
P: Amen. 

Und wir fragen uns, während wir über Wiesen Richtung Tal hinuntersteigen, welchen weiteren wundersamen Heiligen wir noch begegnen und welche magischen Erlebnisse unser Leben erfüllen werden! 

Patrik Böhler, Religionspädagoge, Erwachsenenbildner, Mitarbeiter der Fachstelle Religionspädagogik, lebt in Bern. Autorenportraits

12. April 2012