Porträt von Hélène Berr 1942, Mémorial de la Shoah/coll. Mariette Job

«Ich glaube an die Überlegenheit des Guten»

Der 8. Juni 1942 ist für die Anglistik-Studentin ein Tag der Kontraste: Vogelzwitschern, strahlendes Pariser Wetter. Aber als Jüdin muss sie im besetzten Frankreich erstmals den gelben Stern tragen. Sie befestigt ihn mit einem blauweissroten Sträusschen, den Farben der Trikolore, am Knopfloch ihrer Jacke. Die Kollegen schauen beflissen darüber hinweg.

von Beatrice Eichmann-Leutenegger

  • «Ja, ich weiss; es tut den anderen weh. Aber wenn sie wüssten, was für eine Kreuzigung es für mich ist (…). Mir schien plötzlich, dass ich nicht mehr ich selbst war, dass sich alles verändert hatte, dass ich eine Fremde war (…).»

Eine finstere Zeit beginnt für sie, ihre wohl situierte Familie, für die Juden Frankreichs. Die ersten Deportationen laufen in diesem Sommer an, aber das Leben der anderen geht unbeirrt weiter. Am 7. April 1942 hat Hélène Berr mit den Aufzeichnungen in ihrem Tagebuch begonnen, und sie führt sie fort bis Mitte Februar 1944. Am 7. März 1944 wird sie mit den Eltern verhaftet und kurz vor ihrem Geburtstag, der auf den 27. März fällt, nach Auschwitz deportiert. Vater und Mutter sterben in den Gaskammern. Die Tochter indessen wird Anfang November 1944 nach Bergen-Belsen verlegt. Hier erkrankt sie am grassierenden Typhus; dasselbe Schicksal trifft dort Margot und Anne Frank. Fünf Tage vor der Befreiung des Lagers durch die Engländer kann Hélène Berr beim Appell nicht mehr aufstehen. Sie wird von den Wachen brutal niedergeschlagen.

Bedeutsames Zeitdokument

Ihr Tagebuch, das sie dem Verlobten, dem künftigen Diplomaten Jean Morawiecki (1921-2008), gewidmet hat, gelangt 1994 in die Hände der Nichte Mariette Job. Diese schenkt es 2002 dem Pariser «Mémorial de la Shoa». 2008 wird es veröffentlicht, begleitet von einem berührenden Vorwort des späteren Nobelpreisträgers Patrick Modiano, und erschüttert die Leserschaft. Zwei Tage nach Erscheinen ist die Erstauflage von 24 000 Exemplaren vergriffen. Sofort erkennt man die Bedeutung dieses Tagebuchs, das die Auswirkungen der deutschen Okkupation im jüdischen Alltag genau benennt. Es ist das «document humain» einer wachen, sensiblen Frau, deren Journal man ohne Zögern jenem von Anne Frank und Etty Hillesum gleichstellen darf; es ist die lautere Stimme einer Französin, die für das Glück empfänglich ist, aber nicht wegsieht, wenn das Leid den Nächsten trifft.

Mit Güte gegen das Böse

Getragen von einer grossen compassion, engagiert sich Hélène Berr als ehrenamtliche Sozialhelferin der UGIF (Union générale des israélites de France). Hier erhält sie Informationen aus erster Hand über die wahre Situation in den Lagern, hier kümmert sie sich um die Kinder der deportierten Eltern, hier begegnet sie der Verzweiflung der Verfolgten. Unerbittlich stürmen die Fragen auf sie ein: «…wenn sich die christliche Welt massenhaft erhoben hätte gegen die Verfolgungen?». Mehr und mehr aber bildet sich eine Gewissheit heraus, die dem Tagebuch seine Grösse verleiht:

  • «Es gibt den gütigen Blick von Männern und Frauen, der einem das Herz mit einem unbeschreiblichen Gefühl erfüllt. Es gibt das Bewusstsein, den Rohlingen (…) überlegen zu sein und mit den wahren Männern und den wahren Frauen vereint zu sein (…). Es gibt die Einheit gegen das Böse und die Gemeinschaft im Leiden.»

Ihr eigenes Schicksal stellt sie zurück. Als Jüdin wird sie zu den Studienabschlussprüfungen nicht mehr zugelassen, und oft fragt sie sich, warum sie nicht mit den Verwandten in den Süden, in die zone libre gezogen ist. Doch ein solcher Schritt erscheint ihr als Eskapismus; Leidensverklärung aber liegt ihr fern, überhaupt jedes Pathos. Sie empört sich leidenschaftlich über die Ignoranz der Nachbarin, die leugnet, dass auch Kinder und Säuglinge deportiert werden:

  • «Nicht wissen, nicht verstehen, selbst wenn man Bescheid weiss, weil eine Tür in einem selbst geschlossen bleibt, jene Tür, die wenn sie aufgeht, endlich den Teil begreifen lässt, den man bloss wusste. Das ist das ungeheure Drama dieser Epoche. Niemand weiss etwas von den Leuten, die leiden.»

Festhalten an der Überlegenheit des Guten

Mit den Worten «Horror! Horror! Horror!» aus Shakespeares «Macbeth» endet das Tagebuch. Denn Hélène Berr hat soeben von einem Helfer bei den Enfants malades, einem ehemaligen Lager-Häftling, einen KZ-Tatsachenbericht erhalten. Doch auch wenn die Schrecken ihrem Glauben widersprechen, hält sie an der Überlegenheit des Guten fest. «Woher kommt dieser unausrottbare Glaube?», fragt sie sich. Es bleibt auch die Frage jener, die heute, hundert Jahre nach ihrer Geburt, dieses Tagebuch lesen.

 

Hélène Berr, Pariser Tagebuch 1942-1944. Mit einem Vorwort von Patrick Modiano. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Hanser Verlag: München 2009

26. März 2021
erstellt von «pfarrblatt»
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