Herbst in den Rebbergen oberhalb des Lac Léman. Foto: Maku Kuma, unsplash.com

Herbsttag

Unterwegs im Lavaux: Ein wolkenloser Herbsttag, die Sonne scheint vom Himmel, der See widerspiegelt ihren Glanz. Farbenprächtig leuchten die Blätter an den Bäumen, sanft weht ein Wind Kühlung zu.

«Herr: Es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren lass die Winde los.»

Saftige Weintrauben verraten, dass da ein ganz besonderer Jahrgang heranwächst. Die Äste der Obstbäume sind voll behangen mit Äpfeln, Birnen und Zwetschgen.

«Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; gib ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süsse in den schweren Wein.»

Diese paradiesische Fülle gibt uns einen Vorgeschmack auf die Vollendung «am Ende der Tage». Und doch ist da ein Hauch von Vergänglichkeit. Die Blätter wehen vom Baum zu Boden. Die Früchte fallen von den Bäumen. Melancholie kommt auf. Ist denn alles Schöne nur auf Zeit? Kann denn der wunderbare Augenblick nicht ewig dauern? Eine Vorahnung von Winter, Kälte, Einsamkeit, Tod.

«Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.»

Und doch ist da die Sehnsucht im Menschen nach ewiger Schönheit, nach ewiger Vollendung. Nach Verschmelzung unserer irdischen mit der «himmlischen» Welt. Nach der ewigen Gegenwart. Wir nennen sie Gott.

 

 

Ariane Piller
… ist Pianistin, Organistin, Kantorin, Chorleiterin und Musiklehrerin in und um Bern. Auftritte führen sie quer durch Europa.
Illustration: schlorian


Zitate aus dem Gedicht «Herbsttag» von Rainer Maria Rilke (1875–1926)

 

 

«Wir nehmen uns die Zeit» im Überblick

 

 

2. Oktober 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 21
  • Pfarrblatt / Angelus
  • Spirituelles