«Angst engt uns nur ein.» Felix Gmür. Foto: Pia Neuenschwander

«Ich habe keine Angst vor Schiffbruch»

Ein Gespräch mit Bischof Felix Gmür zwischen den Jahren. Was brachte er vom Ad-Limina-Besuch aus Rom mit und welche Prioritäten setzt er im neuen Jahr?

«pfarrblatt»: Herr Bischof, Mitte Dezember sind Sie aus Rom zurückgekehrt. Was ist das vorherrschende Gefühl nach dem Ad-Limina- Besuch?
Bischof Felix Gmür: Ein gutes Gefühl. Wir waren beim Papst. Wir haben nicht nur geredet, sondern auch gebetet, in den vier Patriarchalbasiliken. Und wir trafen die Leute aus den Kongregationen. Wir hatten einen guten Austausch, und das ist besser als nur Briefe zu schreiben.

Und was brachten Sie nun aus Rom zurück, Anliegen, Aufgaben, Lösungen?
Es ist nicht so, dass wir nach Rom reisen und mit Aufträgen zurückkommen. Es ist immer ein Geben und Nehmen. Wir hörten beispielsweise vom Papst jetzt mündlich, was er in Evangelii gaudium geschrieben hatte. Wir konnten aber auch unsere Anliegen bei den Kongregationen deponieren.

Welche Anliegen haben Sie anbringen können?
Ich konnte erläutern, dass wir in einer sehr gemischten, einer ausdifferenzierten Gesellschaft leben, in der Religion nur eine von vielen Lebensvollzügen darstellt. Ich konnte klarmachen, dass die Kirche in einer solchen Gesellschaft nicht als Gebots- und Verbotsreligion auftreten kann. Sie verkündet das Evangelium und lebt es vor. Sie kann damit den Menschen im Land einen Vorschlag machen, eine «proposition de la foi». Die Kirche kann nicht mit dem Vorschlaghammer auftreten. Das ist ein Anliegen des Pastoralen Entwicklungsplans PEP des Bistums Basel.

In der als Manuskript veröffentlichten Rede des Papstes hiess es, dass man auf den Unterschied zwischen Laien, auch hauptamtlich tätigen, und Priestern achten soll.
Der Papst hat davon nichts gesagt. Die gedruckte Rede haben wir am Schluss zusammen mit andern Geschenken erhalten. Er hat sie nicht gehalten. Es hat überhaupt niemand eine Rede gehalten. Wir waren eindreiviertel Stunden beim Papst und haben ein Gespräch geführt.

Trotzdem hat die publizierte Rede des Papstes in der Schweiz Reaktionen ausgelöst. Ganz unterschiedliche Seiten sahen sich bestärkt.
Wenn alle zufrieden sind, umso besser (lacht).

Das Bistum Basel überträgt Laien, auch Frauen, in weltweit wohl einzigartiger Weise verantwortungsvolle Aufgaben. Akzeptiert man das in Rom?
Die Frage ist nicht, ob man das akzeptiert. Die Frage ist, ob das die beste Lösung ist. Die Realität der Kirche ist immer wieder unterschiedlich. Wir leben noch so, wie es in den 50er Jahren war: Jedes Dorf hat seine Pfarrei, seinen Priester. Und daneben noch Vikare, einen Kaplan oder einen Pfarrresignaten. Das ist nicht mehr so. Und an vielen Orten auf der Welt ist es nicht so. Papst Franziskus kommt aus Südamerika. Dort gibt es ganze Landstriche ohne Priester. Auch dort haben Laien besondere Beauftragungen.

Das heisst, der Papst hat dafür Verständnis?
Nicht nur er. Auch manche Kardinäle. Ich habe gesagt, dass wir viel weniger Priester als Pfarreien haben. Aber viele gehen immer noch davon aus, dass wir anderthalb mal so viele Priester als Pfarreien haben. Und ganz viele Priester sind ja im Pensionsalter.

Letztes Jahr gab es im Bistum Basel eine Priesterweihe, 17 Priester sind verstorben. Und es kommen sehr wenige nach …
Das gibt eine Veränderung des Bildes der Kirche. Das Volk Gottes wird aktiver. Es wird nicht mehr einfach flächendeckend betreut. Seelsorge wird gegenseitig geleistet. Auch wenn unsere Vorstellung von sogenannten Basisgemeinden etwas romantisch und idealistisch sein mag. In diese Richtung geht es. Es entsteht etwas Neues.

Zum Beispiel die Pastoralraumbildung. Anfang 2014 gaben Sie bekannt, dass alle Pastoralräume bis Mitte 2016 errichtet sein sollen. Ist das Projekt im Plan?
Ein Projekt braucht nicht nur einen Beginn, sondern auch ein Ende. Und dieses war nicht definiert. Wenn man nicht vorwärts macht, wird viel Energie verschwendet. Pastoralräume bilden ja nur die Struktur, in der man das Evangelium leben können soll. Solche Rahmenbedingungen müssen klar sein. Ich habe den Termin gesetzt, und ich nehme an, dass das funktioniert. Ich bin ein positiver Mensch …

Sie sprechen vom Leben nach dem Evangelium. Was meinen Sie damit?
Wie das der Papst gesagt hat: Die Seligpreisungen und Matthäus 25 «was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt …» Das versteht jeder und jede. Es gibt Menschen, die bedürftig sind, die Hunger oder Durst haben, die obdachlos sind, denen Beziehungen fehlen, die spirituell Hunger haben. Es geht um die Not jedes Einzelnen. Aber es heisst: «Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.» Wir als Gemeinschaft von Glaubenden, als Kirche sind gerufen.

Hoffen Sie, dass durch die Pastoralräume eine neue Bewegung entsteht, dass neue Leute angesprochen werden können?
Die neuen Lebensräume und Lebenswirklichkeiten sind grösser und differenzierter als früher. Auch in ländlichen Gebieten. Deshalb muss auch die Kirche in einem grösseren Raum wirken. Dort arbeiten mehrere Seelsorgende. Damit gibt es auch mehr Identifikationspersonen. Es findet ja nicht jeder Mensch zum gleichen Seelsorger Zugang.

Um Beziehungen ging es an der Bischofssynode im Herbst. Wenn es um wiederverheiratete Geschiedene geht, bekundet die Kirche Mühe. Wie gehen Sie als Bischof mit diesen Problemen um?
Zuerst nehme ich wahr, was es alles gibt. Dazu gehört, dass die Ehe auch für viele junge Menschen ein Ideal darstellt, auch wenn es nicht immer erreicht wird. Ich bin keiner, der verurteilt und Türen verschliesst. Vielleicht müssen wir als Kirche lernen, dass auch eine ideale Lebensform einem Prozess unterworfen ist. Das Schwierigste ist der Umgang mit einer Beziehung, die nicht geglückt ist. Das wird meist an den Sakramenten festgemacht. Die Betroffenen dürfen nicht den Eindruck erhalten, sie seien de facto exkommuniziert.

Wenn Sie das kommende Jahr in den Blick nehmen: Welche Akzente sind erkennbar?
Auch 2015 bildet die Arbeit an den Pastoralräumen einen wichtigen Akzent. Die bisherigen Errichtungen waren für mich ein Highlight. Ich setze dafür viel Zeit ein. Ich bin natürlich vor allem dort gefragt, wo nicht alles rund läuft. Aber es freut mich, dass die sogenannte Basis oft sehr engagiert mitmacht. Dafür bin ich sehr dankbar. Etwas Zweites ist die Weiterführung von «PEP im Dialog» mit den Seelsorgenden zum Thema Rollen und Berufsbilder. Dieser Prozess stockt, weil wir selber nicht genau wissen, wohin sich das entwickelt. Jede Berufsgattung meint, die anderen hätten es einfacher. In einer Steuergruppe wollen wir klare Fragen formulieren. Es ist interessant zu sehen, dass es alle super finden, wenn der Papst sagt: «Geht raus, an die Ränder der Gesellschaft.» Aber dann passiert doch wenig, weil wir immer wieder in alte Rollen zurückfallen. Und natürlich sind auch gewisse Erwartungen der Menschen noch von der Vergangenheit geprägt.

Also braucht es Änderungen beim Personal und bei den Gläubigen. Aber doch auch bei der Kirche als ganzer.
Die Kirche wandelt sich extrem stark. Achtzigjährige haben als Jugendliche doch eine vollkommen andere Kirche erlebt.

Die meisten Menschen nehmen den Bischof über die Medien wahr. Und dort zusammen mit andern Bischöfen, die teilweise einen andern Stil pflegen. Wie der Bischof von Chur. Das ist wahrscheinlich nicht einfach.
Ich streite mit Mitbrüdern nicht in der Öffentlichkeit. Wenn wir unterschiedlicher Meinung sind, sagen wir uns das. Ich könnte versuchen, mehr in den Medien zu erscheinen. Aber das braucht Zeit. Mir sind die direkten Kontakte in den Pfarreien momentan wichtiger.

Martin Gächter beendet seinen Dienst als Weihbischof auf Ende Jahr. Wird es einen neuen Weihbischof im Bistum Basel geben?
Der zweite Weihbischof muss das ordentliche Verfahren einer Bischofsernennung durchlaufen. Und das dauert. Aber ich habe es noch nicht gestartet. Ich muss ja die Tatsache, dass wir immer weniger Priester haben, ernst nehmen. In der Bischofskonferenz sind wir allerdings am Anschlag.

Das wäre ein Argument für einen neuen Weihbischof …
Oder für eine andere Aufgabenverteilung. Wir dürfen uns nicht zu viel aufbürden, sonst können wir nicht mehr Seelsorger sein.

Können Sie noch Seelsorger sein?
Ja, ich meine schon. Auch eine Sitzung kann seelsorgerliche Aspekte haben.

Wir haben das Gefühl, dass Sie Freude an Ihrem Amt haben. Was trägt Sie in diesem grossen Bistum?
Ich habe keine Angst, keine Angst vor Schiffbruch. Angst engt uns nur ein. An Weihnachten heisst es: Fürchtet euch nicht! Das hätte ich auch als meinen Wahlspruch nehmen können. Das ist doch eine supergute Botschaft.

Interview: Alois Schuler, Jürg Meienberg

26. Dezember 2014