Dialog mit der Welt. Die Gewänder der Minis (Alben) in der Messehalle in Thun. Foto: kr

Bunt und vielfältig. Die heutige Kirche ist definiert durch eine Vielfalt der Kulturen, Traditionen und Völker. Sie alle bilden eine Gemeinschaft, wie hier an der 125-Jahr-Feier in Thun. Foto: Pia Gadenz

Heute noch relevant?

Am vergangenen Sonntag fand die Jubiläumsfeier «125 Jahre Röm.-kath. Kirche in Thun» statt. Über 1000 Personen feierten in der Thun-Expo. Der Luzerner Kirchenhistoriker Markus Ries hat im Vorfeld in Thun referiert. Ein solches Jubiläum würde dazu herausfordern, «die Zeit seit dem Konzil in einem weiteren kirchengeschichtlichen Rückblick ins Auge zu fassen», schreibt er. Er geht den Fragen nach: In welcher Weise hat sich die Situation bei uns verändert? Ist die katholische Kirche heute noch gesellschaftlich relevant?

Von Prof. Markus Ries, Universität Luzern

Ein Hauptkennzeichen der katholischen Kirche bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war die entschlossene Abgrenzung zur übrigen Gesellschaft. Spannung, Streit und schliesslich regelrechte Kulturkämpfe führten zu einer defensiven Haltung. Geistliche wie Gläubige standen allen Arten von Innovationen misstrauisch gegenüber; zahlreiche soziale, politische, ökonomische oder wissenschaftliche Fortschritte lehnten sie offen ab. Sehr ausgeprägt wurde diese Haltung von der kirchlichen Hierarchie vertreten, aber auch grosse Teile der Gläubigen insgesamt teilten die Zurückweisung der Moderne. Je stärker Republik und Demokratie als Staatsformen Verbreitung fanden, desto deutlicher setzte man in der katholischen Kirche auf Monarchie und Papstverehrung; je ausgeprägter die Welt nach der Logik von Naturwissenschaft und Technik gestaltet wurde, desto intensiver verlegte man sich in der katholische Kirche auf übernatürliche Erscheinungen und idealisierte das vergangene Mittelalter. Ausserhalb der eigenen Reihen empfand man dies als Provokation und reagierte mit Ausgrenzung und Ablehnung. Daraus erwuchsen die berühmten Kulturkämpfe, die auch in Thun und im Kanton Bern insgesamt ihre deutlichen Spuren hinterliessen.

Ein neues Verhältnis zur Welt

Mit dem Rücken zur Wand besannen sich die Katholiken und gingen dazu über, die Errungenschaften der Zeit für ihre eigenen Zwecke zu nutzen und die entsprechenden Felder kirchlich zu besetzen: Weltlich-liberalen Schulen, Vereinen und Tagszeitungen setzten sie nach ihren Idealen ausgerichtete Alternativen entgegen und betrieben so einen «Anti- Modernismus mit modernen Mitteln»(Urs Altermatt). Auf diese Weise gelangten sie nach 1920 zu gesellschaftlicher Bedeutung und errangen starke Positionen etwa im Bereich der Politik, der Medien oder der Bildung. Nach wie vor freilich lebte man in erheblicher Distanz zur Moderne und sah sich im Hintertreffen. Die Zeit nach 1950 und besonders das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) führten eine Wende herbei. Auf allen Ebenen begann man in Dialog zu treten mit der Welt und insbesondere mit anderen Konfessionen und anderen Religionen. Für sehr viele Menschen in der katholischen Kirche war dies gleichbedeutend mit der Überwindung alter Gräben und mit der Erschliessung neuer Wege – in ausgeprägter Weise galt dies für die traditionelle Diaspora. Die neu gewonnene Sicht eröffnete viele ermutigende Perspektiven, insbesondere im Bereich der Ökumene. Allerdings machte sie auch jene Institutionen überflüssig, welche bis dahin der Abwehr und der Abschliessung gedient hatten. Katholische Institutionen wie Vereine, Verbände, Tageszeitungen, Internate oder Heime verloren an Bedeutung und mussten geschlossen werden, was viele als schmerzhafte Verluste empfanden.

Veränderung der Religiosität

Die neue Beziehung zur Umwelt betraf auch das Innere der Kirche. Das eigene konfessionelle Profil wirkte nicht mehr in erster Linie unterscheidend, und alsbald verlor es an Bedeutung. Zwischen Reformiert und Katholisch verschwanden die weltanschaulichen und alltagspraktischen Gegensätze, und bald glichen sich auch die Haltungen in religiösen Fragen und in der kirchlichen Praxis einander an. Nach innen verloren die Katholikinnen und Katholiken an Einheit und Geschlossenheit. Eine tief greifende Pluralisierung setzte ein, die eine Studie im Jahr 1993 mit dem Schlagwort «Jede(r) ein Sonderfall» beschrieb. Gesellschaft und Kirche wurden von mächtigen Individualisierungsprozessen erfasst. Eine Pfarrei im 21. Jahrhundert besteht funktional gesehen primär nicht mehr aus Geistlichen und Gläubigen, sondern sie setzt sich zusammen aus Mitgliedern, Anhängerinnen, Sympathisanten und Kunden – eine Vielfalt, die an Seelsorgende hohe Anforderungen stellt und der überkommene pastorale Kategorien nicht mehr gerecht werden.

Betroffen von Veränderungsprozessen waren auch die Religiosität und kirchliche Praxis. Viele der noch vor wenigen Generationen sehr wichtigen Gottesdienstformen wie Bittgänge, Prozessionen oder Beichte verloren an Bedeutung oder verschwanden; andere Formen wie Wallfahrten, Rosenkranzgebet oder Taizé-Gebete wurden in unterschiedlichen Formen spirituelle Profilelemente einzelner Gruppen. Einen eigenen Bereich bilden Gläubige mit Herkunft aus anderen Sprachregionen und Kulturen, denn sie behielten häufig während einer Generation ihre angestammten kirchlichen Prägungen und bewahrten ihre Identitäten. Wie sehr Religiosität selbst sich entwickelte, lässt sich mit Methoden der empirischen Sozialwissenschaft feststellen oder an der Alltagspraxis ablesen. Besonders instruktiv in dieser Hinsicht ist der Umgang mit Sterben und Tod. Was in einer Bevölkerung für wichtig, wahr und konsensfähig gilt, findet seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts sprechenden Ausdruck in den überall entstandenen Gemeinschaftsgräbern auf Friedhöfen. Eine Auseinandersetzung mit deren Gestaltung und Sinngebung zeigt, dass die Haltung zu Leben und Tod, zu Werden und Vergehen, zu Leib und Seele, deutliche Verschiebungen erfahren hat. Fast ausnahmslos werden Symbole verwendet, die nur mit Hilfe von Interpretationen verständlich sind und die nicht für sich selbst sprechen.

Kirche für die Zukunft

Die dialogfähig und dialogisch gewordene katholische Kirche ist bei uns mit der übrigen Gesellschaft zahlreiche segensreiche Kooperationen eingegangen: Viele Menschen engagieren sich im Rahmen der kirchlichen Arbeit ehrenamtlich zugunsten Benachteiligter oder Kranker, zugunsten von Menschen am Rand oder solcher, die unter erschwerten Bedingungen leben. Gesellschaftliche Bedeutung der Kirche will heute kaum mehr jemand mit Abgrenzung und Abwehr gewinnen. Vielmehr verstehen religiös Bekennende und Praktizierende sich als Teil eines grösseren Zusammenhanges, dazu berufen, mit dem eigenen Handeln den Anspruch des Evangeliums zu verwirklichen und sich nicht unbesehen innerweltlicher Logik zu beugen. Christlicher Gottesdienst und christliches Handeln sind auf Zukunft ausgerichtet und damit von Hoffnung getragen. Der Luzerner Fundamentaltheologe Edmund Arens hat vor wenigen Wochen unter dem Titel «Welche Zukunft wollen wir?» eine eindrückliche Vision entwickelt: Christgläubige und damit Kirchen stellen mit ihrer innovativen (heilsgeschichtlichen) Erinnerung der Gesellschaft eine zukunftsweisende Ressource bereit. Sie verstehen die Schöpfung als ein Geschenk, den Menschen von Gott zur Sorge anvertraut, nicht mit einer Lizenz zur Ausbeutung versehen. Die biblische Tradition befähigt zu prophetischer Kritik an Strukturen des Unrechtes in Politik, Ökonomie und Gesellschaft – und selbstverständlich auch zu religionskritischer Selbstkritik. Daraus erwächst eine Kompetenz zum solidarischen Zusammenleben – mit Nahen und mit Fernen, mit Eigenen und mit Fremden.

Der Vielfalt gerecht werden

Die uralte christliche Ausrichtung auf das Reich Gottes ist auch Ausdruck des entschlossenen Willens zur Überwindung von Leiden aller Art, sie vermittelt die Hoffnung, «dass es bei Gott eine Zukunft für alle gibt, für die Lebenden und die Toten» (Edmund Arens). Was gesellschaftliche Relevanz der Kirchen heissen kann, hat 1989 in Basel die Europäische Ökumenische Versammlung «Frieden in Gerechtigkeit» deutlich ins Wort gefasst: «Umkehr zu Gott bedeutet heute, einen Weg zu suchen […] in eine Gesellschaft, in der die Menschen gleiche Rechte besitzen und in Solidarität miteinander leben, […] in eine Vielfalt der Kulturen, Traditionen und Völker […], in eine Gemeinschaft, die sich bewusst ist, dass sie der ständigen Vergebung und Erneuerung bedarf, und die Gott für seine Liebe und für seine Gaben gemeinsam lobt und preist».

21. Juni 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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