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Hauptsache gesund?

«Hauptsache, du bist gesund.» Immer wieder hört man diesen Satz, bei allen möglichen Gelegenheiten. Eine Patientin hat mich darauf hingewiesen. Für die schwer kranke Frau war dieser Satz eine zusätzliche Kränkung, und im eindrücklichen Gespräch konnte sie ihn widerlegen.

Wir haben uns unter anderem über die Heilung eines Gelähmten, wie sie in Markus 2 überliefert ist, unterhalten. Den Ertrag aus unserer Beschäftigung mit dieser Geschichte versuche ich hier zusammenzufassen: Für diese Geschichte einer Heilung braucht es die vier Menschen, die den Gelähmten tragen. Hartnäckig und aufdringlich bahnen sie dem Gelähmten einen Weg zu Jesus. Im Leiden gibt es einen Punkt, wo wir wie gelähmt sind, wo wir auf andere angewiesen sind.

Es gibt Situationen, wo Menschen nicht mehr selber glauben, hoffen und aktiv sein können, zu fest sind sie in einem Tief, so gelähmt, dass sie einen ersten Schritt zur Heilung nicht machen können. Es bringt nichts, ihnen sagen zu wollen: Du musst nur an dich glauben, du darfst dich nicht gehen lassen, du darfst die Hoffnung nicht aufgeben. Denn gerade das macht ja die Tiefe ihrer Not aus, dass sie das nicht mehr können. Sie brauchen Menschen, die jetzt stellvertretend für sie glauben und hoffen, für sie Hand anlegen, sie mit ihren Armen, ihrem Glauben und Hoffen durch dieses Tief tragen.

«Mein Kind, dir sind deine Sünden vergeben.» Das ist das Erste, das Jesus sagt, als er einen gelähmten, einen behinderten Mann vor sich auf der Bahre sieht. Das ist allerdings ein befremdender Empfang eines kranken und hilflosen Mannes.

Jesus sieht nicht bloss die schlaffen Arme und Beine, er sieht den Menschen noch in einer viel tieferen Lähmung. Der Gelähmte ist natürlich nicht schuldiger als sonst irgendwer. Aber Jesus scheint da eine lähmende Angst entdeckt zu haben. Das Gefühl: Ich bin nichts wert. Mit diesem Gefühl zieht man sich zurück und wagt gar nicht mehr richtig zu leben. (Man hat ja die Hauptsache nicht …). Jesus spricht von dem, was uns klein und kleinlich macht, und sicher spricht er auch von dem, was uns hindert, uns auf Gott auszurichten. Und da räumt Jesus all dies aus dem Weg. Spricht den Gelähmten frei. Zwischen dir und mir, zwischen dir und Gott, steht nichts im Weg. Was auch immer ihn gelähmt haben mag, Jesus befreit ihn von dem, was ihn lähmt. Er sagt zu ihm: «Ich sage dir, steh auf, nimm deine Bahre und geh nach Hause! Und der stand auf, nahm sogleich die Bahre und ging vor aller Augen hinaus.»

Staunend haben wir festgestellt, dass mit keinem Wort gesagt wird, dass der Gelähmte nun gesund geworden sei. Die Patientin resümierte: Heil sein betrifft nicht das Wiederherstellen der Gesundheit. Heil sein heisst, mit sich und seiner Situation, wie sie auch sein mag, im Reinen zu sein. Die Gesundheit ist eben nicht das einzige Kriterium für ein erfülltes Leben. Eben nicht die Hauptsache. Unsere Beziehungen sind es, die uns durchs Leben tragen, was auch immer das Leben bringt.

Pfarrer Kaspar Junker, ref. Seelsorger

Kolumnen aus der Inselspitalseelsorge im Überblick

4. März 2020
erstellt von «pgfarrblatt» Nr. 6
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