Christine Lather verkörpert Silja Walter. Foto: zVg

Herzblut für Silja Walter

Die Schweizer Benediktinerin Silja Walter hat über 60 literarische Werke veröffentlicht. Aus ihrer Lyrik und autobiografischem Material hat die Schauspielerin Christine Lather einen Theatermonolog geschaffen. Zusammen mit dem Pianisten Felix Huber vergegenwärtigt sie das Leben und Denken dieser Ordensfrau. Ein Interview über die Entstehung dieses Bühnenstücks.

Interview: Anouk Hiedl

«pfarrblatt»: Wie sind Sie auf Silja Walter gestossen?

Christine Lather: Ich arbeite mit jungen Schauspieler*innen an ihrer Sprache. Sie wählen die Texte dafür selber aus. Einer war magisch – jemandem, der so schreibt, musste ich nachgehen. Die Autorin war Silja Walter. Ihre Lyrik hat sich mir erst nicht erschlossen. So habe ich ihre Prosa gelesen, eine Mischung aus Autobiografie und Roman. Ich fand es unglaublich spannend, dass sie mit 29 in ein geschlossenes Kloster geht, um ihre Spiritualität und ihre Beziehung zu Gott zu erforschen. Um sich dieser Suche ganz zu widmen, hat sie alles andere ausgeschlossen. Auf dieser Spur ist sie bis zu ihrem Tod geblieben. Daraus wollte ich unbedingt ein Stück machen.

Siljas Sprache ist so theatergeeignet, dass ich die Sätze aus ihren Werken herausheben konnte. Eigentlich habe nicht ich unser Stück geschrieben, sondern sie. Meine grosse Herausforderung war, das Richtige herauszunehmen, damit etwas Ganzes entsteht. Ihre Gedichte versteht man erst richtig, wenn man ihr Leben kennt. Im Lyrikband «Erste Gedichte» vor ihrer Klosterzeit spricht sie noch nicht mit Gott. Später redet sie ihn oft als Geliebten an oder spricht vom «Absoluten». Sie sucht nach einer immer neuen Sprache. Darin ist Silja Walter eine absolute Vorreiterin.

Wie sind Sie es angegangen, Silja Walters Spannungsfeld zwischen Glauben, Disziplin und künstlerischem Schaffen auf die Bühne zu bringen?

Meine Recherche zu Silja Walter hat mich auf eine intensive Forschungsreise geführt. Ich habe viel gelesen. In der Klausur hatte Silja erst gar nichts mehr. Das konnte ich mir schwer vorstellen. Die Priorin gewährte ihr nicht einmal den Katechismus und dachte, Silja trete wieder aus. Doch ihre Beziehung zum Absoluten war ihr alles. Im Kloster konnte sie sich auf dieses Wesentliche konzentrieren. Ich war zwei Wochen im Kloster Fahr, wo Silja 63 Jahre verbracht hat. Es ging mir dort sehr gut, und nach einer Woche konnte ich mir vorstellen, warum sie dortgeblieben ist: Noch nie habe ich Menschen mit so viel Liebe zum Leben getroffen. Als das Stück fertig war, habe ich es zuallererst der Priorin des Klosters Fahr vorgelesen, ihr ganz allein. Ohne ihr O. K. wäre das Stück nicht auf die Bühne gekommen.

Wie reagiert das Publikum bei Ihren Aufführungen?

Die Stimmung ist immer intensiv, dicht, nahe und konzentriert. Es macht dem Publikum und mir Freude, dass Siljas Texte so zum Blühen kommen. Die Zuschauer*innen können sich ein Bild von dieser Frau machen und sie erleben. Danach höre ich oft, dass sie jetzt begreifen, wer sie war. Das war ja auch mein Einstieg – ich wollte wissen, wer dieser Mensch ist. Aufführungen in Frauenklöstern geben den Nonnen dort etwas. Sie sehen, dass ihr Ordensleben etwas Wertvolles ist, das auf die Bühne gebracht und geschätzt wird.

«Ich habe den Himmel gegessen»: Warum dieser Stücktitel?

Ich finde diese Gedichtzeile typisch für Silja. Sie ist irritierend und schön. Das hat mir gefallen.

Wie schmeckt der Himmel, wenn Sie in Siljas Haut schlüpfen?

Auf der Bühne gibt man alles Eigene, was zur Verfügung steht, um die Figur durch ihre Worte zu erleben. Siljas Himmel ist äusserst faszinierend und berührt mich ganz in der Tiefe.

Was ist der Himmel für Sie?

Ich gehe dem mehr nach, was in den Zwischenräumen ist. Ich bin hellhöriger geworden, habe einen achten Sinn entwickelt. Auch da hat Silja Walter eine Spur eröffnet. Viele haben das Bedürfnis, hinter dieses Leben zu sehen. Mit ihrer Sprache ist Silja da näher dran.

 


«Ich habe den Himmel gegessen».
Eine Reise ins Innere von Silja Walter
Freitag, 13. März, 19.30, Pfarrei Guthirt, Obere Zollgasse 31, Ostermundigen Kollekte, danach Apéro.
Weitere Infos: www.himmelgegessen.ch

 

Silja Walter (1919-2011) war die zweite von acht Töchtern des Verlegers, Schriftstellers und Nationalrats Otto Walter und Schwester des Schriftstellers Otto F. Walter. Ihr Literaturstudium in Freiburg und Basel musste sie aus gesundheitlichen Gründen abbrechen. 1944 veröffentlichte sie erste Gedichte und trat 1948 ins Kloster Fahr ein. 1949 legte sie ihre ersten Gelübde ab und erhielt den Ordensnamen Schwester Maria Hedwig. Zu Silja Walters über 60 Werken gehören Gedichte, Mysterienspiele, Theaterstücke und ihre Autobiografie «Das dreifarbene Meer». Sie starb mit 91 Jahren im Kloster Fahr. Ein Teil ihres Nachlasses befindet sich im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern.

Links

www.siljawalter.ch

Der Tanz des Gehorsams. Ein Porträt der Ordensfrau Silja Walter. Radio Bayern 2, 16. Februar 2020.

Tanzen heisst auferstehen. Zum 100. Geburtstag der Dichterin Silja Walter am 23. April, von Beatrice Eichmann-Leutenegger, «pfarrblatt» Nr. 9/2019.

Buchtipps

Das dreifarbene Meer. Meine Heilsgeschichte – eine Biografie, Paulus-Verlag, 176 S. CHF 17.90.
Die Beichte im Zeichen des Fisches. Ein geistliches Tagebuch, Topos Verlag, 205 S., CHF 15.00.
Tanzen heisst auferstehen. Letztes Tagebuch, Topos Verlag, 72 S., CHF 14.50.
Lauter Licht. Ein Fasten- und Osterbegleiter, Wolitz, Ulrike (Hg.), Paulus-Verlag, 144 S., CHF 23.90

3. März 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 6
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