Frau mit Aschekreuz auf der Stirn nach dem Besuch des Aschermittwoch-Gottesdienstes, Dublin, Irland. Foto: David Farrell

Als Zeichen menschlicher Sterblichkeit wird den Gläubigen im Gottesdienst Asche auf den Kopf gestreut oder mit Asche ein Kreuz auf die Stirn gemalt. Foto: David Farrel

Als Zeichen menschlicher Sterblichkeit wird den Gläubigen im Gottesdienst Asche auf den Kopf gestreut oder mit Asche ein Kreuz auf die Stirn gemalt. Foto: David Farrel

Hand aufs Herz – Asche aufs Haupt

«Sündigen mit Herz», das könnte der Titel einer Schokoladenwerbung sein: Er schenkt ihr Rosen und Pralinen. Oder: sie streckt ihm verführerisch eine Tafel Schokolade hin, 70 Prozent Kakaoanteil. Die intime Variante der Sünde? Nein, unschuldig.

Eine öffentliche Variante offenbarte die Bankenkrise: Spekulanten sündigten (alle?). Der globalisierte Markt überschreitet die Grenzen zur Kapital-Sünde. Öko-Sünden wiederum verüben alle: Einzelne, Konzerne, Nationen. Sünde an Kindern und Kindeskindern.

Hand aufs Herz: Kleine, erlebnisreiche Sünden, wer kennt die nicht? Und die harmlosen Steuersünden, wer konnte immer widerstehen? Also Asche aufs Haupt! Und wie wäre das real? Mit echter grauer Asche? Am Aschermittwoch, meist am Abend, wäre das in katholischen, manchmal auch in ökumenischen Gottesdiensten möglich. Menschen gehen anders aus der Kirche heraus als hinein. Augenscheinlich, wenn sie die Asche nicht vom Haupt geschüttelt oder das Kreuz abgewischt haben.

Herzen zerreissen

Asche ist Zeichen menschlicher Sterblichkeit. Sie ist staubähnlich. Dem Staub gleicht der Mensch nach seiner ersten und gravierendsten Sünde, zum Staub muss er deshalb zurückkehren (vgl. Gen 3,19). Das hat sich durch Abdankungen eingeprägt. Wird am Aschermittwoch die Asche über die Haare gestreut oder ein Aschenkreuz auf die Stirn gezeichnet, dann heisst es dazu: «Bedenke Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst.» Das Aschenkreuz ist Mittel gegen Todesverdrängung.

Das Haupt mit Asche zu bestreuen war schon in vorchristlicher Zeit ein Zeichen der Klage. Das Zerreissen der Kleider gehörte dazu. In Sack und Asche gehen. Fasten, weinen, Busse tun. Das darf nicht äusserlich bleiben: «Zerreisst eure Herzen, nicht eure Kleider, und kehrt um zum Herrn, eurem Gott! Denn er ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Güte» (Joel 2,13, am Aschermittwoch). Es geht um die Erneuerung der Gottesbeziehung. Umkehr als Rückkehr zu einvernehmlicher Gemeinschaft. Sünde als Beziehungsstörung zwischen Gott und den Menschen. In der Mediengesellschaft kennt man das nicht.

Beziehungspflege

Weil dieser Gott Beziehungen zu allen Menschen pflegt, zieht diese Störung allerlei Querelen und Quälereien im Zwischenmenschlichen nach sich. Hand aufs Herz: Das muss doch nicht sein. Dann lieber Asche aufs Haupt. Versöhnung mit Gott ist möglich und das zieht zwischenmenschliche Versöhnung nach sich. Einfach ist das nicht, und dennoch: «Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade; jetzt ist er da, der Tag der Rettung» (2 Kor 6,2). Hoffnung auf Versöhnung mit Gott – bis heute, deshalb gehören diese Worte zum Aschermittwoch.

Obwohl bei Paulus nichts von Asche und zerrissenen Kleidern erzählt wird. Von Gewändern hören wir im 7. Jahrhundert, noch später kam ein Aschenritus hinzu. Am Mittwoch vor dem 1. Fastensonntag erhielten die öffentlichen Büsser raue Gewänder. Sie wurden aus der Kirche gejagt und vom Gottesdienst ausgeschlossen. Aschermittwoch mit unangenehmen Folgen. Jeder konnte sehen, wer gesündigt hatte. Wie peinlich. Ungenaues bei der Steuererklärung bleibt unbemerkt. Das ist doch zeitgemässer, oder? Obwohl beides die Gemeinschaft betrifft.

Kurz vor Ostern wurden die öffentlichen Büsser wieder in die Gemeinschaft aufgenommen. In der Liturgie konnten sie ihre Gottesbeziehung erneut zusammen mit allen leben. Und wie ist das heute für Manager mit Kapital- Sünden? Ex-Kommunikation durch vorzeitige Pensionierung mit hoher Abfindung? – Als die öffentliche Busse Einzelner verschwand, blieb die Aschenauflegung, und zwar für alle Gläubigen. Vielleicht ist das eine Antwort.

Nur ein Anfang

«Segne alle, die gekommen sind, das Aschekreuz zu empfangen» – Das steht im Gebet über die Asche. Das Aschenkreuz auf der Stirn erinnert an Sterben und Tod. Es weist den Weg der Umkehr und Busse und nicht auf einen Laufsteg oder Trainingspfad. Es zielt auf eine erneuerte Beziehung zwischen Gott und dem Menschen und natürlich der Menschen untereinander. Der Aschermittwoch ist Fasten- und Abstinenztag. Das widerspricht jedem «man gönnt sich ja sonst nichts». Ein Unterbruch von alltäglichen Kompensationen und kleinen Süchten. Bedürftigkeit wird sichtbar. In einem reichen Land. Das sollte tätige Solidarität mit Armen und Bedürftigen nach sich ziehen. Abstinenz, Enthaltsamkeit: Mahnt sie, sich der kleinen Lebenslügen zu enthalten? Kurz und gut: Der Aschermittwoch kann nur ein Anfang sein. Um da weiterzukommen braucht es 40 Tage. Bis Ostern. Mindestens. Und Gottes Segen, für alle, die gekommen sind, das Aschenkreuz zu empfangen.

Gunda Brüske, Theologin, Liturgisches Institut der deutschsprachigen Schweiz, Fribourg


(Anmerkung: Dieser Beitrag erschien in der Nr. 10/2011)

 

 

17. Februar 2021
erstellt von «pfarrblatt»
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