Die Wahrheit ist meistens nicht schwarz-weiss. Foto: misterQM / photocase.de

Hl. Birgitta von Schweden

Man solle ja keine Arbeit in die Ferien mitnehmen, heisst es. Umgekehrt aber kann ich sehr wohl etwas Ferien in meine Arbeit einfliessen lassen. Weil ich zwei Wochen in Schweden weilen werde, trifft es sich gut, dass der 23. Juli der Gedenktag der hl. Birgittavon Schweden ist.

1303 geboren, hatte sie schon im zarten Alter von acht Jahren Visionen. Mit 13 wurde sie verheiratet, wie es wohl damals in Schweden üblich war, und war 20 Jahre lang Ehefrau. Sie kümmerte sich intensiv um Frauen, die von der Gesellschaft ausgeschlossen wurden – ein Wesenszug, der ihre weitere Aktivitäten ebenfalls prägen sollte.Nach diversen Pilgerreisen und dem Tod ihres Mannes hatte sie zahlreiche Visionen. Die Adlige gründete in der Folge den Brigittenorden, errichtete ein Kloster und fing an, streng asketisch zu leben. Zudem mischte sie sich unverblümt in das Leben am Hof ein und redete den Adligen, die ihrer Ansicht nach lästerliche Sitten pflegten, ins Gewissen. Homosexualität und der Messebesuch des Königs trotz päpstlichen Bannes waren rote Tücher für sie.

Es stellt sich hintergründig die Frage: War die hl. Birgitta eine starke Frau, die die Mächtigen kritisierte oder eine unangenehme Moralapostelin? Bald reiste Birgitta nach Rom, um eine Frauengemeinschaft zu gründen. Und auch dort setzte sie sich für Sitte und Ordnung ein, da sie die Heilige Stadt für einen Sündenpfuhl hielt. Sie führte ein Frauenhaus, das Prostituierten einen Neuanfang ermöglichte – zu dieser Zeit wohl ein absolutes Novum. Nur, irgendwie auch hier – solchen asketischen, frommen, begeisterten Heiligenfiguren hängt ein moralistisches Gschmäckle an. Der radikale Einsatz für Sitte und Moral ist gut und schön, aber wenn ich solche Heiligengeschichten höre, frage ich mich: Waren diese Personen wirklich liebenswert, fürsorglich, selbstlos? Oder waren sie moralistisch-strenge geistliche Führer*innen? Umgekehrt war Birgitta auch furchtlose Vermittlerin und Friedensstifterin im 100-jährigen Krieg. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.

Sebastian Schafer

«katholisch kompakt» im Überblick

 

 

10. Juli 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 15
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