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News-Artikel

Bild: cc, michael pollak, flickr.com

Ich bin und bleib katholisch

Dies ist eine Ode an meine Altausseer Tante aus dem Salzkammergut, Jahrgang 1923. Fast ein Jahrhundert europäischer Zeitgeschichte hat sie miterlebt: den Aufstieg des Nationalsozialismus, den Anschluss Österreichs an Nazideutschland, den Holocaust, den Zweiten Weltkrieg, die Nachkriegszeit, den Wirtschaftsaufschwung, das vereinte Europa. Sie ist im Bilde, interpretiert, kommentiert die Regierenden. Oft zürnend. 

Nach den Regeln der österreichischen Etikette erzogen, gebietet es ihr die gute Kinderstube, den Groll wohlerzogen zu formulieren. «Er ist ein Trottel», ist ein Maximales. Richtet sich ihr Ungemach gegen eine Amtsinhaberin, begnügt sie sich mit dem lieblicheren «Das ist ein Trutscherl», was so viel bedeutet wie «unentschlossenes, nicht durchsetzungsfähiges weibliches Wesen». Den Frauen mag sie nicht annähernd so viel Unfähigkeit vorwerfen, diese stünden nämlich noch unter dem Joch der Männer. 

Die Fülle der Weisheiten meiner Tante, die in heiteren Bonmots daherkommen, kann den Nagel so herrlich auf den Kopf treffen. Zur Religion zum Beispiel hat die Tante einiges zu sagen. Obwohl in einem katholischen Umfeld aufgewachsen, als man den Hochwürden auf der Strasse unterwürfigst begrüsste, ist sie der Kirche gegenüber furchtbar kritisch. «Die Pfarrer wollten uns unterdrücken!» Aber die Menschen liessen dies nicht mehr zu. «Aufklärung ist das Heraustreten des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit», so drückte es Kant aus. Dem eigenen und anderen Glaubensbekenntnissen, bei aller Skepsis der göttlichen Autorität gegenüber, begegnet sie mit gebührendem Respekt. Die Muslime bewundert sie für ihre Disziplin, mit der sie fünfmal am Tag ihre Gebete verrichten. So viel Zeit habe sie freilich nicht, sie würde bei der Arbeit beten. «Ora et labora» im Sinne der Ordensregel des Heiligen Benedikt von Nursia. Ihr Hang zum Praktischen lässt sie religiöse Praktiken unter einem erfrischend weltlichen Aspekt beleuchten. 

Im islamischen Opferfest zum Gedenken an die Bereitschaft Abrahams, seinen Sohn Ismail (bei den Muslimen ist es Isamail und nicht Isaak) Gott zu opfern, sieht sie eine Art Wirtschaftsförderung. «Der Herr Mohamed (der Prophet Mohamed) war ja schliesslich Kaufmann, mit dem Fest hat er seine Schafe gewinnbringend verkauft.» Eigentlich nachvollziehbar. Was Lessing in «Nathan der Weise » forderte, nämlich Toleranz, die wir heute auch in der Schweiz im Umgang mit religiösen Minderheiten hie und da vermissen, lebt die alte Frau ohne Wenn und Aber vor. Mit Verstand, Kritik und Humor. 

Dass sie selber, angesichts der Untaten und Machenschaften der katholischen Kirche sowie der konservativen Haltung des jetzigen Pontifex, dieser treu geblieben ist, hat durchaus nachvollziehbare Gründe. «Erstens zahlt es sich nicht mehr aus. Zweitens bin ich katholisch und bleibe katholisch.» Ein Stück gelebte, realitätsbezogene Glaubenspraxis. 

Jasmin El-Sonbati (1960) Tochter einer Österreicherin und eines Ägypters, geboren in Wien, aufgewachsen in Kairo und Basel. Gymnasiallehrerin, Autorin und Referentin zu Migration und Islam. Autorenportraits

28. Juni 2012